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Eignungstest für Imame "Wir brauchen muslimische Seelsorger - aber nicht irgendwelche"

Kann man testen, ob ein Imam radikale Neigungen hat? Ja, sagt Isabelle Noth. Die Schweizer Professorin entwickelt einen Eignungstest für Muslime, die in der Seelsorge arbeiten wollen.
Ein Imam mit Gebetskette (Archivbild)

Ein Imam mit Gebetskette (Archivbild)

Foto: Angelika Warmuth/ picture alliance / dpa
Zur Person
Foto: Manu Friederich

Isabelle Noth, 49, ist Professorin für Seelsorge, Religionspsychologie und Religionspädagogik an der Universität Bern. Die ehemalige Gefängnisseelsorgerin leitet dort die Aus- und Weiterbildung für Seelsorger.

SPIEGEL ONLINE: Sie testen ab Mai alle Imame, die sich an der Uni Bern um eine Weiterbildung als Seelsorger bewerben, auf radikale Tendenzen. Wie geht das?

Noth: Die Bewerber kommen in ein eintägiges Assessment an die Uni Bern, in dem sie viele Gruppen- und Einzelaufgaben lösen müssen. Das zeichnen wir mit einer Kamera auf und werten es mit dem Kollegen Hansjörg Znoj aus der klinischen Psychologie und einem interreligiösen Team aus. Außerdem führen wir Gespräche mit jedem einzelnen Bewerber.

SPIEGEL ONLINE: Was fragen Sie ab?

Noth: Wir fragen natürlich nicht direkt, was sie von Frauen halten und wie wichtig ihnen die Scharia ist. Dann würden wir lediglich sozial erwünschte Antworten bekommen. Wir schauen uns stattdessen an, wie sich die Kandidaten in verschiedenen Situationen verhalten.

SPIEGEL ONLINE: In welchen zum Beispiel?

Noth: Wir stellen eine Familiensituation nach: Eine junge Frau sagt ihrem muslimischen Vater, dass sie jetzt einen christlichen Freund habe. Der Kandidat soll die Rolle des Vaters übernehmen. Wir schauen dann, ob er sich für die Wünsche seiner Tochter interessiert und respektvoll mit ihr umgeht - oder ob er vor allem heilige Schriften zitiert und auf religiöse Normen pocht.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es Zitate aus dem Koran, bei denen Sie automatisch aufhorchen?

Noth: Ja, die gibt es, aber es kommt immer auf die Auslegung der jeweiligen Texte an. Es fällt außerdem keiner durch, nur weil er eine bestimmte Koranstelle zitiert. Es geht vielmehr darum, dass die Kandidaten offen dafür sind, worum es in der Seelsorge geht: nämlich nicht um Missionierung. Seelsorger müssen Freiräume schaffen, damit die, die zu ihnen kommen, erkennen können, was für sie selbst richtig und falsch ist.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Sie im Assessment mal doch nicht erkennen, dass ein Imam radikal denkt?

Noth: Danach beginnt erst die Weiterbildung, die mindestens ein Jahr dauert. Während dieser Zeit begleiten wir die Kandidaten weiter intensiv und können sehen, wie sie sich entwickeln. Wir zertifizieren nur Personen, die für eine seelsorgliche Tätigkeit geeignet sind.

SPIEGEL ONLINE: Warum braucht die Schweiz muslimische Seelsorger?

Noth: Bisher sind alle unsere Seelsorger entweder katholisch oder reformiert - und es ist nicht fair, dass sich Muslime nur an christliche Seelsorger wenden können. Ich weiß aus der Gefängnisarbeit, dass sich viele wünschen, mit dem Seelsorger der eigenen Religionsgemeinschaft ein vertrautes Gebet sprechen zu können oder sich auszutauschen. Dafür brauchen wir muslimische Seelsorger - aber nicht irgendwelche.

SPIEGEL ONLINE: Wie schwer tun sich die christlichen Kirchen damit?

Noth: Anfangs habe ich aus den Kirchen enormen Gegenwind bekommen. Doch inzwischen hat man gemerkt, dass es zu einer christlichen Haltung gehört, das interreligiöse Zusammenleben zu fördern und nicht auf unser christliches Monopol in der Seelsorge zu beharren.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen ähnliche Assessments seit Jahren auch für angehende Pfarrer durch.

Noth: Ja, aber da liegt der Fokus auf anderen Aspekten. Die Kandidaten haben meist sechs bis sieben Jahre lang in der Schweiz Theologie studiert, da geht es nicht primär um Fundamentalismus, sondern zum Beispiel darum, wie gut sie konfliktreiche Situationen aushalten oder wie sie mit schwierigen Themen wie sexuellem Missbrauch umgehen.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommen die Imame, die sich an der Uni Bern zu Seelsorgern weiterbilden lassen?

Noth: Weil es in der Schweiz - anders als in Deutschland - keine islamische Theologieausbildung gibt, kommen die meisten aus dem Balkan und einige wohl aus arabischen Ländern und der Türkei. Doch das müssen wir abwarten, es geht ja erst im Mai los. Es ist jedenfalls sinnvoll, auch muslimische Seelsorger nach unseren Standards weiterzubilden. So helfen wir zu verhindern, dass die Seelsorge von Fundamentalisten ausgenutzt wird, um bedürftige und verletzliche Menschen zu beeinflussen.