Ingrid A. "Ich bin meine eigene Sozialarbeiterin"

Als sie mit 40 Jahren aus gesundheitlichen Gründen "berentet" wurde, fühlte sich das an wie "Ab auf den Müll", sagt Ingrid A. Dann rappelte die Berlinerin sich auf und empfindet heute als großen Reichtum, dass sie Zeit hat.


In ihrer letzten Stelle hatte sie so viel zu tun, dass sie gern im Büro übernachtet hätte, um mehr Schlaf zu bekommen. Ingrid A. arbeitete für einen großen Kulturveranstalter, das Wochenende reichte gerade zum Waschen, Einkaufen und Schlafen. "Ich hab mich oft gefragt: Will ich wirklich so leben?", sagt sie heute. Seitdem sind zwölf Jahre vergangen, jetzt ist sie 50 und sitzt in ihrer hellen Wohnung in einem Kreuzberger Altbau. Hinter ihr stapeln sich Bücher im Regal, auf dem Tisch stehen Blumen. Sie hat viel über das Thema nachgedacht. Zwangsläufig.

Denn vor zwölf Jahren machte die Gesundheit Ingrid A. einen Strich durch die Rechnung. Man legte ihr die Kündigung nahe, bot eine Abfindung an. Zu guter Letzt beschloss die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte (BfA), sie zu "berenten", wie es im Behördenjargon heißt. Erwerbsunfähigkeitsrente mit 40, "das hat sich angefühlt wie: Ab auf den Müll", erinnert sie sich. "Zum Glück bin ich meine eigene Sozialarbeiterin geworden. Regelmäßig sage ich mir: So, hepp, los geht's."

Fünf Jahre brauchte sie, um wieder auf die Beine zu kommen. Jetzt haben die Tage wieder Struktur: Ingrid A. meditiert, geht schwimmen und drei Mal die Woche zum Arzt oder zur Krankengymnastik, sie schreibt kunstvolle Briefe an Freunde im Ausland. Eine Weile hat sie als Statistin gearbeitet, aber seit einer neuen BfA-Regelung kann sie kaum noch legal dazuverdienen. Das macht sie sauer: "Menschen wie Herr Kohl können noch frei durchs Land laufen, und ich hab' Angst, dass ich bei einem Job für 55 Euro erwischt werde."

Ehrenamtlich geht dafür immer. Ingrid A. betreut Kinder von Bekannten, wie eine Oma auf Abruf. Einem befreundeten Elternpaar hat sie einen freien Abend pro Woche geschenkt. Außerdem sammelt sie Kleidungsstücke und verkauft sie an Secondhandläden, die Erlöse von ihr und einer Handvoll anderer Freiwilliger landet in einem Gesundheitsprojekt in Tibet.

Häufig sitzt sie in Cafés und liest, kauft jedoch nie Bücher. Die tauscht sie. Sie deutet auf ihr helles Sommerkleid: "Ich trage nur abgelegte Kleidung und bin nicht schlecht angezogen. Ich kann mit ganz wenig Geld auskommen, ich bin viel glücklicher, wenn ich Zeit zum Leben habe." Sagt jemand zu ihr: "Du Arme", widerspricht sie: "Nee, arm bin ich nicht. Ich hab' Zeit, das empfinde ich als großen Reichtum."

Um ganz ohne Existenzängste zu leben, bräuchte sie mehr Geld. Am liebsten hätte sie einen Sponsor, der ihre sozialen Tätigkeiten unterstützt: "Ich würde zum Beispiel den Dienst 'Ein freier Tag für Mütter' anbieten. Aber von der Mutter direkt will ich kein Geld, das müsste von jemand anders kommen." Eine "moderne Form des Buddhismus im Kapitalismus", so beschreibt Ingrid A. ihre Idee.


Rita Band, 65: "Es tut gut, gebraucht zu werden"

Ein Jahr lang machte sie Pause, dann juckte es der Rentnerin wieder unter den Fingern. Drei Mal die Woche arbeitet sie nun ehrenamtlich bei der Berliner Bahnhofsmission: "Oft bin ich richtig erschöpft. Aber ich mache so lange weiter, wie ich kann", so Rita Band.


Werner Berthold, 69: "Arbeiten ist eine einseitige Sache"

Erst als Rentner merkte er, wie wohl man sich fühlen kann ohne Arbeit. Seitdem plädiert er für ein Grundeinkommen für alle und hat ein Buch geschrieben: "Gedanken eines glücklichen Arbeitslosen". "Wenn man arbeitet, kommt man ja gar nicht zum Denken", sagt Berthold.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.