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Ganz in Schwarz: Gothic-Treffen in Leipzig

Foto: Sebastian Willnow/ APN

Hinter der Fassade Was machen Gothics eigentlich beruflich?

Leipzig trägt schwarz: Tausende Gothic-Anhänger überschwemmen die Stadt, sie versammeln sich zum 19. Wave Gotik Treffen. Manche Gestalten sehen düster aus, andere kunstvoll geschminkt. Aber was machen Gothics eigentlich im normalen Leben?

Raschelnde Reifröcke, stolze Spitzenschirme, Menschen mit kunstvollem Kajal um die Augen. Verschnörkelte Gesichter, glänzender Stahlschmuck, stachelige Piercings durch Ohrläppchen und Lippen. Ein Grufti geht auf der Straße vorbei, um ihn herum eine Parfümwolke Patchouli. Eine schwere, dunkle Süße liegt in der Luft.

Leipzig, die freundliche Messestadt, hat sich eine schwarze Maske übergezogen, für vier Tage verwandelt sie sich in ein Schattenland. Hier findet das 19. Wave Gotik Treffen (WGT) statt, das weltweit größte Treffen der schwarzen Szene. Die Besucher, rund 20.000 Gothics aus ganz Europa, sehen aus wie aus einem Fantasy-Reich, wie von einem anderen Stern.

Aber was machen Gothics eigentlich, wenn kein WGT ist? Gibt es ein normales Leben neben der wavigen Wunderwelt? Was zum Beispiel sind sie von Beruf?

Auffallend oft hört man den Wunsch, anderen zu helfen, sich sozial zu engagieren. "Ich war schon immer gerne für andere da", erzählt zum Beispiel Mariella Masel. Die 18-Jährige aus Berlin hat vor einem Jahr ein Praktikum als Krankenpflegerin absolviert, in der Neurologie und Chirurgie.

"Ich mag es, hinter die Dinge zu schauen"

Krankenpfleger sei ein "schwieriger Beruf", sagt Mariella. Die Krankheiten anderer Menschen bewusst in ihr Leben zu lassen, sei ihr anfangs nicht leicht gefallen, "das hat weh getan". Doch dann merkte sie, wie befriedigend es für sie war, wenn es Menschen, die mit einem Leiden ins Krankenhaus kamen, nach einiger Zeit wieder besser ging - "und ich zu dieser Besserung beigetragen habe. Da bin ich abends glücklich nach Hause gegangen".

Aktuell sucht Mariella einen Ausbildungsplatz als Krankenpflegerin, ein Berufsziel, das auch Milena Grafe vor Augen hat. Die 20-jährige Hamburgerin absolvierte zunächst die Mittlere Reife. Nun will sie weiterklettern bis zum Abitur, steckt derzeit in der zwölften Klasse. Danach könnte sie sich "eine Arbeit mit kranken Menschen oder schwererziehbaren Kindern und Jugendlichen" vorstellen.

Die Begründung: "Ich helfe und verstehe einfach gerne", sagt Milena. Sie sei besonders neugierig auf schwierige Verhältnisse: "Ich mag es, hinter die Dinge zu schauen."

Fast das Gleiche sagt Mathilde, 21, Psychologiestudentin im zweiten Semester, ebenfalls aus Hamburg. "Ich analysiere und erforsche gerne meine Mitmenschen - damit analysiere und erforsche ich indirekt auch mein eigenes Ich." Später will Mathilde, gebürtig Niederländerin, eine eigene Praxis als Psychotherapeutin haben.

Der Rock wiegt vier Kilo

So reizvoll der Blick hinter die Fassade auch ist, so verlockend scheint auch die Gestaltung derselben. Anka Lamprecht, 19, aus Stuttgart, will einen kreativen Beruf ergreifen. "Ich habe gerade Abi gemacht und möchte jetzt Fotokunst studieren. Am liebsten in Leipzig!" Die Bewerbung an der Fotoakademie laufe noch.

Anka sieht aus, als ob sie einem Barock-Bild entstiegen sei. Um ihre Beine wogt ein Rock aus dickem, bodenlangem Samt ("vier Kilo schwer!"), ihr Gesicht ist vornehm blass, ihre Lippen blutrot geschminkt, in der rechten Hand hält sie ein schwarzes Schirmchen. Anka will eines Tages so gut fotografieren wie Anni Bertram, "eine bekannte Gothic-Fotografin, mein großes Vorbild". Sie selbst fotografiere am liebsten intensive Porträts, "ich versuche, das herauszuarbeiten, was ich in den Gesichtern der Menschen lese, und weniger, wie sie selbst sich sehen".

Misha will noch eigenwilliger an die Sache: Die 21-Jährige, die nur ihren Vornamen verrät, absolviert gerade eine Ausbildung zur Friseurin. Dies soll als Basis für eine Fortbildung zur Maskenbildnerin dienen. Masken zu modellieren, im Theater oder bei Filmproduktionen, ist Mishas großer Traum. Was fasziniert sie daran? "Die Entfremdung", antwortet sie ohne zu überlegen. Sie zwinkert über den Rand ihrer Sonnenbrille: "Aus einer jungen Frau eine uralte zu formen, einen Menschen so umzuwandeln, dass man ihn nicht mehr erkennt" - daraus würde sie später gerne mal einen Beruf machen.

Er findet sich hässlich, versteckt sein Gesicht hinter einer Maske

Für manche auf dem WGT ist diese Einstellung eine ganze Lebensphilosophie. Zum Beispiel für den 44-jährigen Besucher aus dem Thurgau, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, sich nur höflich vorstellt als "Hufeisenfledermaus". Der Schweizer trägt eine bizarre Ganzkopfmaske aus leichtem Ziegenleder, bemalt mit schneeweißem Acryllack. In das Leder hat er Löcher für Nase, Mund und Augen geschnitzt, damit er atmen und sehen kann. Bis zum Ende des WGT wird er diese Maske nicht wieder absetzen, "auch zum Schlafen und Zähneputzen nicht", sagt er entschlossen.

In Discos und auf Konzerte geht er grundsätzlich nur mit Maske. "Ich bin seit sieben Jahren starker Allergiker, gegen jede Art von Kunstrauch überempfindlich." Das sei aber nicht der einzige Grund. Sein echtes Gesicht lehnt der Schweizer schlichtweg ab, "es ist extrem asymmetrisch, hässlich", sagt "Hufeisenfledermaus". Mit Maske fühle er sich wohler.

Manchmal, erzählt er, reagieren die Leute verschreckt auf ihn, als hätten sie gerade ein Gespenst gesehen. "In der Schweiz kann ich mit der Maske nicht rausgehen, ich bin schon aus Restaurants geflogen, es wurde schon die Polizei gerufen." In England habe er bessere Erfahrungen gemacht. Auch in Deutschland, wie hier in Leipzig, beim WGT. Auf der Flaniermeile des Festivals auf dem Agra-Messegelände glänzt er als Blickfang eifrig knipsender Fotografen.

Auch er hat einen besonderen Beruf: "Hufeisenfledermaus" ist studierter Maschinenbautechniker, zu Hause in der Schweiz arbeitet er als freier Gestalter historischer Modelleisenbahnen. Kleine "Echtholzwagen" entwirft er, aus Epochen, als Züge noch mit Dampfkraft betrieben wurden. "Das ist, als würde man ein Stück Geschichte im Kleinen anfertigen. Als würde man ein Stück Zeit anhalten."

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