Initiative Zukunft Wissenschaft "Wir sind leistungsbereit, leistungsfähig und begeistert"

Die USA gilt als Wissenschafts-Eldorado. Doch viele deutsche Forscher zieht es zurück in die Heimat. In einem offenen Brief an das Bundesbildungsministerium formulieren sie nun ihre Wunschliste für die deutschen Hochschulen.


Zukunft Wissenschaft: Initiative deutscher Auslandswissenschaftler für eine attraktivere Hochschullandschaft

Offener Brief an die Bundesministerin für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie sowie an die zuständigen Ministerinnen und Minister für Wissenschaft in den Ländern

Wir, deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, arbeiten derzeit an Universitäten und Forschungseinrichtungen in Nordamerika. Jeder von uns steht demnächst vor der Entscheidung, entweder nach Deutschland zurückzukehren oder eine dauerhafte wissenschaftliche Karriere im Ausland zu verfolgen. Interessiert an einer Rückkehr nach Deutschland, sehen wir jedoch deutliche Hindernisse bei einer solchen Entscheidung "für Deutschland".

Wir begrüßen den sichtbaren Geist der Innovation in Deutschland, der sich in den bereits erfolgten und den noch geplanten Reformen der akademischen Landschaft in Deutschland widerspiegelt. Durch unsere unmittelbaren Erfahrungen mit dem deutschen sowie dem nordamerikanischen Hochschulsystem können wir wertvolle Anregungen für die Reformdebatte liefern. Aus unserer Sicht sind die folgenden Punkte essenziell, um Deutschland für rückkehrwillige Wissenschaftler aus Nordamerika attraktiver zu machen und den Wissenschaftsstandort Deutschland international wettbewerbsfähiger zu gestalten:

Einrichtung von "tenure track"
Für die Kontinuität in Forschung und Lehre ist es notwendig, dass erfolgreiche Juniorprofessoren und Leiter von Nachwuchsgruppen eine längerfristige berufliche Perspektive haben. Eine Weiterbeschäftigung von Juniorprofessoren an derselben Hochschule ist in Deutschland jedoch nicht vorgesehen. In Anlehnung an das "tenure track"-Verfahren an amerikanischen Universitäten fordern wir daher, Wissenschaftlern, die ihre Stelle durch ein reguläres Berufungsverfahren im offenen Wettbewerb erhalten haben, und die am Ende ihrer befristeten Tätigkeit durch eine internationale Kommission erfolgreich begutachtet werden, eine unbefristete Weiterbeschäftigung zu ermöglichen.

Flexiblere Beschäftigungsstrukturen
Professoren in Deutschland tragen gleichzeitig die Verantwortung für Forschung, Lehre und die Verwaltung der Hochschule. Im angloamerikanischen Raum werden diese Aufgaben flexibler verteilt. Dies ermöglicht den effektiveren Einsatz von Wissenschaftlern entsprechend ihren Fähigkeiten auf den Gebieten Forschung, Lehre und Wissenschaftsmanagement. Wir fordern mehr Flexibilität bei der Aufgabenverteilung an deutschen Hochschulen und bei der Ausgestaltung von Arbeitsverträgen. Dabei ist die starre Obergrenze für die Befristung von Arbeitsverträgen sowie die Unkündbarkeit von längerfristig Beschäftigten aufzuheben. Beides verhindert häufig die Weiterbeschäftigung bewährter Wissenschaftler trotz vorhandener finanzieller Mittel.

Transparente und zügige Berufungsverfahren
Fairer Wettbewerb ist eine entscheidende Voraussetzung für herausragende Wissenschaft. Berufungskommissionen wählen jedoch nicht immer den wissenschaftlich besten Kandidaten aus. Zur Sicherung eines echten Wettbewerbs um die besten Köpfe fordern wir, Berufungsverfahren transparenter und nachvollziehbarer zu gestalten sowie die Kandidaten zeitnah über die Entwicklung des Verfahrens zu informieren. Die guten Erfahrungen amerikanischer Spitzenuniversitäten in diesem Verfahren sollten auf eine mögliche Übernahme an deutschen Universitäten näher untersucht werden. Zur Beschleunigung von Berufungsverfahren ist den Hochschulen volle Autonomie für die Berufung von Professoren zu geben.

