Junge Polizistinnen in Kabul Mit Kopftuch und Kalaschnikow

Sie brechen mit afghanischen Traditionen und glauben doch an einen gerechten Staat. Die Polizeiakademie Kabul bildet auch Frauen aus - nur zehn unter 1600 Männern. Die Polizistinnen riskieren viel. Alle haben dafür gute Gründe, manche wollen persönliche Dramen bewältigen.

Von Edda Schlager, Kabul


Latifa sitzt mit ihrem kleinen Sohn zu Hause, als plötzlich Polizistinnen ins Zimmer stürmen. "Hände hoch, zurück an die Wand", rufen sie, zwei Pistolen zielen auf Latifa. Der Junge schaut mit großen Augen in die Mündung. Dann wird Latifa aus dem Zimmer geführt. Eine der Polizistinnen zwingt sie draußen, sich mit dem Gesicht zur Wand aufzustellen, legt ihr Handschellen an und tastet sie ab.

Plötzlich klingelt Latifas Handy. Die Polizistinnen beginnen zu kichern. Eilig schließt eine die Handschellen auf, damit Latifa ans Telefon gehen kann.

Denn eigentlich ist auch Latifa Polizistin, eine zukünftige zumindest. Heute aber mimt sie eine Frau, die des Drogenhandels verdächtig ist - zusammen mit ihrem kleinen Neffen, den sie sich von ihrem Bruder "geborgt" hat. Latifa und ihre Kommilitoninnen studieren an der Polizeiakademie Kabul und üben gerade das Häuserstürmen im extra dafür eingerichteten zweistöckigen Tactical Training Center auf dem Gelände der Polizeiakademie.

Zusammen mit etwa 1600 männlichen Studenten werden hier derzeit zehn Frauen zu Polizistinnen ausgebildet. Sie gehören zu jenem Drittel der Studenten, die eine höhere Offizierslaufbahn in Angriff nehmen. Das bedeutet für die junge Frauen drei Jahre Studium.

Zehn Offizierinnen für ein neues Afghanistan

Gemeinsam mit den Männern absolvieren sie Kurse im Schießen mit Pistolen und Kalaschnikows, in Informatik, Taktik oder eben im Häuserkampf. Eine gesonderte Mädchenklasse gibt es nicht, sie lernen zusammen mit den Männern. Nur im Sportunterricht treffen sich die jungen Frauen - und manchmal, wie jetzt, zu Einzelübungen.

Äußerlich unterscheiden sich die jungen Frauen von ihren männlichen Kommilitonen nur durch das schwarze Kopftuch: Haare, Ohren und Hals müssen bedeckt sein. Das Kopftuch ist Teil der Uniform, die sonst wie bei den Männern aus einer grauen Hose und dazu passender Jacke besteht.

Nein, eine Burka würden sie auch privat auf keinen Fall tragen, wehren die Polizeischülerinnen ab. Dabei wird die Burka, der blaue Ganzkörperschleier, unter den Taliban einst Pflicht, auch heute noch von vielen Frauen in Afghanistan getragen. "Das Kopftuch, das im Islam als Kleiderordnung gilt, das respektieren wir", sagt Habiba, 19, "nicht jedoch die Burka."

Dass Frauen auch in Afghanistan in den Polizeidienst gehören, davon ist Fasel Rahman Ayubi, einer der Ausbilder, fest überzeugt. Die Mädchen seien sich ihrer zukünftigen Verantwortung früh bewusst. Bei den männlichen Rekruten hat der Oberst da so seine Zweifel: "Nahezu 80 Prozent unserer Studenten wollen nur deshalb Polizist werden, weil sie auf Privilegien und Korruptionsgelder hoffen."

"Warum haben Männer das Recht, Frauen zu beleidigen?"

Außerdem müsse es Polizistinnen als spezielle Ansprechpartner geben, wenn Frauen mit Problemen zur Polizei kämen. "Männlichen Polizisten wollen sich viele Afghaninnen nicht anvertrauen", sagt Ayubi.

Aus diesem Grund hat sich auch Habiba für den Polizeidienst entschieden. Als sie mit ihrer Familie nach der Zeit der Taliban aus dem iranischen Exil nach Afghanistan zurückgekehrt sei, erzählt sie, habe sie an der Grenze gesehen, wie die Frauen von männlichen Grenzbeamten gedemütigt wurden. "Warum haben Männer das Recht, Frauen zu beleidigen?", fragt Habiba empört. Um solche Ungerechtigkeiten zu vermeiden, möchte sie sich als Polizistin für Frauenrechte einsetzen. Am liebsten als Kriminalbeamtin.

