Interview zu Bachelor-Akzeptanz "Meckern hilft nicht"

Unternehmen müssen sich auf junge Bachelor-Absolventen einstellen und ihre Personalpolitik ändern, fordert Martin Möhrle. Auch mit Hochschulen, die ihre Studiengänge nicht überholen, geht der Chief Learning Officer der Deutschen Bank im Interview hart ins Gericht.


SPIEGEL ONLINE: Jahrzehnte lang haben die Unternehmen geklagt, dass die deutschen Hochschulabsolventen zu alt sind. Da müssen sie doch jetzt glücklich mit den wesentlich jüngeren Bachelor-Absolventen sein.

Martin Möhrle: Das sollte man meinen, aber stattdessen klagen viele darüber, dass die Bachelor-Absolventen zu jung und zu unreif sind. Ein 22-Jähriger hat nun mal eine weniger ausgereifte Persönlichkeit als ein 26-Jähriger. Das merken wir in den USA. Wenn wir dort unser Trainingsprogramm für die Bachelor-Absolventen machen, geht es zu wie in der Jugendherberge.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen sich potenzielle Arbeitgeber gegenüber so unerfahrenen Bewerbern verhalten?

Martin Möhrle ist Chief Learning Officer der Deutschen Bank

Martin Möhrle ist Chief Learning Officer der Deutschen Bank

Möhrle: Da müssen die Unternehmen einfach umdenken. Sie müssen ihre Nachwuchsprogramme überprüfen. Bachelor-Absolventen brauchen eine systematischere Personalentwicklung, da ihr beruflicher Werdegang noch weniger gefestigt ist. Auch das gesamte Praktikantenwesen muss sich massiv verändern. Bisher bekommt man ja meist erst nach dem Vordiplom ein Praktikum in einem Großunternehmen. Künftig muss es auch Plätze für Studienanfänger oder sogar vor dem Studium geben.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Unternehmen darauf vorbereitet?

Möhrle: Wir haben in der Bank eine große Initiative, bei der wir unsere Personalmanager aufklären, was jetzt auf sie zukommt. Aber insgesamt ist der Dialog zwischen Hochschulen und Unternehmen nur unzureichend organisiert oder findet gar nicht statt. Die Vertreter der Unternehmen müssen sich stärker einmischen und die Hochschulen dazu ermahnen, ihre neuen Freiheiten auch zu nutzen. Sonst schnipseln sie ihre bisherigen Studiengänge einfach nur mit der Nagelschere so zurecht, dass sie in das Bachelor- und Mastersystem passen. Doch wir brauchen Breite und nicht Tiefe. Ein Bachelor etwa in Fahrzeugaufbauten ist Unsinn und wird auch nicht überleben. Was wir brauchen, ist Praxisorientierung, Internationalisierung und die Entwicklung von Schlüsselqualifikation.

SPIEGEL ONLINE: Also Extra-Kurse in Kommunikation und Präsentation?

Möhrle: Der Königsweg ist es, das ins Studium zu integrieren, beispielsweise durch Kleingruppenarbeit, durch Diskurs und viel mehr Präsentationen. Schließlich bietet der Bologna-Prozess die einmalige Gelegenheit, die Curricula zu entrümpeln, neu zu gestalten und innovative didaktische Konzepte einzuführen. Im internationalen Vergleich haben deutsche Absolventen häufig Nachholbedarf bei der Diskussions- und Präsentationsfähigkeit. Aber bisher verstehen manche Professoren überhaupt nicht, weshalb diese Kompetenzen wichtig sind und dass sie hier eine Verantwortung haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch schätzen Sie den Anteil der Bachelor-Absolventen, die noch ein Master-Studium anhängen werden?

Möhrle: Das hängt sehr stark vom Fachbereich ab. Bei den Naturwissenschaftlern werden über 90 Prozent direkt den Master machen. Bei den Ingenieuren wird die Quote etwas niedriger liegen, und bei den Wirtschaftswissenschaftlern werden es noch einmal weniger sein. Es wird aber auch zu einer verstärkten Konkurrenz von Bachelor-Studiengängen und Berufsausbildungsprogrammen kommen. Die Lehrlingsausbildung wird Anteile verlieren, weil viele eher den Bachelor machen, um einen akademischen Abschluss zu erlangen und sich so mehr Optionen für ihr lebenslanges Lernen offen zu halten.

SPIEGEL ONLINE: Wie gehen Unternehmen damit um, wenn die Bachelor-Absolventen nach ein paar Jahren wieder an die Uni zurückgehen?

Möhrle: In Deutschland ist der Arbeitsmarkt im internationalen Vergleich wenig liquide, und die Anzahl an Arbeitgebern pro Berufsleben ist gering. Das ist per se nicht schlecht. Aber der Gedanke, dass ein Bachelor, der sich im Unternehmen ausgezeichnet entwickelt hat, es wieder verlässt, um ein Masterstudium aufzunehmen, stellt für viele ein Problem dar. Aber wir werden einfach lernen müssen, dass Mitarbeiter wieder gehen, um ihren Master zu machen und danach vielleicht woanders landen.

SPIEGEL ONLINE: Die neuen Abschlüsse stehen vielfach in der Kritik. Sollte die Umstellung gestoppt werden?

Möhrle: Da hilft das Meckern nichts mehr. Stattdessen sollte man die Umstellung beherzt angehen und nicht eine Generation zukünftiger Studenten desorientieren. Aufgrund unserer hohen Abbrecherquote haben wir weltweit eines der ineffizientesten Hochschulsysteme und sind auch noch stolz drauf. Das neue System zwingt nicht mehr jeden zur Marathonstrecke bis zum Diplom und erleichtert den Wechsel von Hochschule und Fachrichtung. Die Abbrecherquote wird zurückgehen. Der Bachelor ist also ein klares Effizienzsteigerungsprogramm.

Das Interview führte Bärbel Schwertfeger



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