Jobsuche im Internet Ist da draußen jemand?

Immer stärker setzen Unternehmen auf Online-Bewerbungen, manche würden sogar lieber gar keine mehr auf Papier erhalten. Nur mit der Reaktion lassen sie sich Zeit - oft verhallen Anfragen im virtuellen Nirwana. Das zeigt eine neue Studie, bei der die FH Wiesbaden die Homepages der wichtigsten deutschen Firmen untersucht hat.

Von Bärbel Schwertfeger


Wer heute einen Job im Internet sucht, hat die Qual der Wahl: Soll er in einer der rund 400 Jobbörsen stöbern, den neuen Virtuellen Arbeitsmarkt der Bundesagentur für Arbeit durchforsten oder auf den Homepages der Unternehmen nach einem geeigneten Angebot suchen?

Bewerben via Internet: Klar im Kommen
DDP

Bewerben via Internet: Klar im Kommen

Für Gero Hesse ist die Antwort klar: "Wenn ich bereits weiß, welche Unternehmen in Frage kommen, dann ist die Homepage sicher der beste Weg", sagt der Director Recruiting Services bei der Bertelsmann AG. Denn dort finde man auch viele zusätzliche Informationen über das Unternehmen wie etwa über die Unternehmenskultur oder die Karrierechancen.

Dabei haben fast alle großen Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Bewerber-Website aufgerüstet. Grund ist vor allem die Kostenreduzierung. Denn mit speziellen Software-Lösungen lassen sich alle Prozessschritte - vom Verschicken der Eingangbestätigung über die Weiterleitung an die Fachabteilungen bis zur Einladung zum Vorstellungsgespräch - per Knopfdruck erledigen.

Dabei ist der Internet-Auftritt von Bertelsmann offenbar auch besonders gelungen. Denn bei der neuen Studie "Human Resources im Internet 2003/2004 - Vergleich der größten und bedeutendsten Arbeitgeber Deutschlands" belegt der Medienkonzern erneut Platz eins und landete vor einigen Monaten auch bei einem Ranking des manager magazins bereits in der Spitzengruppe.

Die Top Ten der Unternehmen


Bereits zum vierten Mal haben Mitarbeiter des Fachbereiches Medienwirtschaft an der Fachhochschule Wiesbaden die Websites von 132 Unternehmen aus Bewerbersicht unter die Lupe genommen. Erhebungszeitraum war September 2003. Bewertet wurden die Kategorien Zugang, Information, Design, Navigation und Benutzerführung sowie Interaktivität, wobei der Inhalt mit 40 Prozent und die Interaktivität mit 35 Prozent am höchsten gewichtet wurden.

Bitte keine Papierbewerbungen mehr

Deutlich zugenommen hat das Angebot eines "strukturierten Bewerbungsformulars", bei dem Jobsuchende im Gegensatz zur E-Mail-Bewerbung ihre Daten in ein vorgegebenes Formular eintragen. Boten 2001 erst 59 Prozent der Unternehmen diese Möglichkeit an, so waren es im vergangenen Jahr bereits 80 Prozent.

Klassische Bewerbung: Bei manchen Firmen schon zweitrangig
GMS

Klassische Bewerbung: Bei manchen Firmen schon zweitrangig

Positiv überrascht waren die Autoren der Studie Sören Frickenschmidt, Annette Kilch und Wolfgang Jäger dabei über die Entwicklungen bei den "digitalen Bewerbungsmappen", bei denen der Jobsuchende per Passwort jederzeit Zugriff auf seine Daten hat und sie ergänzen kann. Dazu gehört manchmal auch ein "Jobagent", der den Bewerber per E-Mail oder SMS über passende Stellen informiert.

"Viele Unternehmen haben hier hervorragende Lösungen entwickelt", schreiben die Autoren. Manche seien von der Aussagekraft solcher Bewerbungen schon so überzeugt, dass sie Papierbewerbungen nur noch als zweitrangig oder gar nicht mehr akzeptierten.

Soweit geht man bei Bertelsmann nicht, obwohl man auch dort am liebsten nur noch Online-Bewerbungen hätte. "Wir können uns nicht mehr vorstellen, zurück zur Papierbewerbung zu gehen", sagt Personalmanager Gero Hesse. Inzwischen gingen bereits über zwei Drittel der Bewerbungen in Deutschland online ein. In den USA seien es sogar 98 Prozent.

