Hochschulreformen Die Professorenlobby macht mobil

Die Professoren laufen Sturm gegen die geplante Dienstrechtsreform: Per Zeitungsanzeige warnen sie davor, dass die Universitäten ins "Mittelmaß" abrutschen. Doch zweite Wahl sei der Wissenschafts-Standort Deutschland längst, kontern im Ausland forschende deutsche Wissenschaftler.

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Erntet wütende Proteste gegen ihre Reformpläne: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn
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Erntet wütende Proteste gegen ihre Reformpläne: Bildungsministerin Edelgard Bulmahn

Seit langem werfen Kritiker deutschen Professoren vor, es im Windschatten ihrer Privilegien mit den Dienstpflichten nicht immer sehr genau zu nehmen. Denn als Beamte sind sie sicher vor Entlassungen; niemand pfuscht ihnen ins Handwerk. Zwickt Hochschullehrer etwa eine hartnäckige Lehr-Allergie, können sie ihren Arbeitsaufwand weitgehend folgenlos reduzieren. Schließlich ist die Freiheit der Wissenschaft im Grundgesetz verbrieft, Kontrollen gibt es kaum. Sozial gut abgesichert und nicht weisungsgebunden - Professoren seien die "Playboys" unter den Beamten, spottet der Buchautor Siegfried Bär.

Bisher erhalten alle Universitätsprofessoren einheitliche Gehälter. Ihr Salär steigt zuverlässig alle zwei Jahre. Das Dienstrecht kennt keinen Unterschied zwischen internationalen Koryphäen und akademischen Tieffliegern. Doch das soll sich ändern: Per Dienstrechtsreform will Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) Privilegien für faule Professoren streichen und Fleiß mit Prämien belohnen. Künftig, so ihr Konzept, sollen Professoren ein mäßiges Grundgehalt erhalten. Nur für besondere Forschungs- und Lehrleistungen gibt es kräftige Zuschläge.

Wird ihr Arbeitseifer in Zweifel gezogen, verlieren Professoren schnell die Contenance. Am Mittwoch wehrten sie sich gar per Annonce gegen Bulmahns Reformpläne: In einer vierseitigen "FAZ"-Anzeige warnten fast 3800 Hochschullehrer vor einer Abwanderung von Spitzenkräften. Die Aktion ist bislang beispiellos; nach den Tarifen der "FAZ" dürfte sie etwa 240.000 Mark gekostet haben.

In der Anzeige protestiert der Deutsche Hochschulverband (DHV) gegen die Dienstrechtsreform und gegen Gehaltskürzungen. Nach Auffassung der Professoren-Standesorganisation besteht schon heute ein "erhebliches Vergütungsdefizit" der Universitätsprofessoren im Vergleich mit in der Wirtschaft tätigen promovierten Wissenschaftlern. Es gelte zu verhindern, dass die Grundgehälter neu zu berufender Professoren um monatlich 1500 Mark auf rund 8300 Mark gesenkt werden sollen, so DHV-Präsident Hartmut Schiedermair.

Vehement protestiert der DHV auch gegen eine Abschaffung der Habilitation, bisher gängige Voraussetzung für eine Professur. Ferner dürften wissenschaftliche Assistentenstellen nicht in "Junior-Professuren" mit 6000 Mark Gehalt umgewandelt werden. "Das verdient doch heute ein Facharbeiter in der Industrie", sagte Schiedermair. Seiner Ansicht nach droht wegen Einsparungen und staatlicher Eingriffe nur noch Mittelmaß in Forschung und Lehre.

Das Bundesbildungsministerium hielt den Kritikern entgegen, mit falschen Fakten zu operieren. So gebe es keine neuen Ausgangsgehälter, vielmehr müssten die Durchschnittsgehälter miteinander verglichen werden. Die Reform sei finanzneutral. Das persönliche Einkommen der Professoren hänge von seiner jeweiligen Leistung ab. Es werde Hochschullehrer geben, die mit der Reform mehr, gleichviel oder weniger verdienten als zuvor.

Zum Thema Habilitation wies das Ministerium darauf hin, die bisher gängige Voraussetzung für eine Professur werde nicht verboten, sie habe aber künftig nicht mehr die gleiche Bedeutung. Außerdem werde es eine Übergangsphase bis zum Jahr 2010 geben. Das Ministerium unterstrich, es gelte, den bevorstehenden Generationswechsel in der Professorenschaft für die geplante weitreichende Reform zu nutzen.

Während die deutsche Professorenlobby auf die Regierungspläne zusehends gereizter reagiert, erhält sie Gegenwind aus dem Ausland: 464 im Ausland forschende deutsche Wissenschaftler sprachen sich für eine tiefgreifende Reform an den deutschen Hochschulen aus und unterstützten damit das Vorhaben der Bundesregierung. In einem Brief an Bulmahn bezeichneten sie den Widerstand ihrer deutschen Kollegen als Interessenpolitik einer Gruppe, die "um ihre Macht und Privilegien fürchtet". Das deutsche Hochschulsystem sei schon längst nicht mehr zeitgemäß, sondern zeichne sich durch unangemessen hierarchische Strukturen und eine mangelnde Flexibilität aus.

Die Habilitation diene der Zementierung existierender Machtstrukturen."Viele der Unterzeichner sind wegen eben dieser Strukturen ins Ausland geflüchtet", sagt Stefan Schlatt, einer der Initiatoren der Unterschriftenaktion, der derzeit an der Universität von Pennsylvania forscht. Für talentierte Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt, so Schlatt, sei der Wissenschaftsstandort Deutschland heute "allenfalls zweite Wahl". Zu den Unterzeichnern des Briefes gehören unter anderem die beiden Nobelpreisträger Herbert Krömer und Johann Deisenhofer.



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