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Junge Mediziner Flucht aus der Klinik

In deutschen Krankenhäusern droht ein dramatischer Ärztemangel. Die Misere ist hausgemacht: Extreme Belastung durch Überstunden, chaotische Arbeitsabläufe und Mobbing durch Chefärzte treiben immer mehr junge Mediziner in andere Berufe.

Es gab einen Punkt in meinem Leben", erzählt Anna Bauer aus München*, "da dachte ich nur noch an Essen und Schlafen." Das war vor vier Jahren, als sie noch als Assistenzärztin an einem angesehenen Lehrkrankenhaus in Berlin arbeitete ­ bis an die Grenze zur totalen Erschöpfung.

Von morgens bis abends musste die junge Medizinerin Schwerkranke versorgen, und nach Feierabend noch bis tief in die Nacht hinein im Labor forschen. "Sinnvolle Ergebnisse", sagt sie, "konnten da nicht mehr rauskommen. Aber wenn ich wagte, mich zu beschweren, bekam ich zur Antwort: 'Ich kann das Gejammere nicht mehr hören. Machen Sie einfach!'"

Völlig hilflos war Bauer der Willkür des Chefarztes und der leitenden Oberärzte ausgeliefert, die sie oft rücksichtslos aus ihrer dringenden Stationsarbeit herausrissen und zu Hilfsdiensten im OP verpflichteten.

Irgendwann reichte es ihr. Sie beschloss, dem Krankenhaus den Rücken zu kehren. Inzwischen arbeitet Bauer für ein großes Pharmaunternehmen in München ­ und ist viel zufriedener als früher. "Man merkt einfach, dass der Arbeitgeber in einen investiert", sagt sie. An ihren neuen Kollegen schätzt sie vor allem zwei Dinge: "Es ist unglaublich angenehm, dass hier gewisse Grenzen der Höflichkeit eingehalten werden. Und außerdem wird bei der Arbeit viel gelacht."

Warnungen vor dem Zusammenbruch der Kliniken

Tatsächlich denken immer mehr junge Mediziner wie Bauer und hängen den Weißkittel an den Nagel. 20 Prozent der jährlich knapp 12.000 Studienanfänger im Bereich Humanmedizin brechen inzwischen ihr Studium ab; noch bis vor wenigen Jahren lag diese Quote ziemlich konstant bei nur 3 Prozent. Weitere 20 Prozent satteln direkt nach dem Examen um und gehen zu Unternehmensberatungen, in die Pharmaindustrie oder zu Versicherungen. Noch gar nicht berücksichtigt sind dabei diejenigen, die nach ihrer Zeit als "Arzt im Praktikum" (AiP) den Beruf wechseln.

Die Folge: Obwohl genauso viele Frauen und Männer wie früher Medizin studieren, wird die Zahl der auf dem Markt verfügbaren Mediziner immer geringer.

Vor allem die Krankenhäuser schlagen jetzt Alarm. Die Kliniken haben zunehmend Probleme, freie Stellen zu besetzen. "Bei Ausschreibungen für Facharztstellen", beklagte soeben Heinz Lohmann, Vorstandssprecher des Landesbetriebs Krankenhäuser Hamburg, "gab es früher oft 200 Bewerbungen, jetzt sind es manchmal nur 3" ­ eine Quote freilich, mit der Unternehmen anderer Branchen noch höchst zufrieden wären.

Vergangene Woche schreckte auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), der Dachverband der Krankenhausträger, die Öffentlichkeit auf. Vor einem "dramatischen Ärztemangel in den Kliniken" warnte DKG-Präsident Burghard Rocke: "Was wir sehen, ist nur die Spitze des Eisbergs ­ wenn wir nicht umgehend handeln, ist ein Zusammenbrechen des Systems programmiert."

Angst macht den Krankenhausbetreibern vor allem ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EuGH). Der EuGH entschied im Oktober 2000, dass die Bereitschaftsdienste, wie sie Ärzte nachts und an den Wochenenden leisten, voll auf die Arbeitszeit anzurechnen sind; bislang gelten sie in Deutschland als Ruhezeiten.

Miserable Arbeitsbedingungen, enorme Belastung

Würde die EuGH-Entscheidung auch in Deutschland umgesetzt (ein Grundsatzurteil hierzu wird demnächst erwartet), würde dadurch die zulässige Gesamtarbeitszeit eines Krankenhausarztes erheblich sinken. 15 000 neue Stellen, schätzt der Marburger Bund, die Vereinigung der Krankenhausärzte, müssten dann neu geschaffen werden. Die DKG hat sogar einen Bedarf von 27 000 zusätzlichen Stellen errechnet ­ was jährlich bis zu 1,7 Milliarden Euro kosten würde.

