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Großwildjagd auf dem Campus Wie Firmen um die besten Absolventen buhlen

Darf's eine Wildwassertour sein, ein Skiurlaub, vielleicht eine Weltreise? Unternehmen legen sich mächtig ins Zeug, um die Profis von morgen aus dem Hörsaal zu fischen, bevor die Konkurrenz Witterung aufnimmt. Opulente Offerten für kapitale Köpfe - Personalern ist fast jedes Mittel recht.
Von Kirsten Krumrey
Bitte recht freundlich: Firmen umgarnen Top-Studenten mit verlockenden Angeboten

Bitte recht freundlich: Firmen umgarnen Top-Studenten mit verlockenden Angeboten

Foto: Corbis

Bitte, bitte, arbeiten Sie für uns! Fangen Sie nach dem Studium unbedingt bei uns an! Überlegen Sie es sich ganz in Ruhe - vielleicht bei einer kleinen Wildwasser-Raftingtour? Wir bezahlen. Oder würde Ihnen eine Kletterpartie im Hochseilgarten mehr Freude machen? Nein? Darf's dann vielleicht eine Weltreise sein?

Was sich anhört wie der Traum eines Jungakademikers auf verzweifelter Jobsuche, ist bisweilen gar nicht so weit von der Realität entfernt. Unternehmen legen sich mächtig ins Zeug für ihr Ziel: die Besten der Besten für sich zu gewinnen. Vorzugsweise gleich vom Hörsaal weg und unbedingt, bevor die Konkurrenz Witterung aufnimmt.

Geld spielt keine Rolle bei der Jagd auf die kapitalen Köpfe. "Die Unternehmen haben den Anspruch, nur die Besten einzustellen, und lassen sich das auch etwas kosten", sagt Jens Wüstemann, Professor für Wirtschaftsprüfung an der Uni Mannheim.

Deswegen ködern die Jäger ihr Wild, die sogenannten High Potentials, mit Stipendien, mit Einladungen zu Sportevents oder eleganten Abendessen, mit Outdoor-Abenteuern und exklusiven Reisen. Die Beraterfirma KPMG hat im vergangenen Jahr tatsächlich zehn Studenten rund um den Globus geschickt, nach Zürich, New York und Tokio. Dagegen wirkt der diesjährige dreitägige Skiurlaub in Sölden für 30 Studenten geradezu piefig. Immerhin hat das Unternehmen für 2011 eine GPS-Schnitzeljagd in den USA geplant - damit die potentiellen Nachwuchskräfte KPMG besser kennenlernen.

Nachwuchs-Treibjagd auf dem Campus

"Die Firmen liegen in einem permanenten Wettstreit um tollere Locations, manchmal sogar im Ausland", sagt Michael Hies, Geschäftsführer des Stipendiaten-Netzwerks e-fellows. "Sie überlegen, wie man den High Potentials etwas bieten kann, das sie sonst nicht machen."

Der Aufwand lohnt sich, nicht nur, weil die so eroberten Junggenies dem Arbeitgeber später oft glänzende Umsätze bescheren. "Solche Veranstaltungen dienen auch der Qualitätssicherung", sagt Jens Wüstemann. Man lerne einen Kandidaten beim Wildwasser-Rafting besser kennen als beim Blättern in dessen Bewerbungsmappe. Gut seien schließlich viele Absolventen, "fraglich ist, ob es menschlich passt".

Arbeitsmarkt

Die Schwierigkeit liegt darin, die kleine Elite, für die sich der Aufwand lohnt, aus der Masse des Durchschnitts zu picken, möglichst bevor sie sich mit ihren glänzenden Abschlussnoten auf dem präsentiert - sichtbar auch für die Konkurrenz.

Dazu müssen die Jäger sich dahin begeben, wo die Beute sich tummelt: auf den Campus. Dort bieten sie dann etwa, nicht ganz uneigennützig, ein Praxis-Seminar zum Thema "Wie bewerbe ich mich richtig?" an. Die Studenten haben Lebenslauf und Zeugnisse mitzubringen, schließlich brauchen sie Übungsmaterial. Noch vor Ort kann der Personaler der Firma die Infos überprüfen, die Intelligenzbestien herausfischen - und später formvollendet anwerben.

Auch Workshops oder Fallstudien-Seminare an den Universitäten sind gewissermaßen Treibjagden der nachwuchshungrigen Betriebe. Was sich schon darin zeigt, dass man sich "bei den meisten Events dieser Art bewerben muss", sagt Michael Hies. Solche Veranstaltungen werden oft von den Karrierebüros der Universitäten organisiert. Sie vermitteln zwischen Studenten und Wirtschaft.

"Unternehmen haben oft eine sehr lange Wunschliste", kritisiert Julia Monzel vom Career Service der Uni Köln. Alles muss stimmen, Noten, Praktika, Ausland, soziales Engagement - am liebsten würden die Firmen die üblichen Verdächtigen frei Haus geliefert bekommen. Doch eine Bestenliste rücken die Unis nicht heraus. "Wir sind ja schließlich keine Headhunter, sondern immer noch an der Universität", sagt Julia Monzel.

Die Vergütung ist nicht alles

Private Hochschulen wie die Bucerius Law School in Hamburg tun sich damit naturgemäß leichter; sie bieten ihren Förderern die gezielte Suche in ihrer Datenbank an. Auch das Stipendiaten-Netzwerks e-fellows erlaubt seinen Partnerunternehmen, darunter Bosch, Allianz, Telekom, den Zugriff auf knapp 20.000 Stipendiaten; die Firmen können die High Potentials direkt einladen, zum Vortrag, zu einem "Business Dinner" ("Kontakte knüpfen und mit einem Job heimfahren") oder zum "professionellen Eishockey-Training" ("Erreiche die nächste Play-off-Runde für deine Fachkarriere").