Bertelsmann hat die Nase vorn

Mit seinem interaktiven "Personal Career Planner" sammelte der Medienkonzern auch in diesem Jahr wieder Pluspunkte. Damit können Jobsuchende auch den Status ihrer Bewerbung abfragen. Platz 2 erreichte der Chemiekonzern Bayer, der sich gegenüber dem Vorjahr um sechs Plätze verbesserte, gefolgt von der Commerzbank und Bosch, die jeweils drei Plätze nach oben rückten.

Bahn-Website: Hat inzwischen aufgeholt

Bahn-Website: Hat inzwischen aufgeholt

Zu den größten Aufsteigern gehören Douglas (132 auf 21), Volkswagen (87 auf 9) und die Sana Kliniken (126 auf 56). Aber auch BASF, DaimlerChrysler, die Hypovereinsbank und Quelle konnten sich deutlich verbessern.

Die größten Absteiger sind dagegen die Deutsche Bahn (36 auf 92), Zeiss (57 auf 107) und die Deutsche Post (22 auf 72). Kontinuierlich seit 2000 auf dem absteigenden Ast ist BMW, das sich stetig von Platz 3 auf 28 verschlechterte.

Das schlechte Abschneiden der Bahn dürfte allerdings auch daran liegen, dass der neue Internet-Auftritt erst Ende September fertig war - und damit nach der Datenerhebung. Seitdem gibt es auch dort ein Online-Formular sowie einen laut Unternehmen bisher einmaligen "Profil-Finder", bei dem Studenten herausfinden können, welche Tätigkeitsbereiche für welche Studiengänge infrage kommen und welche Zusatzqualifikationen dort gefragt sind.

"Stillstand auf hohem Niveau"

Insgesamt bescheinigt die Studie dem Personalmarketing im Internet einen "Stillstand auf hohem Niveau". Während sich der Markt von 2000 bis 2003 mit enormer Dynamik entwickelt habe, hätten sich mittlerweile feste Standards herausgebildet.



Auf der anderen Seite sei jedoch vielfach auch ein "geordneten Rückzug" zu beobachten. So hätten einige Unternehmen offenbar vor dem Hintergrund der angespannten Lage auf dem Arbeitsmarkt die "interaktiven Funktionen" ihrer Bewerber-Homepage wieder eingeschränkt.

Doch trotz "technischer Reife" gibt es bei der Abwicklung der Bewerbungen noch deutlichen Nachholbedarf. Nur die Hälfte der Unternehmen schickte innerhalb von 24 Stunden eine Eingangsbestätigung, zehn Prozent antworteten innerhalb von 72 Stunden. Ein Fünftel hüllte sich in Schweigen. Damit hat sich die Bearbeitungszeit sogar leicht verschlechtert.

Noch düsterer sieht es bei E-Mail-Anfragen an die Personalabteilung aus. Hier antworteten 36 Prozent überhaupt nicht. Fazit der Forscher: "Die Verbreitung von strukturierten Bewerbungsmöglichkeiten nimmt zu, die Qualität der Antworten ab."

Beim Tempo hapert es mächtig

Schlechte Noten in Sachen Schnelligkeit stellte auch die Studie "Recruiting Trends 2004" fest. Gemeinsam mit der Jobbörse Monster ermittelte das Institut für Wirtschaftsinformatik der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, dass es nur knapp der Hälfte deutschen Großunternehmen gelingt, ihre eigenen internen Zeitvorgaben einzuhalten.



Dabei streben 46 Prozent eine maximale Bearbeitungszeit von drei Wochen vom Eingang einer Bewerbung bis zum Versand einer Zu- oder Absage an den Kandidaten an. Bei 44 Prozent der Unternehmen vergehen jedoch alleine von der Empfangsbestätigung bis zur Einladung zum Vorstellungsgespräch mindestens zwei Wochen.

Nähere Informationen:

  • Die vollständige Studie "Human Resources im Internet 2003/2004 - Vergleich der größten und bedeutendsten Arbeitgeber Deutschlands" ist für 98 Euro bei der FH Wiesbaden zu beziehen. Die E-Mail-Adresse: wolfgang.jaeger@medien.fh-wiesbaden.de
  • Informationen über die Studie "Recruiting Trends 2004" gibt es bei www.monster.de.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.