"Um diese Stellen besetzen zu können", so DKG-Pressesprecher Andreas Priefler, "müssten wir als Ultima Ratio sogar die Einführung einer Green Card für Ärzte aus Osteuropa fordern."

Über solche Vorschläge kann Frank Ulrich Montgomery allerdings nur lachen. "Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sollte besser Deutsche Klagegesellschaft heißen", spottet der Vorsitzende des Marburger Bundes. Für Montgomery steht fest: Wenn es gelänge, den Arztberuf wieder attraktiver zu machen, drohte hier zu Lande auch kein gravierender Ärztemangel.

Um die Flucht aus der Klinik zu stoppen, müsste sich aber einiges ändern. Denn in den vergangenen 15 Jahren, in denen der Markt mit Medizinern überschwemmt wurde, hat der Arztberuf erheblich an Attraktivität eingebüßt ­ vor allem in vielen Krankenhäusern sind die Arbeitsbedingungen miserabel.

Willkürlich agierende Chefärzte, ständige Reibereien zwischen Ärzten und Pflegepersonal, eine Verwaltung, die jeden Kostendruck von außen sofort an die Ärzte weitergibt und teilweise groteske Arbeitsabläufe sorgen für eine Belastung, wie sie kaum sonst irgendwo anzutreffen ist. In vielen Kliniken sind Arbeitszeiten von 24 oder gar 36 Stunden am Stück und von 70 Stunden und mehr pro Woche an der Tagesordnung. Nicht selten werden dabei, damit sich dies überhaupt mit den geltenden gesetzlichen Arbeitszeitregelungen vereinbaren lässt, die Dienstpläne systematisch manipuliert.

"Die meisten Patienten sind ziemlich zäh"

Mit viel Phantasie unterlaufen die Kliniken die geltenden Arbeitszeitbestimmungen. Ein beliebter Trick besteht darin, Ärzte vor Nachtdiensten für einige Stunden nach Hause zu schicken (oft auch nur auf dem Papier) ­ denn dann dürfen sie nach dem Dienst legal den gesamten nächsten Tag weiterarbeiten.

"Natürlich sinkt durch all dies die Qualität der Patientenversorgung", sagt Montgomery. Nach 24 Stunden Arbeit reagiert das Gehirn etwa so wie mit einem Promille Alkohol im Blut: Behandlungsfehler, zumindest kleinere, sind fast unvermeidlich.

"Man kann nur froh sein", sagt eine Ärztin aus München, die inzwischen den Absprung aus dem Krankenhaus geschafft hat, "dass die meisten Patienten ziemlich zäh sind und kleinere Behandlungsfehler in der Regel wegstecken können."

Nach Schätzungen des Marburger Bundes leisten Ärzte jedes Jahr rund 50 Millionen Überstunden. Nur ein Bruchteil davon ­ wahrscheinlich weniger als 20 Prozent ­ wird überhaupt aufgeschrieben; noch weniger wird tatsächlich bezahlt oder in Freizeit abgegolten.

"Geisterärzte" arbeiten sogar umsonst

Auf dem Höhepunkt des Ärzteüberschusses haben in bestimmten Fachrichtungen ­ etwa in der Dermatologie, wo Klinikstellen besonders knapp waren ­ sogar ganze Belegschaften als so genannte Gastärzte ganz umsonst gearbeitet. "Eigentlich müssten sie Geisterärzte heißen", sagt Anna von Borstell, die beim Marburger Bund für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist. Auf immer noch 3000 wird die Zahl der Gastärzte in Deutschland geschätzt. Sie tauchen in keiner offiziellen Statistik auf. Von Borstell: "Nur ganz selten meldet sich mal jemand bei uns ­ immer anonym."

Die meisten, die ohne Gehalt schuften, tun das, damit diese Arbeitszeit auf ihre Ausbildung zum Facharzt angerechnet wird. Immer wieder klagte die Bundesärztekammer über das "Gastarztunwesen" ­ geändert hat sich wenig.

Tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft nur in wenigen Einzelfällen. Und auch die Gewerbeaufsichtsämter kontrollieren eher lasch. Oft dienen die offiziell ausgefüllten Überstundenzettel und Dienstpläne als Grundlage der Überprüfungen; mit den tatsächlichen Verhältnissen hat das kaum etwas zu tun. Die meisten Verstöße bleiben unentdeckt.

