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05. Dezember 2003, 12:25 Uhr

Interview zum Lehrer-Nachwuchs

"Der Schuss kann nach hinten losgehen"

Mit einer großen Kampagne buhlen die Kultusminister um Nachwuchs fürs Lehrerzimmer. Als der Essener Bildungsforscher Klaus Klemm schon vor zwei Jahren den Bedarf voraussagte, wollte keiner auf ihn hören. Doch auch heute, so Klemm im SPIEGEL-ONLINE-Interview, sollte sich niemand blind aufs Lehramtsstudium stürzen.

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: Sollen jetzt möglichst viele junge Leute ein "Ticket in die Zukunft" lösen und Lehrer werden?

Ausgebuffte Methoden: Klaus Klemm

Ausgebuffte Methoden: Klaus Klemm

Klemm: Sie sollten sich jedenfalls nicht allein durch die Zahl 75.000 und die Schlagzeile "Lehrer gesucht" anziehen lassen. Viele lesen das ohne die Details und studieren dann womöglich für die Grundschule, wo sie aber nicht gebraucht werden. Der Bedarf an Lehrern ist sehr unterschiedlich verteilt, je nach Fach oder Schulform. Wird nur pauschal kommuniziert, wir brauchen mehr Lehrer, kann der Schuss nach hinten losgehen.

SPIEGEL ONLINE: Besteht die Gefahr, dass jetzt übereilt wieder ganz viele neue Lehrer auf einmal eingestellt werden, die dann auf Jahrzehnte Stellen blockieren und die nächste Absolventengeneration ins Leere läuft?

Klemm: Ganz sicher werden in den nächsten zehn Jahren Tausende Lehrer neu eingestellt werden, allein schon um den drängenden Bedarf zu decken. Doch wenn etwa die Geburtenrate so niedrig bleibt wie bisher oder womöglich noch weiter sinkt, werden nach 2010 weniger Schüler eingeschult. Dann produzieren wir bald wieder den nächsten Lehrerüberschuss.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte es überhaupt so weit kommen? Der Nachwuchsmangel ist doch seit Jahren bekannt.

Kein Freifahrschein: Die Kampagne der Kultusminister

Kein Freifahrschein: Die Kampagne der Kultusminister

Klemm: Ja, aber in den letzten Jahren wurden viele Lehramtsabsolventen nicht eingestellt. Die Abiturienten erleben in ihrer eigenen Schule, dass Referendare, auch wenn sie gut sind, nicht übernommen werden. Und sagen sich dann: Warum soll ich Lehrer werden? Gibt ja eh keine Jobs. Die orientieren sich am aktuellen Arbeitsmarkt und verhalten sich prozyklisch, obwohl antizyklisches Verhalten besser wäre - das ist ähnlich wie an der Börse.

SPIEGEL ONLINE: Die Kultusminister werben jetzt offensiv um Nachwuchs - zu spät?

Klemm: Das Problem ist, dass die Prognosen der Kultusministerkonferenz immer mit langer Verzögerung kommen. Wenn die veröffentlicht werden, sind sie schon wieder falsch, weil überholt. Die aktuelle Prognose etwa stützt sich auf die Studienanfängerzahlen von 2001. Danach sind die Zahlen jedoch stark angestiegen, das wurde nicht berücksichtigt. Ebenso nicht, dass in einigen Bundesländern die Arbeitszeit der Lehrer erhöht wurde, und dadurch weniger neue Lehrer eingestellt werden. Die Kultusminister müssten eigentlich jedes Jahr eine Prognose machen, damit bestimmte Tendenzen schneller erkennbar sind und Abiturienten besser wissen, woran sie sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben bereits vor zwei Jahren einen erhöhten Bedarf an Lehrern vorausgesagt. Warum hat damals keiner auf Sie gehört?

Klemm: Die Kultusminister nehmen meine Berechnungen schon zur Kenntnis, aber sie trauen letztendlich doch nur ihren eigenen Zahlen. Die müssen sie ja auch untereinander abstimmen und mit ihren Finanzministern. Das dauert dann eben immer sehr lang. Wenn ich mich jedes Mal mit 15 Lehrstühlen abstimmen müsste, wäre ich heute noch nicht fertig.

SPIEGEL ONLINE: Wie verlässlich sind überhaupt solche Prognosen?

Klemm: Die Methoden sind schon ziemlich ausgebufft, und die Variablen stehen alle fest. Da lässt sich nichts verbessern. Doch Bedarfsprognosen sind unwägbar, das ist ein schwieriges Geschäft. Bei der Berechnung geht man immer von konstanten Werten aus, sobald aber nur eine Stellschraube gedreht wird, kippt das ganze Zahlenwerk. Wenn beispielsweise in den Berechnungen von einer bestimmten Zahl an Frühpensionierungen ausgegangen wird und dann verändert der Gesetzgeber die Pensionsansprüche, so dass diejenigen, die vorzeitig aus dem Schuldienst ausscheiden, Abschläge bei ihrer Pension in Kauf nehmen müssen, dann bleiben viele Lehrer doch länger in der Schule. Oder wenn etwa doch mehr Lehramtsstudenten ihr Examen machen, weil die Einstellungschancen plötzlich so gut sind. So was bringt dann die ganze Prognose zu Fall.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich auch schon mal geirrt?

Klemm: Ja, als ich in den neunziger Jahren eine Lehrerbedarfsprognose gemacht habe. Ich hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, dass auf absehbare Zeit mehr Lehrer eingestellt würden. Das schien angesichts der Haushaltslage unrealistisch. Doch dann kam die Pisa-Studie, Bildung wurde zum Wahlkampfthema und plötzlich wurden Lehrer gesucht. Die Lage hat sich zwischenzeitlich allerdings wieder gedreht und Kultusetats werden doch gekürzt. Jetzt stimmt meine Prognose von damals wieder.

Das Gespräch führte Marion Schmidt

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