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Interview über Dauerpraktikanten "Generation in der Warteschleife"

Die Berliner Autorin Nikola Richter, 29, weiß aus eigener Erfahrung, wie es sich anfühlt, nach dem Examen von Praktikum zu Praktikum zu tingeln. Im Interview erzählt sie, was aus Frust alles entstehen kann - zum Beispiel ihr Kurzgeschichtenband "Die Lebenspraktikanten".

SPIEGEL ONLINE:

Frau Richter, die Welt von Dauerpraktikanten ist nicht gerade ein klassischer Stoff der Literatur...

Nikola Richter: ... aber mittlerweile ein durchaus geeigneter: Wenn junge, motivierte Jobsuchende jahrelang in der Dauerschleife zwischen diversen Praktika hängen, wirkt sich das nicht nur auf den Arbeitsmarkt aus. Auch in der Lebenswelt der Praktikanten ändert sich vieles - der Umgang mit Freunden und der Familie, das Verhältnis zur eigenen Heimatstadt. Das will ich darstellen, und in Form von Geschichten geht das ganz gut.

SPIEGEL ONLINE: Basieren die Geschichten im Buch auf wahren Gegebenheiten, haben Sie sie selbst erlebt?

Richter: Ich sag mal so: Die Geschichten sind aus einem echten Gefühl heraus entstanden. Ursprünglich hatte ich eine Art Anklageschrift verfasst. Als ich in meiner Mini-Job-Phase mehrmals in einem Jahr umziehen musste und abends in unbekannten Städten einsam vor meinem einzigen ständigen Begleiter, dem Laptop, saß, habe ich aufgeschrieben, was mir und anderen gerade passiert. Der damalige Text klang aber furchtbar beleidigt. Ich hab schließlich all diese Erfahrungen verschiedenen Figuren zugeordnet, um mit mehr Distanz zu erzählen.

SPIEGEL ONLINE: Ihre "Lebenspraktikanten" wohnen heute hier, morgen dort, richten sich immer nur provisorisch für wenige Wochen in neuen Bleiben ein, haben für wenige Wochen neue Freunde. Die Chance, den Fuß fest in eine Firmentür zu bekommen, bleibt gering. Müssen sie sich mit dem Warten als Dauerzustand abfinden?

Richter: Wartezustand trifft es nicht, das wäre zu passiv. Es ist eher ein nervöses Zappeln. Es gibt im Englischen den Ausdruck "floundering period": Die Praktikanten zappeln wie eine Flunder. Zum einen sind sie hochmotiviert, sie wollen glänzen und fügen sich voller Elan - vielleicht zum achten Mal in einem Jahr - in ein neues Team ein. Zum anderen organisieren sie bereits das nächste Praktikum, es muss ja danach weitergehen, es dürfen keine Lücken im Lebenslauf entstehen. Dazu kommt, dass nebenher Geld in die Kasse kommen muss, um die Miete zu bezahlen. Es geht wahnsinnig viel Energie verloren in solchen Phasen, es ist anstrengend, und wenn es trotz allen Einsatzes nicht vorangeht, fühlt man sich irgendwann überflüssig, wird mutlos. Manche verlieren ihr Selbstwertgefühl - obwohl sie top ausgebildet sind. Man schläft schlecht in solchen Zeiten.


Buchauszüge aus "Die Lebenspraktikanten":
"Viel Erfolg bei Ihrer Arbeitssuche"
"Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen"

SPIEGEL ONLINE: Sie bejammern, worüber andere Menschen stolz wären: Sie qualifizieren sich weiter, reisen in verschiedene Städte, lernen ständig neue Menschen kennen.

Richter: Ja, es ist schön, wenn ich die nettesten Biergärten in sechs oder sieben Städten der Welt kenne. Wenn ich allerdings allein hingehen muss, ist es ein bisschen öde. Es ist auch toll, wenn ich auf zehn Sprachen nach dem Weg fragen kann - aber im Grunde bin ich damit auch nur ein schlauerer Tourist. Eigentlich sitzt man doch zwischen den Stühlen: Man schafft es nicht richtig, den Kontakt zu den Freunden zu Hause zu halten, man lernt die neuen Leute nicht ausreichend kennen, man richtet sich überall nur provisorisch ein und hat keine Ahnung, ob sich das alles überhaupt lohnt.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Folgen des dauernden Nomadentums?