Geradezu verstaubt mutet dagegen das Praktikum an, der klassische Weg, Talente zu entdecken. Der Student lernt nicht Wildwasserfahren, sondern übt Alltagsmaloche, und die Chefin prüft, ob der Kerl nur akademische Höhenflüge kann oder auch die Mühsal der Ebene bewältigt. "Danach bleiben wir in Kontakt", sagt Andrea Schönwetter von der Telekom - mit Seminaren, Veranstaltungen, Eintrittskarten für wichtige Messen oder Stipendien.

Auf KPMG-Praktikanten wartet ein eigenes Programm mit ähnlichen Angeboten und Seminaren, in schöner Landschaft, versteht sich. "Über ein Praktikum kann ein Top-Kandidat zu uns kommen", sagt Roman Dykta, Leiter Personalmarketing bei KPMG. "Über das Programm und die Betreuung bis zum Ende des Studiums können wir ihn halten."

Fest steht, dass die Besten der Besten auch weiterhin nur mit feinster Verführung zu locken sein werden. Ein Batzen Geld, Bonus plus sattes Jahresgehalt, mag ja ganz nett sein. Reichen tut's nicht, da winken sie ab, die Aspiranten: Eine Studie des Beratungsunternehmens Kienbaum ergab, dass die Vergütung nur für ein knappes Drittel der Befragten eine wichtige Rolle spielt. Wichtiger ist ihnen ihre "persönliche Entwicklung", eine "kollegiale Atmosphäre" und ein gutes Verhältnis von Arbeit und Freizeit. Sind ja nicht blöd, die Top-Kandidaten.

Fliegender Wechsel in den Job - fünf junge Akademiker erzählen, wie ihnen der Berufsstart glückte:

Susanne, 26 - "Mitten in der Diplomarbeit eine Stellenzusage"

Während meines Studiums hatte ich über e-fellows einen Mentor bei Roche Diagnostics. Außerdem nahm ich an einem Logistik-Workshop teil, da haben wir, zusammen mit Führungskräften, diskutiert. Einer der Teilnehmer sollte einen Platz im Assessment-Center bekommen - der ging an mich!

Das war großartig, weil ich so das Telefoninterview überspringen konnte, eine echte Bewerbungshürde. Mitten in der Diplomarbeit hatte ich dann eine Stellenzusage! Ich habe verhandelt, dass ich auch später anfangen kann. Drei Tage nach meinem Diplom, im Mai, ging es schließlich los.

Matthias, 24 - "Das Unternehmen hat mich durchs Studium begleitet"

Ab Januar werde ich in der Inhouse-Beratung der Telekom arbeiten. Das Unternehmen hat mich durchs Studium begleitet: Seit 2007 bekomme ich ein Firmenstipendium, gerade schreibe ich meine Diplomarbeit im Konzern. Zu dem Stipendium gehören neben einer finanziellen Förderung auch Seminare und ein Mentor.

Ich hatte mich zusätzlich bei anderen Dax-Unternehmen auf eine Stelle beworben. Von manchen wurde mir sogar ein höheres Gehalt angeboten, aber hier kann ich dafür gleich bei strategischen Projekten mitarbeiten und ins Ausland gehen - den Ort kann ich mitbestimmen.

Birte, 29 - "Hilfreich waren sicherlich auch die guten Noten"

Neun Stunden haben meine Vorstellungsgespräche gedauert - heute weiß ich, dass Bayer das nur bei großem Interesse macht. Wichtig für meine heutige Stelle war, dass ich nicht nur ein Fachgebiet beherrsche. Ich hatte immer interdisziplinär gearbeitet und kenne mich sowohl in der organischen Synthese als auch mit Nanomaterialien und Polymerwissenschaften aus. Hilfreich waren sicherlich auch die guten Noten, Diplom mit 1,2 und Promotion mit 1,0.

Claudia, 33 - "Wir waren auch im Hochseilgarten und Kartfahren"

Mein Professor hat mich angesprochen, ob ich nicht ein Praktikum bei der KPMG machen will. Dort bin ich ins highQ-Programm für die besten Praktikanten gerutscht. Zur Förderung gehörten auch Reisen an den Chiemsee und nach Bad Boll, bei denen wir highQ-ler in einem schönen Seminarhotel Fallstudien aus dem KPMG-Leben bearbeitet haben; wir waren aber auch im Hochseilgarten und sind Kartfahren gegangen. Den Rest meines Studiums war ich Werksstudentin.

Die Festanstellung hat gleich geklappt, seit Januar bin ich richtig dabei. Das Programm ist fast eine Jobgarantie.

Carsten, 35 - "Natürlich spielt das Gehalt eine Rolle"

Nach meinem Referendariat habe ich im Mai bei White & Case, einer großen Anwaltskanzlei, angefangen. Aufmerksam geworden bin ich, als ich den Vortrag eines der Partner - jetzt ist er mein Chef! - an der Bucerius Law School hörte. Auf unserer Absolventenmesse traf ich ihn wieder. Nach weiteren Gesprächen in der Kanzlei und Einladungen zu verschiedenen Veranstaltungen und einem Eishockey-Spiel hat es geklappt.

Natürlich spielt das Gehalt eine Rolle, mir waren aber auch Weiterbildung, persönliche Atmosphäre, der Standort Hamburg und mein Traumbereich Bankrecht wichtig. Reisen haben White & Case mir nicht angeboten - ich mag's auch lieber bodenständig.

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