Hamburger Kapriolen Die Geschäfte eines emsigen Dekans

Auch in Hamburg müssen Professoren ihre Nebentätigkeiten genehmigen lassen. Doch an der Universität Hamburg nimmt man das offenbar nicht so genau. Auch dass der Dekan für Wirtschaftswissenschaften an seiner Allfinanz Akademie ein umstrittenes MBA-Programm anbietet, stört die Universität anscheinend nicht.

Von Bärbel Schwertfeger


Im vor kurzem veröffentlichten Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) belegte der Fachbereich Betriebswirtschaft an der Hamburger Uni einen der letzten Plätze und war schon beim SPIEGEL-Ranking vor drei Jahren Schlusslicht. Besonders schlecht schnitt die Uni dabei im Urteil der Studenten ab. Möglicherweise liegt das auch mit daran, dass Lothar Streitferdt, der Dekan für Wirtschaftswissenschaften, so ein vielbeschäftigter Mann ist.

WiWi-Studenten: Hamburg auf dem letzten Platz
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WiWi-Studenten: Hamburg auf dem letzten Platz

Denn neben seiner Uni-Tätigkeit ist der Professor auch noch Leiter der "Allfinanz Akademie AG". Die bietet in Kooperation mit der Fernuniversität Hagen ein Studium zum Master of Business Administration (MBA) an, das bereits für heftigen Wirbel sorgte. Bis vor kurzem war Streitferdt zudem Geschäftsführer der "College of Business für Wirtschafts- und Finanzdienstleistungen GmbH". Geschäftszweck laut Handelsregister: der "Aufbau und Betrieb von privaten Ausbildungs- und Forschungsstätten von der Berufsschul- bis zur Hochschul- und Universitätsstufe (...) in Kooperation mit in- und ausländischen Partnern."

Was noch erstaunlicher ist: Beide Institute gehören beziehungsweise gehörten Streitferdt mehrheitlich. Laut der renommierten Wirtschaftsauskunft Creditreform liegt der geschätzte Jahresumsatz für 2001 beim College of Business bei 300.000 Euro, bei der Allfinanz Akademie bei 500.000 Euro. Auch der Gewinn dürfte daher beträchtlich sein.

Undurchsichtige Besitzverhältnisse

Doch der Präsident der Universität interessiert sich als Dienstvorgesetzter von Streitferdt offenbar nicht wirklich für dessen Nebentätigkeiten. So antwortete die Pressestelle auf eine Anfrage: "Über die konkreten Aktivitäten der Akademie, insbesondere über die wirtschaftliche Situation, haben wir keine umfassenden Informationen, weil das für die Genehmigung einer Nebentätigkeit nicht relevant ist."

Dabei war Streitferdt 1995 sogar an die Behörde für Wissenschaft und Forschung mit der Bitte herangetreten, die Allfinanz Akademie als staatlich anerkannte Hochschule zuzulassen. Allerdings war die Antwort vernichtend: Die vorgelegten Unterlagen ließen erkennen, dass die Allfinanz Akademie "in keiner Weise die Voraussetzungen" dafür erfülle, heißt es in einem internen Papier der Behörde.

Auch dass Streitferdt die Zeugnisse seiner Allfinanz Akademie mit dem Zusatz "Universität Hamburg" unterschreibt und damit beim unbefangenen Leser leicht den Eindruck erweckt, die Uni habe etwas mit der Allfinanz Akademie zu tun, störte die Universität bisher nicht. Erst aufgrund mehrmaliger Nachfragen erklärte man nun, mit Herrn Streitferdt vereinbart zu haben, diesen Zusatz künftig nicht mehr zu verwenden.

Noch merkwürdiger wird es bei Streitferdts Nebentätigkeit als Geschäftsführer des College of Business. Denn hier ist nicht einmal klar, ob er überhaupt eine Genehmigung dafür beantragt hat - und die Uni gibt dazu keine Auskunft. Auffallend ist jedoch, dass der Professor bereits ein paar Tage nach der ersten Anfrage an die Uni nicht nur seine Tätigkeit als Geschäftsführer, sondern auch sein 95-prozentigen Gesellschafteranteile an dem Institut, die er seit 1998 besaß, plötzlich abgab.

Bei der Allfinanz Akademie wirft der geschäftstüchtige Dekan dagegen weiter Nebelkerzen. Denn bei der als Aktiengesellschaft eingetragenen "ALG Abbey Life Group Allfinanz Akademie AG" lassen sich die Besitzverhältnisse nicht ermitteln.

Lukrative Geschäftsidee

Da musste selbst die Wirtschaftsauskunft Creditreform kapitulieren, und auf der Homepage www.allfinanzakademie.de heißt es kryptisch: "Die Allfinanz Akademie wurde 1990 von einem führenden europäischen Versicherungsunternehmen gegründet. Die Gründung erfolgte durch die Allfinanz Service GmbH, die wiederum zu 100 % im Besitz der Lloyds Abbey Life plc, Weybridge, Großbritannien ist. Rund 60 Prozent der Anteile dieser Gesellschaft werden von der Lloyds Bank Plc, London, Großbritannien gehalten."

Dass die Lloyds Bank, die 1996 alle Anteile der Lloyds Abbey Life übernommen hat, längst nichts mehr mit der Allfinanz Akademie zu tun hat, verschweigt der Professor. Dabei hatte er selbst im Mai erklärt, dass er inzwischen Mehrheitseigentümer der Allfinanz Akademie ist.

Aber schließlich steckt dahinter auch eine lukrative Geschäftsidee: Man nimmt den Weiterbildungskurs "Finanzdienstleistungen" der Fernuniversität Hagen, ergänzt ihn durch ein paar Kolloquien, Seminare und Prüfungen, sucht sich eine britische Universität wie die University of Wales, die dafür den MBA-Titel verleiht - und verkauft das Ganze als teures MBA-Studium.

Welche Rolle spielt die Fernuniversität?

11.755 Euro betragen die Studiengebühren. Lediglich 716 Euro muss man für den Fernkurs von Hagen berappen. Knapp 560 Euro verlangt die University of Wales für ihre Titelvergabe. Bleiben pro MBA-Absolvent über 10.000 Euro übrig, von denen noch die paar Zusatzleistungen bezahlt werden müssen. 205 Studenten haben laut University of Wales allein zwischen Juni 1999 und Dezember 2001 das Programm erfolgreich absolviert - macht mehr als zwei Millionen Euro Einnahmen in zweieinhalb Jahren.

Doch das funktioniert natürlich nur mit Hilfe der Fernuni Hagen. Dort spielt Michael Bitz, Professor am Hagener Lehrstuhl für Betriebswirtschaft und zudem nebenberuflich Studienleiter an der Allfinanz Akademie, eine merkwürdige Rolle. So betreibt die Allfinanz Akademie an seinem Lehrstuhl sogar eine eigene Geschäftsstelle.

Doch es wird noch obskurer: Während Bitz von der hohen Qualität des Allfinanz-Angebots überzeugt ist, erkennt die Fernuni einem Schreiben der Kultusministerkonferenz zufolge die Ausbildungsleistungen der Allfinanz Akademie "wegen zu geringen Niveaus" nicht einmal auf ihre regulären Studiengänge an. Wie das zusammen passt, bleibt ein Rätsel. Denn die Fernuni verweigert eine Stellungnahme.



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