Richter: Natürlich wird jeder, dem die Arbeitgeber immer nur für ein, zwei Monate am Stück vertrauen, irgendwann misstrauisch. Zugleich ist die Konkurrenz zwischen Praktikanten groß, jeder will es schaffen, man wird neidisch und hinterhältig. Und wenn der Praktikant schließlich merkt, dass sein Einsatz in keine feste Stelle mündet , hat er vermutlich das Gefühl, er wird nicht recht gebraucht in der Gesellschaft. Diese Menschen erleben keine Solidarität, sie werden sich folglich nirgendwo richtig einbringen wollen. Das ist ein gesellschaftliches Problem.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch wehrt sich ein Praktikant dagegen, unbezahlt zu arbeiten: Er entlohnt sich selbst für sein Praktikum, indem er Büromaterial klaut. Verändert die Ausbeutung von Praktikanten deren Rechtsempfinden?

Richter: Wenn mich die Kollegen nicht richtig wahrnehmen, dann merkt vermutlich auch keiner, wenn ich mal was mitgehen lasse. Hieran erkennt man auch, dass eine Zweiklassen-Gesellschaft in der Arbeitswelt entsteht: Es gibt Leute mit unbefristeten Jobs samt Sozialversicherung und allem Drum und Dran, und es gibt die, die weder Versicherung noch Lohn haben - aber mindestens genau so hart mitarbeiten. Natürlich entsteht dann ein anderes Unrechtsbewusstsein.

SPIEGEL ONLINE: Den Praktikanten im Buch geht es aber um mehr als das liebe Geld: Sie wünschen sich eine offizielle E-Mail-Adresse und eine Visitenkarte. Warum?

Richter: Für jemanden, der diese traditionellen Insignien nicht besitzt, haben sie eine immense symbolische Bedeutung: Ihnen haftet etwas Unerreichbares an, man denkt: "Wenn ich eine Visitenkarte habe, hab ich es geschafft." Praktikanten ohne Visitenkarte fühlen sich als Außenseiter, sie können sogar regelrecht besessen werden von solchen Dingen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es einen Ausweg aus der Misere? In Ihrem Buch wird an einer Stelle vorgeschlagen, eine Revolution anzuzetteln, Arbeitsplätze zu besetzen, sich zu nehmen, was man verdient.

Richter: Das geht natürlich zu weit. Ich denke aber, die Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft müssen sich schleunigst überlegen, welche neuen Formen von Arbeit sie schaffen können, beziehungsweise, wie Arbeit in Zukunft definiert und entlohnt wird. Denn Arbeit ist ja da, der Lohn fehlt leider oft. Dauerpraktikanten werden beispielsweise keine Kinder bekommen. Das traut man sich nicht, wenn man Probleme hat, seine Miete zu bezahlen, und wenn man eine flexible Dauerbeziehung führt. Es ist bestimmt keine Lösung, wenn die Praktikanten lernen, sich noch besser im Vorstellungsgespräch zu verkaufen, sich noch hübscher zu kleiden, sich noch mehr aufzureiben. Es geht doch im Grunde nicht darum, dass sich Praktikanten noch perfekter verhalten, stattdessen muss sich die Gesellschaft gegenüber den Praktikanten und Jobsuchenden anders verhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind momentan als Volontärin bei der "Zeitschrift für KulturAustausch" angestellt - für zwei Jahre. Was kommt danach?

Richter: Mal sehen - jetzt denke ich noch nicht darüber nach. Vielleicht schreib ich dann ein Buch über Volontäre? Vorerst genügt es mir, zu wissen, dass ich gerade eine feste Stelle habe. Zwei Jahre feste Arbeit - das ist lang, wenn man manchmal nur Jobs für einen Tag hatte. Ich muss mir zurzeit keine Sorgen machen, ich habe einen Feierabend, ich kann Essen gehen, ohne mir zu überlegen: "Mist, das Geld bräuchte ich für den Aldi-Einkauf in der nächsten Woche." Ich glaube, es möchte heutzutage keiner mehr den Job für die nächsten 30 Jahre annehmen. Aber für länger als zwei Wochen - das ist schon super.

Das Interview führte Nadine Nöhmaier

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