Junge Mediziner Frust im weißen Kittel

Obwohl schon jetzt in Deutschland viele Ärzte fehlen, werden die Arbeitsbedingungen für junge Mediziner schlechter, vor allem an Unikliniken. Ganz in Weiß protestieren sie gegen unbezahlte Überstunden und Lohnkürzungen - oder flüchten gleich ins Ausland.


Protest mit Megaphon: Charité-Arzt Olaf Guckelberger spricht in Berlin zu Kollegen
DPA

Protest mit Megaphon: Charité-Arzt Olaf Guckelberger spricht in Berlin zu Kollegen

Der "typische Chefarzt" präge immer noch das Bild seines Berufsstands in der Öffentlichkeit, glaubt Frank Ulrich Montgomery, der Vorsitzende des Marburger Bunds. Doch mit dem Klischee des Gutverdieners sei es schon lange vorbei.

Statt eines wohlsituierten Halbgotts in Weiß zeichnen die Krankenhausärzte, die in dieser Woche vor dem Tagungshotel des 108. Deutschen Ärztetages in Berlin demonstrierten, ein anderes Bild: Überarbeitung, eine Flut von Papierkram, unbezahlte Überstunden, zu wenig Geld.

"Frust" macht sich breit, wie auch Ärztekammerpräsident Jörg-Dietrich Hoppe weiß. Über unzumutbare Arbeitsbedingungen klagen nicht nur die Mediziner mit eigener Praxis, die vor allem auf dem platten Land im Osten immer rarer werden. Mit Warnstreiks und Protesten melden sich nun lautstark auch die Ärzte der Universitätskliniken zu Wort.

Sie wehren sich dagegen, dass die Bundesländer mit der Kündigung von Tarifverträgen ihre Arbeitsbedingungen weiter verschärft haben. Wochenarbeitszeiten bis zu 42 Stunden (offiziell und ohne Überstunden) sind keine Seltenheit, Urlaubsgeld wurde gestrichen, Weihnachtsgeld gekürzt. Damit haben viele nach Rechnung ihrer Interessenvertretung bis zu zehn Prozent ihres Einkommens verloren.

Schlusslicht bei der Bezahlung

Deutsche Unikliniken seien fachlich Spitze, bei der Bezahlung aber die Schlusslichter in Europa, kritisiert ein junger Arzt aus Heidelberg, der mit Kollegen der Berliner Charité und aus anderen Bundesländern vor dem Estrel-Hotel ein schrilles Pfeifkonzert veranstaltet. Mit 40.000 bis 45.000 Euro jährlich verdiene ein normaler junger Arzt gerade ein bisschen mehr als ein Brauereiarbeiter, sagt Montgomery.

Die langen Arbeitszeiten seien auch aus Patientensicht kaum hinnehmbar: Untersuchungen hätten gezeigt, dass Ärzte nach einem Nachtdienst doppelt so viel Fehler machten und auf dem Heimweg dreimal häufiger in Unfälle verwickelt seien, berichtet Montgomery. Zwar hat der Europäische Gerichtshof entschieden, dass Bereitschaftsdienste als Arbeitszeit zu werten sind, doch die Praxis sieht vielerorts anders aus.

Uniklinik Köln: Ärzte protestierten gegen Lohnkürzungen und lägere Arbeitszeiten
DPA

Uniklinik Köln: Ärzte protestierten gegen Lohnkürzungen und lägere Arbeitszeiten

Die niedergelassenen Ärzte hätten nach Hoppes Ansicht ebenso viel Grund, eine Protestaktion auf die Beine zu stellen. Überlange Arbeitszeiten und Unsicherheit über die berufliche Zukunft schreckten auch hier den Nachwuchs ab.

Aus dieser Sicht ist es kein Wunder, dass viele Medizinstudenten sich andere Jobs suchen, in die Pharmaindustrie gehen oder gleich ins Ausland. 6000 deutsche Ärzte arbeiten nach Angaben des Marburger Bunds schon in anderen Ländern, während 5000 offene Stellen an deutschen Kliniken nicht besetzt werden können. Auf diese Stellen rücken immer mehr Kollegen aus Osteuropa nach, wo das Gehaltsniveau noch niedriger ist. Allein in ostdeutschen Kliniken und Praxen sind es fast 2000, die meisten aus Polen.

"Keine einfache Lösung"

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt zeigt Verständnis für den Kampf der Ärzte um anständige Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen, hält sich aber für die falsche Adresse des Protests. Ansprechpartner seien die Länder, die Tarifverhandlungen führen müssten, und die Kliniken, die für bessere Bedingungen zu sorgen hätten. Die Bundesregierung habe mit der Gesundheitsreform hunderte Millionen Euro für neue Arbeitszeitmodelle freigemacht. "Jetzt ist jede Klinikleitung gefordert zu sagen, wie sie die neuen Möglichkeiten nutzen will", mahnt sie.

Viele junge Ärzte gingen nicht des Geldes wegen ins Ausland, sondern weil sie sich bei den flacheren hierarchischen Strukturen beispielsweise in Skandinavien besser einbringen könnten, gibt die Ministerin zu bedenken. So mancher würde hier bleiben, meint sie, wenn er Veränderungen sähe: bessere Organisation und Zusammenarbeit, weniger Bürokratie, reibungslosere Abläufe und nicht zuletzt die Möglichkeit, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Für das Problem des Ärztemangels im Osten, aber auch in einigen westdeutschen Landstrichen, sei noch keine Lösung gefunden, räumt Ulla Schmidt ein. Vieles sei schon getan worden, und dennoch gelinge es nicht, alle Praxen zu besetzen: "Das Problem ist vielschichtig, es gibt keine einfache Lösung." Alle Beteiligten müssten sich an einen Tisch setzen und beraten, wie die flächendeckende Versorgung gesichert werden könne und wie junge Menschen wieder für den Beruf zu begeistern seien.

Von Susanne Ruhland, AP

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.