"Reden Sie einfach weniger mit den Patienten" - ein simples Rezept gegen Überstunden

Lesen Sie im zweiten Teil:

Besonders junge Mediziner werden häufig bis an die Grenzen des Erträglichen getrieben. Stefanie Arnold* zum Beispiel kam vor Erschöpfung irgendwann kaum noch die Treppe rauf. Rund hundert Überstunden hatte sie im ersten Monat geleistet, sechs Nächte und jedes Wochenende durchgearbeitet. Auf ihrem Schreibtisch stapelten sich die Krankenakten, bergeweise Formulare waren auszufüllen, ständig drohte ein Notfall.

Arnold war Assistenzärztin in einer internistischen Abteilung eines renommierten Lehrkrankenhauses. Obwohl eigentlich noch Anfängerin musste sie ohne Einarbeitung vom ersten Tag an die Verantwortung für 20 Patienten einer Herz-Spezialstation übernehmen. Sie musste die Schwerkranken im Eiltempo durch eine ganze Batterie von Untersuchungen schleusen, am Wochenende bis zu 35 Entlassungsbriefe diktieren und ständig für den Fall bereitstehen, dass es bei einem Patienten zum Herzstillstand kommt. Als ihr Oberarzt in Urlaub ging, war sie ganz auf sich allein gestellt.

Irgendwann konfrontierte sie den Chef mit ihrer übermäßigen Arbeitsbelastung. Gegen die Überstunden hatte der ein einfaches Rezept: "Reden Sie einfach weniger mit den Patienten."

"Da kam ich mir vor wie ein Sklave", sagt Arnold. Nach nur zwei Monaten kündigte sie. Die fünf Tage Urlaub, die ihr noch zustanden, durfte sie nicht nehmen ("Dafür ist keine Luft"). Von ihren Überstunden, rieten ihr die Kollegen, solle sie allenfalls einen Teil aufschreiben: "100 Stunden akzeptiert der Chef sowieso nicht."

Mit Aufgaben allein gelassen, denen er noch nicht gewachsen war, wurde auch Matthias Will in seiner Zeit als Arzt im Praktikum: "Die hohe Verantwortung fast ohne jegliche Unterstützung hat mich schockiert."

McKinsey statt Krankenhaus

Der Mediziner aus Köln kann sich inzwischen nicht mehr vorstellen, noch einmal im Krankenhaus zu arbeiten. Dabei hatte er das zu Beginn seines Studiums durchaus vor. "Mich haben vor allem die biochemischen Zusammenhänge an der Medizin fasziniert", sagt er, "deshalb hatte ich vor, klinische Tätigkeit mit Forschung zu verbinden."

Nach seinem Examen 1999 allerdings wurde Will schnell eines Besseren belehrt. Vor allem seine Erfahrungen als AiP (Bruttogehalt: 1100 Euro) haben dazu beigetragen. "Ich hatte zusätzlich zu meiner Stelle in Eigeninitiative Forschungsgelder beantragt und für zwölf Monate bewilligt bekommen", erzählt Will, "aber ich kam nicht dazu, sie auszugeben: Erst zwei Monate vor dem Ende meiner AiP-Zeit durfte ich von der Patientenstation, wo ich zwölf Stunden täglich sowie nachts und an Wochenenden geschuftet habe, ins Labor wechseln."

Will zog daraus seine Konsequenzen: Er hatte Angebote von verschiedenen Unternehmensberatungen und arbeitet seit September vergangenen Jahres bei McKinsey. "Der neue Job", sagt er, "gefällt mir sehr. Es macht Spaß, mit anderen gemeinsam im Team Probleme zu lösen. Und wir sehen Erfolge, das ist sehr befriedigend."

Was viele trotz allem motiviert, Arzt zu werden, ist das immer noch hohe Ansehen, das Mediziner in der Bevölkerung genießen. Im Krankenhaus ist der Schock für die jungen Ärzte dann groß: Dort stehen die Berufsanfänger am untersten Ende der Hierarchie.

Frühstück neben der Leiche

Selbst die Telefonzentrale ist in der Regel luxuriöser ausgestattet als das beste Arztzimmer. Und wenn die Mediziner sich nicht wehren, wird kaum eine Grenze respektiert. "Jahrelang war es hier sogar üblich, nachts Patienten zum Sterben ins Arztzimmer zu schieben", berichtet zum Beispiel eine Ärztin an einem großen Lehrkrankenhaus in Köln. "Kam ich morgens zur Arbeit, musste ich mich dann neben einer Leiche oder einem Sterbenden umziehen und mein Frühstücksbrötchen essen." Schwestern und Oberarzt, darauf angesprochen, fanden nichts dabei.