Einheitliche Anerkennung akademischer Leistungen
Die föderale Struktur des Hochschulwesens in Deutschland erschwert wissenschaftliche Karrieren über Landesgrenzen hinweg. Wir fordern alle Verantwortlichen dazu auf, die gegenseitige Anerkennung akademischer Leistungen bundesweit sicherzustellen. Das gegenwärtige Nebeneinander von Habilitation und Juniorprofessur ist zugunsten einer attraktiven Juniorprofessur aufzugeben. Die rechtliche Stellung der Leiter von Nachwuchsgruppen, die durch ein offenes Auswahlverfahren entstanden sind, wie zum Beispiel Emmy Noether-Gruppen der DFG und unabhängige Nachwuchsgruppen der MPG, ist denen der Juniorprofessoren anzugleichen.

Finanzielle Ausstattung
Herausragende Forschung hat ihren Preis. Wir sind uns bewusst, dass die öffentlichen Hochschulen in Deutschland finanziell nicht mit den am besten ausgestatteten Universitäten in Nordamerika konkurrieren können, welche zum Teil einen Jahresetat von mehreren Milliarden Euro haben. Gerade in Zeiten knapper öffentlicher Haushalte halten wir jedoch eine klare Prioritätensetzung für die Bereiche Bildung, Wissenschaft und Forschung auf Ebene der Länder, des Bundes und der Europäischen Union für unerlässlich, um Deutschland auch in Zukunft international wettbewerbsfähig zu halten. Ein entscheidender Schritt hierzu ist die zügige Umsetzung des finanziellen Ziels der Lissabon-Agenda, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung auf drei Prozent des Bruttosozialprodukts zu erhöhen. Mit großer Sorge sehen wir die Bestrebungen einzelner Bundesländer, Hochschulen die zusätzlichen Einnahmen aus Studiengebühren durch gleichzeitige Kürzungen der Landeszuweisung wieder zu entziehen.

Wir sind leistungsbereit, leistungsfähig und begeistert für die Wissenschaft. Wir fühlen uns Deutschland verbunden, auch wenn wir derzeit im Ausland tätig sind. Wir sind bereit, mit unseren spezifischen Erfahrungen den Reformprozess der deutschen akademischen Landschaft mitzugestalten. Wir sind überzeugt davon, dass die Umsetzung der hier genannten Punkte viele von uns zu einer Rückkehr nach Deutschland bewegen würde. Wir rufen Sie als politisch und gesellschaftlich Verantwortliche auf, unsere Forderungen aufzugreifen und mit uns in Dialog zu treten.

Sabine Amslinger (University of California Berkeley), Leopoldina-Stipendiatin Hans-Martin Füssel (Stanford University), EU-Stipendiat Christian Große (University of California Berkeley) DFG-Stipendiat Alexander Knohl (University of California Berkeley), EU-Stipendiat Michael Koeris (Massachusetts Institute of Technology), DAAD-Stipendiat Matthias Lauer (University of California Santa Barbara), DFG-Stipendiat Claudia Pacholski (University of California San Diego), DFG-Stipendiatin Marcella Pott (Carnegie Institution of Washington), DFG-Stipendiatin Ansgar Reiners (University of California Berkeley), EU-Stipendiat Markus Wagner (Stanford University), Stipendiat der Studienstiftung Martin Weber (University of California San Francisco), DFG-Stipendiat

Initiative Zukunft Wissenschaft
c/o German Scholars Organization (GSO)
2140 Shattuck Avenue, Suite 405
Berkeley, CA 94704
USA

Die Initiative Zukunft Wissenschaft entstand im Rahmen des von der German Scholars Organization (GSO) organisierten Treffens deutscher Nachwuchswissenschaftler in Nordamerika vom 9.-11. September 2005 in San Diego. Unter den 160 teilnehmenden Wissenschaftlern sind Stipendiaten der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), der Alexander von Humboldt-Stiftung (AvH), der Studienstiftung des Deutschen Volkes, des Deutschen Akademischen Auslandsdiensts (DAAD), der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Deutschen Krebshilfe (DKH) und des Marie-Curie-Programms der Europäischen Union (EU). Dieser Offene Brief wurde von den Teilnehmern des Treffens in San Diego einstimmig angenommen sowie von XYZ weiteren deutschen Auslandswissenschaftlern in der GSO unterstützt.



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