Hochschulabsolventen Rau warnt vor Akademikermangel

Nur noch 16 Prozent eines Altersjahrgangs machen in Deutschland einen Hochschulabschluss - bedrohlich wenig, meint Johannes Rau. Vor Professoren forderte der Bundespräsident jetzt umfassende Reformen und ein Ende des "Schwarzer-Peter-Spiels" in der Bildungspolitik.


Schlau dank Rau: Der Präsident rüffelt Hochschulen und Bildungspolitiker
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Schlau dank Rau: Der Präsident rüffelt Hochschulen und Bildungspolitiker

In einer Rede vor dem Hochschulverbandstag in Koblenz kritisierte Rau am Montag die im internationalen Vergleich zu niedrigen Absolventen- und zu hohen Abbrecherquoten. Mit nur 16 Prozent Hochschulabsolventen liege Deutschland "nicht nur erheblich hinter Großbritannien, hinter den Vereinigten Staaten, hinter Kanada oder Japan zurück, sondern auch deutlich unter dem Durchschnitt aller 30 OECD-Staaten", sagte er. Die Zahl der Absolventen werde "schon in absehbarer Zeit nicht einmal mehr ausreichen, um die aus dem Berufsleben ausscheidenden Akademiker zu ersetzen".

Eine Studie der OECD, einer Organisation der Industrienationen, hatte vor einigen Monaten abermals einen Trend bestätigt, der Bildungspolitikern und Wirtschaftsvertretern bereits seit Jahren Kopfzerbrechen bereitet: In der Bundesrepublik erreichen zwar mehr Bürger als in vielen anderen Ländern einen weiterführenden Bildungsabschluss, wenn man Abitur und berufliche Qualifikationen mit einrechnet. Aber die Studierquote liegt deutlich unter dem Klassenziel - und die Absolventenquote erst recht.

Denn über ein Drittel aller Studienanfänger bleibt auf der Strecke und erreicht das Examen nicht. Die Abbrecherquote liegt weit über dem internationalen Durchschnitt: "Eine Verschwendung von materiellen und intellektuellen Ressourcen", so der Bundespräsident, "wir können uns diesen Verzicht auf Qualifikation nicht länger erlauben."

"Viele gute Vorschläge landen zwischen Buchdeckeln"

Deutschland gebe zwar "für Bildung weniger aus, als wir uns leisten können", meint Rau. Aber am Geld allein könne es nicht liegen; auch mit den vorhandenen Mitteln für die Hochschulen könne noch produktiver umgegangen werden. Viel Geld sei zum Beispiel in Modellversuche zu Studienreformen investiert worden. "Leider landen viele gute Vorschläge aber eher zwischen zwei Buchdeckeln als in den Hörsälen", kritisierte Rau. Bund, Länder und Hochschulen mahnte er gleichermaßen, das "in der Bildungspolitik beliebte 'Schwarzer-Peter-Spiel' zu beenden".

Sorgen macht dem Bundespräsidenten die Abwanderung von Nachwuchsforschern ins Ausland. So stamme in den USA jeder fünfte Naturwissenschafts-Professor aus Deutschland - ein Indiz für die "hohe Qualität unserer Hochschulausbildung", aber auch ein "Alarmsignal".

Juniorprofessuren könnten jungen Wissenschaftlern mehr Selbständigkeit bringen, sagte Rau. Mit Juniorprofessuren will die Bundesregierung die bislang übliche Habilitation ersetzen - gegen starken Widerstand einzelner Bundesländer und der konservativen Professorenlobby, vor der Rau in Koblenz sprach. Im Deutschen Hochschulverband sind rund 18.000 Universitätsprofessoren vereinigt.

"Niemand kann bestreiten, dass mit der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Personalstruktur und mit der aus der deutschen Universitätsstruktur überkommenen Habilitation großartige Leistungen an unseren Hochschulen erbracht worden sind", sagte Rau. Gleichwohl sei die Frage, ob nicht noch Besseres möglich sei.



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