Zwar sind extreme Arbeitszeiten für Krankenhausärzte schon seit langem üblich. Doch früher stand am Ende der Blut-Schweiß-und-Tränen-Zeit immerhin die realistische Chance, nach ein paar Jahren zum Einkommensmillionär aufzusteigen. Heute hingegen müssen Jungärzte damit rechnen, einmal eine Praxis mit hohen Schulden und unsicherem Einkommen am Hals zu haben ­ oder als Oberarzt mit mittelmäßigem Gehalt ein Leben lang der Willkür des Chefs ausgesetzt zu bleiben.

Solche Zukunftsaussichten machen empfänglich für Alternativen außerhalb des Medizinbetriebes. Als Anfang der neunziger Jahre mehr und mehr Ärzte arbeitslos wurden, begannen Arbeitsämter, Ärztekammern, Privatfirmen und Universitäten systematisch, Schulungen in Krankenhausmanagement oder in Medizininformatik abzuhalten ­ mit durchschlagendem Erfolg. "Eigentlich müssten wir das jetzt alles sofort stoppen", meint Thomas Kopetsch von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.

Ob das allerdings noch so ohne weiteres möglich wäre, ist indes mehr als fraglich. Denn inzwischen sind Ärzte in vielen Unternehmen sehr gefragt.

Zeitverschwendung durch Verwaltung

"Die Krankenhäuser müssen eben eigene Anreize schaffen, um die Ärzte zu gewinnen und zu halten", sagt Montgomery. So geht er davon aus, dass derzeit allein Tausende Ärztinnen nur deswegen nicht arbeiten, weil sich Kinder und Krankenhaus so gut wie nie vereinbaren lassen. Montgomery: "Wenn Ärzte dringend gebraucht werden, muss ein Krankenhaus dann eben auch mal so flexibel sein und Ärztinnen mit Kindern vom Nachtdienst befreien."

Auch sonst könnten die Mediziner schon durch kleine Veränderungen entlastet, der Arztberuf attraktiver und die Kosten gesenkt werden. Oft sind die Arbeitsabläufe zum Beispiel dermaßen schlecht organisiert, dass viele Ärzte jeden Tag mehrere Stunden mit eigentlich unnötigen Verwaltungsaufgaben vertun müssen.

So gibt es in vielen Krankenhäusern bis heute kein einheitliches Computersystem. Befunde müssen deshalb ­ von der Aufnahme bis zur Entlassung des Patienten ­ wieder und wieder abdiktiert werden; ein einfaches Kopieren per Mausklick funktioniert nicht.

Verzweifelte Ärzte, die mit dem Diktieren der Entlassungsbriefe einfach nicht mehr hinterherkamen, haben, wie Montgomery berichtet, schon ganze Koffer voller alter Krankenakten einfach in einen tiefen See versenkt oder verbrannt.

"Mittelalterliche Arbeitsabläufe"

"Jeden Tag bin ich fast eine Stunde allein damit beschäftigt, Röntgenbilder oder Krankenakten zu suchen, die irgendwo im Haus verloren gegangen sind", stöhnt eine Ärztin aus Köln. "Mittelalterlich", kritisiert der Mediziner und Arbeitsforscher Walter Friesdorf von der TU Berlin die Arbeitsabläufe in den Kliniken, die er in mehreren Studien gründlich untersucht hat: "Krankenhäuser geben nur ungefähr ein Zehntel so viel wie die Autoindustrie für eine effiziente Arbeitsorganisation aus ­ dabei hätten die Kliniken es viel dringender nötig."

Mittlerweile verbringen Krankenhausärzte zwischen 30 und 40 Prozent ihrer Arbeitszeit mit Papierkram. Und mit steigendem Kostendruck wird der Bürokratismus immer schlimmer: Seit Anfang des Jahres müssen die Ärzte jeden Handgriff, den sie am Patienten verrichten, im Computer verschlüsseln ­ für jeden wieder eine unbezahlte Überstunde pro Tag mehr.

"Wenn man selbst mit drinsteckt in diesem System, macht man mit und hält das für normal", sagt Bauer rückblickend zu dem alltäglichen Wahnsinn, den sie als Krankenhausärztin erlebte. "Wenn man aber von draußen draufguckt, denkt man nur noch: Die spinnen ja alle."

VERONIKA HACKENBROCH

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