Junge Akademiker in Nöten Generation Golf in der Wagenburg

Sie sind um die 30 und fürchten, dass ihre berufliche Zukunft schon hinter ihnen liegt. In der Wirtschaftskrise landen auch die Hochqualifizierten auf der Straße oder kommen gar nicht erst zu einem Job. Schutz vor dem rauen Klima suchen die Egozentriker von gestern in kuscheligen Bürokollektiven.

Von Matthias Lohre


Plan 17-Kollektiv (in Litauen): Frostiger Wind auf dem Arbeitsmarkt
Plan 17

Plan 17-Kollektiv (in Litauen): Frostiger Wind auf dem Arbeitsmarkt

David Heimburger muss gleich weg, sagt er. Zum nächsten Termin. Zweieinhalb Tage pro Woche arbeitet er für sein Jura-Referendariat. In der restlichen Zeit schreibt er als freier Mitarbeiter für Tageszeitungen, Onlinedienste, Magazine - was immer die Auftragslage hergibt. Er lächelt, denn er ist froh, eine Beschäftigung zu haben.

Eines wollte der 28-Jährige auf keinen Fall: zusammensacken zu einem Häufchen Elend voller Zukunftsangst. Wie so viele Journalisten, Werbefachleute, Architekten und all die anderen Akademiker, die vor zwei, drei Jahren noch eine steile Karriere vor Augen sahen und heute vor dem beruflichen Abgrund stehen. "Jung, erfolgreich, entlassen", titelte der SPIEGEL; "Anfang am Ende" nannte es "Die Zeit".

Nichts als quälende Fragen

Mitten in die Wirtschaftskrise hinein hat die angesehene Henri-Nannen-Schule Heimburger und seine 16 Journalisten-Kollegen zu Redakteuren ausgebildet. Nur drei haben nach dem Abschluss Anfang des Jahres eine der begehrten festen Arbeitsstellen ergattert. Die übrigen stellten sich über Monate hinweg die quälende Frage: Was jetzt? Arbeitslos melden, promovieren, um ein Auslandsstipendium bewerben? Ihre Antwort heißt "Plan 17".

Plan 17-Initiatorin Ruth Hoffmann: "Mehr als die Summe der einzelnen"
Plan 17

Plan 17-Initiatorin Ruth Hoffmann: "Mehr als die Summe der einzelnen"

Hinter diesem griffigen Namen sammeln sich Heimburger und seine Freunde. Seit Juni hat Plan 17 eine Büroadresse. ein großes, helles Büro in der Hamburger Speicherstadt, ganz oben im sechsten Stock. Als Plan 17 drucken sie Visitenkarten und Briefpapier im einheitlichen Design, lassen sich eine Website bauen (www.plan17.de), auf der sie seit wenigen Tagen ihr Können bewerben.

Sie nennen sich "Journalistenverbund": eine locker organisierte Gruppe, die nach außen einheitlich auftritt. Im Büro sitzen vier der 17, die übrigen arbeiten von zu Hause oder lassen ihre Mitarbeit ruhen. Was sie im Innersten zusammenhält, ist nicht nur das starke Zusammengehörigkeitsgefühl, das ihnen in der Journalistenschule den Ruf eines "Kuschelkurses" eingebracht hat. Sondern auch das Wissen, dass sie gemeinsam "mehr sind als die Summe der einzelnen", wie es auf ihrer Internetseite heißt.

Alle unter einem Dach

Die Generation Golf, bisher eher für ihre Egozentrik und spitzen Ellenbogen bekannt, hat die Solidarität wieder entdeckt - und das Kollektiv.

Nannen-Schüler: Die Idee reifte in New York
Plan 17

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Erhält einer von ihnen einen Arbeitsauftrag, bietet er dem Auftraggeber auch das Können seiner Kollegen an. Hat sich eine Zeitung oder eine Zeitschrift über Plan 17 an die Jungjournalisten gewandt, geht ein geringer Teil des Lohns in eine gemeinsame Kasse, aus der zum Beispiel die Serverkosten für die Homepage bezahlt werden. Was die Ex-Nannen-Schüler abseits ihrer Vertragsgemeinschaft erwirtschaften, fließt weiter in ihre eigenen Taschen. "Eine Kollegin hat gerade einen 12-Monats-Vertrag", sagt Heimburger, der Plan 17 gegenüber Auftraggebern vertritt. "Wenn sie will, kann sie im Anschluss unter unserem Dach arbeiten."

Die Idee zu ihrer modernen Wagenburg hatten die Journalisten bei einem gemeinsamen New-York-Besuch. Draußen regnete es, und in der achttausend Kilometer entfernten Heimat herrschte die Wirtschaftskrise. In einer Kneipe im herbstlichen Manhattan kam ihnen der Gedanke, die in ihrer Ausbildung bewiesene Solidarität auch später zu nutzen: ihre Hoffnung auf eine Nische im überfüllten deutschen Medienmarkt.

