Intensivstationen Jedes zweite Krankenhaus findet keine Pflegekräfte

Pflegekräfte sind schwer zu bekommen, und oft sind sie schnell wieder weg. Interessenvertreter geben Krankenhäusern und Politikern Schuld an der Misere.

Krankenschwester und Patient auf Intensivstation
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Krankenschwester und Patient auf Intensivstation


Krankenhäuser in Deutschland suchen dringend Pflegekräfte auf Intensivstationen. Mehr als die Hälfte der Kliniken hatte nach Angaben der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) im Herbst vergangenen Jahres Probleme, Pflegestellen auf Intensivstationen zu besetzen. Bundesweit seien aktuell 3150 Stellen vakant.

Damit hat die Zahl offener Stellen merklich zugenommen und wird vermutlich weiter steigen, wie aus einem Gutachten hervorgeht. Der Verband der Pflegeberufe macht die Krankenhäuser für die Missstände verantwortlich und forderte Klinikverwaltungen auf, andere Prioritäten zu setzen.

Aktuell sei die Versorgung von Intensivpatienten laut der DKG objektiv jedoch gut. 2015 sei im Schnitt eine Pflegekraft für 2,2 Fälle pro Schicht zuständig gewesen - was in etwa den geltenden Empfehlungen entspricht. Zudem erfüllten drei Viertel aller Krankenhäuser die Fachkraftquote in der Intensivpflege. 2015 seien auf zehn belegte Intensivbetten rechnerisch 6,9 Ärzte gekommen - was ebenfalls nah an die Vorgaben herankomme.

"Trotz dieser guten Daten kann aber nicht Entwarnung gegeben werden", warnt der DKG. Der Fachkräftemangel sei besonders seit 2009 ein zentrales Problem auf Intensivstationen. Fast ein Drittel der Krankenhäuser konnte auch Arztstellen in ihren Intensivbereichen nicht auf Anhieb besetzen.

"Empathie und Engagement werden ausgenutzt"

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di verlangte eine gesetzliche Regelung für die Personalausstattung in den Krankenhäusern. "Beschäftigte lassen sich nicht mehr mit homöopathischen Dosen abspeisen. Zu lange und zu oft wurden die Empathie und das Engagement der Pflegefachkräfte von den Arbeitgebern ausgenutzt", sagte Ver.di-Bundesvorstandsmitglied Sylvia Bühler.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe DBfK kritisierte: "An der Fluktuation und einer Vielzahl unbesetzter Pflegestellen lässt sich inzwischen ablesen, dass Pflegefachpersonen nicht länger bereit sind, sich unter Wert zu verkaufen und miserable Bedingungen hinzunehmen", sagte Verbandssprecherin Johanna Knüppel. Über Jahre sei ignoriert worden, dass Patienten nicht nur Ärzte und Technik, sondern vor allem kompetente Pflege benötigten.

Ärztliche Routineaufgaben würden in großem Umfang an die Pflege übertragen - ohne adäquate Entlastung der Pflegekräfte. Pflegekräfte seien dadurch häufiger krank. Das vom Bundestag verabschiedete Gesetz für verpflichtende Untergrenzen sei eine Gängelung und nicht umsetzbar. Es fehle an Geld und an Bewerbern.

koe/dpa/AFP



insgesamt 102 Beiträge
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smartphone 26.07.2017
1. Kein Wunder
DasProblem bzgl Pflegekräfte offenbart ja nur brennglasartig die GESAMTE Denkstruktur gewisser Politiker nebst Verbänden der Wirtschaft UND Gewerkschaften. Man hat seit xx Jahren die Bevölkerung verarmt, Zahlt lausige Renten ( im Gegensatz zu Pensionen ) und hat vergessen eine Eckrent bzw bessre ein tragfähiges BGE zu schaffen ( 1500 + KV ) wenn man schon den Arbeitsmarkt erodiert zur Gewinnverschiebung... SO geht das nicht auf Dauer, denn es dürfte nicht lange "aufschiebbar" sein, den Leuten Sand in die Augen zu streuen unter dem Deckmantel des "Populismus" ....
denkdochmal 26.07.2017
2. Das Ganze ist schnell erkannt...
Lange Ausbildung, schlechte Arbeitsbedingungen, mieser Lohn und allerhöchste Verantwortung. Wer liebt denn so etwas? Dann fehlen nur noch jene, die sich selbst an die Nase fassen müssen - aber niemals wollen, denn der Rubel muß rollen.
ditor 26.07.2017
3. Mieser Lohn
Zitat von denkdochmalLange Ausbildung, schlechte Arbeitsbedingungen, mieser Lohn und allerhöchste Verantwortung. Wer liebt denn so etwas? Dann fehlen nur noch jene, die sich selbst an die Nase fassen müssen - aber niemals wollen, denn der Rubel muß rollen.
So mies ist der Lohn nicht. Wobei natürlich die Marktwirtschaft besagt dass er offensichtlich zu niedrig wenn längerfristig Mangel besteht. Grundsätzlich sollten Artikel über Personalmangel mit der Information über das zugehörige Gehalt hinterfüttert werden.
thinkhard 26.07.2017
4. Renditejäger im Gesundheitswesen
Kein Wunder, wenn man sich die Arbeitsbedingungen und Entlohnung von Pflegekräften in Krankenhäusern anschaut. Das gleiche Problem gibt es ja auch schon lange in der Altenpflege. Besonders ausbeuterisch sind die Verhältnisse in privatisierten Kliniken und Krankenhäusern. Denn satte Renditen lassen sich Krankenhäusern/Altenheimen nur erwirtschaften, wenn man die Anzahl der schlecht bezahlten Mitarbeiter klein hält, während man gleichzeitig die Bettenzahl erhöht.
emobil 26.07.2017
5. Das Personalmanagement...
... in den meisten Krankenhäusern ist grottenschlecht. Krankenhäuser sind die letzten Refugien absoluter Hierarchisierung. Der (Chef-) Arzt als kleiner Diktator - ohne jede Personalführungskompetenz, denn das hat er ja gar nicht nötig. Empatie gibts, wenn überhaupt, höchstens mit den Patienten. Umgang mit seinen Mitarbeiter/innen wie die Axt im Walde. Ergebnis: selbst hochqualifizierte Kräfte sind nach einigen Jahren ausgebrannt und wollen nur noch weg. Mir hat mal ein Arzt im Vertrauen gesagt: ja, wir müssen gegenüber den Untergebenen so harsch auftreten, sonst buttern die uns unter.
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