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Neue Frauenbewegung "Ein massenhafter Aufschrei"

Von Asien über Europa bis in die USA gab es am Weltfrauentag Proteste. Warum ist der 8. März plötzlich wieder so wichtig? Die Forscherin Margreth Lünenborg sieht darin ein Zeichen für große Veränderungen.
Proteste am Weltfrauentag in Melbourne, Australien

Proteste am Weltfrauentag in Melbourne, Australien

Foto: Daniel Pockett/ Getty Images
Zur Person
Foto: FU Berlin

Margreth Lünenborg, 53, ist Kommunikationswissenschaftlerin und forscht seit den Neunzigerjahren zu Frauenbildern in Medien und Gesellschaft. Seit 2015 leitet sie das Margherita-von-Brentano-Zentrum für Geschlechterforschung an der Freien Universität Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Der Internationale Frauentag mobilisiert in diesem Jahr plötzlich wieder massiv Frauen rund um den Globus. Warum?

Lünenborg: Geschlechterfragen spielen wieder eine größere politische Rolle. Das drückt sich an einem symbolischen Tag wie dem 8. März aus - aber es hat sich auch schon beim "Women's March" in Januar in Washington und anderen Städten weltweit gezeigt. Viele Frauen und auch Männer empfinden es als notwendig, laut zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Woher kommt dieses Bedürfnis?

Lünenborg: Das liegt an unterschiedlichen Krisen, die wir gerade durchmachen. Eine davon ist das Erstarken von rechten Parteien und Bewegungen in Europa und den USA. Eine andere ist der Umgang mit Geflüchteten, die Abschottung Europas, das zugleich selbst in einer Krise steckt. So etwas erodiert die Stabilität einer Gesellschaft, viele Menschen fühlen sich verunsichert.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Frauen zu tun?

Lünenborg: Auch sie stehen unter Druck, von rechten Gruppen wie der AfD, die eine Rückkehr zu traditionellen Geschlechterrollen fordert und eine Abschaffung der Geschlechterforschung. Da fallen Sätze wie in den Fünfzigerjahren.

SPIEGEL ONLINE: Ein Beispiel?

Lünenborg: Der polnische EU-Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke erklärte erst vor einigen Tagen, dass Frauen schwächer, kleiner und weniger intelligent als Männer seien und deswegen natürlich weniger verdienen müssten. Das ist sicher kein Mainstream, aber es scheint wieder öffentlich sagbar. So etwas verstärkt den Druck.

SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE: Diesen Druck spüren auch Homosexuelle, Flüchtlinge und andere Minderheiten.

Lünenborg: Richtig, aber deshalb ist es kein Gegensatz. Das Verhältnis von Männern und Frauen war schon immer eine Art von Lackmustest für die soziale und kulturelle Balance. Wenn die Gesellschaft im Umbruch und die wirtschaftliche und politische Unsicherheit so hoch ist wie jetzt, steht viel auf dem Prüfstand. Dann geht es um grundsätzliche Fragen: Wie wollen wir leben? Wo ziehen wir Grenzen? Wer gehört zu uns und wer nicht? Das spüren alle sozial fragilen Gruppen massiv, auch Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Aber es hat sich doch viel getan: gesetzliche Frauenquote, eine Bundeskanzlerin...

Lünenborg: Das sickert aber nicht zwangsläufig durch die ganze Gesellschaft. Es ist ein Fakt, dass Kinder von alleinerziehenden Müttern mit Abstand das höchste Armutsrisiko haben. Das ist seit 20 Jahren bekannt und trotzdem hat sich wenig verändert. Junge Männer verdienen auch immer noch mehr als junge Frauen, die genauso qualifiziert sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehr haben die frauenfeindlichen Kommentare von Donald Trump dazu beigetragen, Frauen zu mobilisieren?

Lünenborg: Der "Women's March" war ein massenhafter Aufschrei einer erstarkenden Zivilgesellschaft gegen die sexistischen, rassistischen und homophoben Äußerungen eines Präsidenten, der die Umgangsformen seiner Gesellschaft einfach hinweggefegt hat. Trump ist aber nicht allein. Reaktionäre Strömungen fordern Frauen und auch Männer an verschiedenen Orten und auf unterschiedliche Weise heraus, ihre Rechte einzufordern.

SPIEGEL ONLINE: Tun sie das heute anders als früher?

Lünenborg: Es sind viele neue Bündnisse von jungen Frauen entstanden, die ihren Protest auf witzige, ironische Art öffentlich äußern, oftmals organisiert über digitale soziale Netzwerke. #aufschrei ist ein Beispiel, aber auch die Aktion der Organisation "Hollaback", die eine junge Schauspielerin 2014 mit einer versteckten Kamera durch New York schickte, um alltägliche Belästigungen zu dokumentieren.

SPIEGEL ONLINE: Der Frauentag wurde vor mehr als einhundert Jahren ins Leben gerufen. Welche anderen Phasen der Unsicherheit gab es seither?

Lünenborg: In den Jahren der Wiedervereinigung ging es fundamental darum, welche Rolle Frauen spielen und ob Deutschland bereit ist, sich in dieser Frage neu zu erfinden. Schließlich wurden aber die in Westdeutschland etablierten Strukturen der ehemaligen DDR einfach übergestülpt. Der Lackmustest endete also nicht sehr positiv für die Gleichberechtigung.

SPIEGEL ONLINE: Wird der Effekt, den der Weltfrauentag 2017 vielleicht hat, ebenfalls verpuffen?

Lünenborg: Nein, so pessimistisch bin ich nicht. Wenn Frauen ihre Rechte einfordern, stoßen sie immer noch oft auf radikalen Widerstand. Es gibt also nach wie vor großen Anlass, sichtbar zu bleiben und laut zu sein.