Dass es allerdings nicht ganz einfach ist, als Polizistin wirklich mit Kriminellen und Opfern von Straftaten in Kontakt zu kommen, weiß Soraya, 27. Sie hat ebenfalls die Ausbildung an der Polizeiakademie durchlaufen und ist bereits Offizierin. Doch momentan arbeitet sie als Ausbilderin an der Akademie - nicht genau das, was sie wollte.

Fast alle der wenigen Dutzend Polizistinnen, die es in Afghanistan überhaupt gibt, sind hier an der Polizeiakademie tätig, beim Zoll zur Überprüfung von weiblichen Reisenden oder in Amtsstuben des Innenministeriums. Oftmals ist das weit weg vom Traum der Mädchen.

Auf Frauen in Uniform lauern Gefahren

Ungewöhnlich ist es allerdings nicht angesichts der Rolle, die Frauen in der patriarchalischen Gesellschaft Afghanistans zugeteilt bekommen. Umfassende Rechtsreformen nach dem Fall des Taliban-Regimes haben Männer und Frauen zwar rechtlich gleichgestellt. Doch von einer Gleichbehandlung sind Frauen besonders im Berufsleben noch weit entfernt.

Überdies leidet die Polizei in Afghanistan ganz allgemein an einem Imageproblem. Als Exekutive soll sie den Staat repräsentieren. "Doch dem Staat fehlt es an Legitimität", so Lal Gul, Jurist und Gründer der Menschenrechtsorganisation AHRO, "und Frauen stärken die Akzeptanz der Polizei nicht gerade." Damit spricht er die Zweifel vieler Männer aus, obwohl er, wie er betont, durchaus für Gleichberechtigung sei.

Islamisches und traditionelles Recht hätten in den Provinzen meist eine stärkere Bedeutung als die formale Gesetzgebung, sagt Gul. Die in den letzten Jahren neu verabschiedeten Gesetze seien dort häufig nicht akzeptiert. "Ich bin dafür, dass der Staat Polizistinnen ausbildet. Aber wie werden Dorfälteste in Helmand oder Nangahar darauf reagieren, wenn man ihnen eine Polizistin schickt? – Sie werden denken, die Regierung ist verrückt geworden."

Trotz der Gefahren, die ihnen bei der Polizei und insbesondere als Frauen in Uniform drohen, zweifeln die jungen Polizistinnen nicht an ihrer Aufgabe. Jede hat ihren persönlichen Grund für diese ganz untypische Berufswahl, bei der Schwierigkeiten geradezu programmiert sind.

Jungpolizistin Soraya war Ehefrau eines Taliban

Latifa weiß, dass es ein langer Weg sein wird, die neuen Gesetze und damit auch Rechtsstaatlichkeit in Afghanistan durchzusetzen. Aber sie ist überzeugt: "Genau davon hängt die Sicherheit in unserem Land ab."

Soraya will ihr eigenes Trauma verarbeiten. Mit 17 Jahren wurde sie, gegen den Willen ihrer eigenen Familie, von einem Taliban zur Frau genommen. Die Tochter, die sie kurz danach zur Welt brachte, starb mit wenigen Monaten. Ihr Mann war selten zu Hause, doch wenn er von seinen Geschäftsreisen nach Europa zurückkam, wurde sie immer wieder von ihm misshandelt. Als die Zeit der Taliban endete, holte ihr Vater sie nach Hause.

Noch heute fühlt sich Soraya durch den Ehemann und dessen Familie bedroht. Mehrfach seien sie wieder in Kabul aufgekreuzt, um sie zurückzuholen. Monatelang habe sie sich nicht auf die Straße getraut, erzählt Soraya, doch letztlich habe ein Bruder sie überzeugt, sich Arbeit zu suchen. Dass sie sich schließlich für eine Ausbildung bei der Polizei entschied, habe ihrer Familie nicht gefallen, letztlich habe sie es aber zugelassen.

Soraya ist sich bewusst, dass sie mit ihrem Beruf gegen afghanische Traditionen verstößt. "Doch so lange ich genau solche Probleme habe, weiß ich, dass es richtig ist, Polizistin zu werden."



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