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Langsam stellen sich die ersten Erfolge ein. "Es läuft nicht schlecht, wir haben viel zu tun", sagt David Heimburger. So haben fünf Leute von Plan 17 den diesjährigen Geschäftsbericht von Gruner + Jahr gestaltet. Der Medienriese ist eng mit der Henri-Nannen-Schule verbunden. Ein Gewinn für beide Seiten: Der Konzern erhält preiswert einen professionell gestalteten Bericht, und die Jungjournalisten bekommen nicht nur dringend benötigtes Geld, sondern eventuell auch einen Stammkunden.

Künftige Auftraggeber könnten auch die Hersteller von Kundenzeitschriften sein. Lange wurden die Hefte kaum beachtet, doch in der Krise verzeichnen Apotheken-Umschau, Lufthansa-Magazin und Co. stabile Millionen-Auflagen. Worüber noch vor kurzem viele Journalisten die Nase rümpften, das erscheint heute auch den ehemaligen Journalistenschülern verlockend. Zumindest, bis bessere Angebote kommen. Die Hoffnung auf morgen ist zu einem gängigen Zahlungsmittel für junge Akademiker geworden, und so lange schlagen sie sich oft als Freiberufler durch.

Wagenburg von Architekten und Medienleuten

Obwohl viele von ihnen noch immer den Gang zum Arbeitsamt scheuen, wächst seit Jahren die Zahl der arbeitslosen Fachhochschul- und Uni-Absolventen. Allein zwischen September 2001 und September 2002 stieg die Zahl der Akademiker auf Jobsuche um ein Viertel: von 180.000 auf 224.000. Im März dieses Jahres waren sogar 253.000 arbeitslos gemeldet.

Die Dunkelziffer ist weit höher. Bei Rauswürfen landen oft die Jungen, Unverheirateten, Kinderlosen als Erste auf der Straße. Und die Universitäten spucken ganze Abschluss-Jahrgänge aus, die ihren älteren Geschwistern auf dem Weg zum Arbeits- oder Sozialamt folgen.

Auch der Architekt Florian Böhm will das um jeden Preis vermeiden. Die Wagenburg des 31-Jährigen steht in einem ehemaligen Kindergarten in Berlin-Mitte. Seit einem halben Jahr haben sechs Architekten, ein Videokünstler, ein Regisseur und ein Kameramann in dem quietschbunten Siebziger-Jahre-Bau eine Zuflucht gefunden. Die Wohnungsbauverwaltung ist froh, überhaupt gewerbliche Mieter für die Plattenbauten zu finden. Für die 160 Quadratmeter zahlen Böhm und seine Kollegen daher kaum mehr als die Nutzungskosten, reparieren im Gegenzug Fenster oder streichen Wände.

Wer jetzt kein Haus gebaut hat, baut sich keines mehr

Hier und da sind auf den Tapeten noch die Teddybären und Frösche der Vormieter sichtbar. Dazwischen stehen Computer, Zeichentische und Kameras und verbreiten eine geschäftige Atmosphäre. Dabei hat Böhm seit seinem Uni-Examen vor einem Jahr keinen festen Job. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verbringt er mit kleineren Arbeiten für ein Architekturbüro, die andere Hälfte mit Bauentwürfen für internationale Wettbewerbe.

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"Ständig lebe ich am unteren Ende des Dispo-Limits", sagt Böhm mit einem dünnen Lächeln. An die Krise hat er sich schon gewöhnt. Schließlich wird es irgendwann zu anstrengend, sich ständig Sorgen um die Zukunft zu machen.

Der Blick auf seine Kollegen im umgebauten Kindergarten beruhigt ihn. Ihnen geht es nicht besser als ihm. Aber vielleicht wird einer von ihnen ja Karriere machen. "Sobald einer es schafft, kann er andere mitnehmen", hofft Böhm. Sein Ziel ist ein richtiges Architekturbüro oder eine Architektur-Dokumentation mit seinem Kollegen, dem Filmregisseur.

Schluss mit dem Einzelkämpfertum

Einzelkämpfer sind auch unter ihnen nicht gefragt. Wie die Henri-Nannen-Schüler verschaffen sich die Berliner schon heute gegenseitig Aufträge. Dass sie in verschiedenen Städten studiert haben, sehen die Architekten als Vorteil: Ihre Kontakte erstrecken sich über ganz Deutschland, und dieses Netz wollen sie zur Auftragssuche nutzen.

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Den Nachwuchsarchitekten steht aber ein Problem wie ein Fels im Weg, das sie bei aller Eigeninitiative selbst nicht lösen können: Der Markt ist auf absehbare Zeit gesättigt. "Es baut heute praktisch keiner eine Schule, der nicht schon eine gebaut hat", sagt Böhm.

"Wie geht es weiter mit uns, ist eine Frage, die uns nicht allzu sehr umtreibt", schrieb Florian Illies noch vor drei Jahren im ersten Teil seines Bestsellers "Generation Golf". Heute stecken die 30-Jährigen in ihrer ersten großen beruflichen Krise. Sie simulieren ein Arbeitsleben, in der Hoffnung, es irgendwann einmal ausfüllen zu können.

Die Frage, wie es mit ihnen weitergeht, treibt sie um - und einander in die Arme. Die Nabelschau-Generation hat die Solidarität wieder entdeckt.



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