Juniorprofessuren 360 Millionen Mark für Grünschnäbel

Junge Forscher dürfen hoffen: Das Bundeskabinett hat die an den Hochschulen heftig umstrittene Dienstrechtsreform verabschiedet. Am schnellsten hat die Berliner Humboldt-Universität reagiert und die ersten Juniorprofessuren ausgeschrieben.

Von Alexander Hüsing




Das politische Hickhack um die Dienstrechtsreform ist noch längst nicht beendet. Das Bundeskabinett hat dem Gesetzentwurf zwar bereits zugestimmt, doch Bundestag und Bundesrat müssen darüber noch beraten. Während die Professoren-Verbände der Universitäten und der Fachhochschulen den Aufstand proben, will die HU Berlin als erste deutsche Hochschule 30 Juniorprofessuren besetzen, verteilt über alle Fakultäten.

Warten auf 2002: Junge Doktoren dürfen dann zum Juniorprofessur aufsteigen
DPA

Warten auf 2002: Junge Doktoren dürfen dann zum Juniorprofessur aufsteigen

Mit den ersten Einstellungen rechnet HU-Präsident Jürgen Mlynek für Beginn des kommenden Jahres. Für junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler biete sich so die Möglichkeit, frühzeitig Aufgaben in Forschung und Lehre selbständig wahrzunehmen. Als Voraussetzung genüge eine hervorragende Dissertation, auf eine Habilitation werde verzichtet. Mlynek: "Damit zeigt die Humboldt-Universität auch international ihr Interesse an den besten Köpfen."

Die vom Bundeskabinett verabschiedete Reform besteht aus zwei Teilen: Nachwuchswissenschaftler sollen sich künftig auf Juniorprofessuren statt per Habilitation qualifizieren und Professoren zu einem Viertel leistungsorientiert bezahlt werden. Vorgesehen sind zwei Besoldungsgruppen für Professoren mit einem Mindestgehalt von 7000 pro Monat an Fachhochschulen und 8500 Mark an Universitäten - plus Leistungszulagen.

Die Juniorprofessur auf eine maximale Dauer von sechs Jahren angelegt. Sie soll in Zukunft die Regelvoraussetzung für eine Universitätsprofessur sein. Die Habilitation wird demnach im Berufungsverfahren keine Rolle mehr spielen. "Es muss Schluss damit sein, dass junge Wissenschaftler ihre Habilitation in direkter persönlicher Abhänigigkeit von einem Professor schreiben müssen", forderte Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn in einem Gastbeitrag für UniSPIEGEL ONLINE.

Die "antiquierte" Habilitation ist laut Bulmahn "kein fortschrittliches Verfahren, um die wissenschaftliche Leistung des Nachwuchses zu prüfen". Zumal in anderen Ländern eine solche jahrelange, zermürbende Angelegenheit von den jungen Forschern zumeist nach der Doktorarbeit nicht verlangt wird.

Der Bund öffnet seine Geldspeicher

Damit die Reform in den Bundesländern gut ankommt, öffnet der Bund seine Geldspeicher: In den Jahren 2002 bis 2005 will Bulmahn das Projekt mit rund 360 Millionen Mark aus den UMTS-Zinserlösen unterstützen. Das reformierte Hochschuldienstrecht soll dann Anfang 2002 in Kraft treten, sofern Bundestag und Bundesrat den Reformvorschlägen zustimmen.

Widerstand gegen die geplante Neuordnung kündigte bereits Bayerns Wissenschaftsminister Hans Zehetmair an. Er hält den Gesetzesentwurf für "in wesentlichen Punkten inakzeptabel". Bayern werde deshalb im Bundesrat gegen die Pläne massiven Widerstand leisten und sich für eine Nachbesserung einsetzen. Zehetmair kritisiert vor allem die faktische Abschaffung der Habilitation als Qualifikationsweg für eine Professur und das vorgesehene feste Grundgehalt für Professoren.

Ein höheres Grundgehalt fordert auch die hessische Wissenschaftsministerin Ruth Wagner. Entsprechende Anträge für die Beratungen in den Bundesratsausschüssen bereite das Land derzeit vor. "8500 Mark Grundgehalt sind im internationalen Vergleich zu wenig", meinte Wagner. Außerdem forderte sie, die Habilitation zumindest für geisteswissenschaftliche Fächer zu erhalten.

An den Hochschule ist die Lage recht verworren, ein glasklares Ja oder Nein selten zu hören. So plädiert die Hochschulrektorenkonferenz im Grundsatz pro Reform, aber auch für eine bessere finanzielle Ausstattung. Organisationen junger Forscher wie das Promotionsnetzwerk THESIS und wissenschaftlichernachwuchs.de bejahen die Einführung der Juniorprofessur, sorgen sich allerdings um vernünftige Übergangslösungen.

"Reißbrettentwurf minderer Qualität"

Unterdessen sind die Reihen beim Deutschen Hochschulverband (DHV) fest geschlossen. Die Standesorganisation von über 18.000 Uni-Professoren hält das neue Dienstrecht in erster Linie für ein "Sparpaket" und protestiert gegen das abgesenkte Mindestgehalt. In der neuen Ausgabe der Zeitschrift "Forschung und Lehre" kritisiert Hubert Detmer, stellvertrender DHV-Vorsitzender, den Bulmahn-Vorschlag als "Reißbrettentwurf minderer Qualität", als "ungenießbar" und als "mißratenen Zögling".

Bulmahn wolle die Habilitation ganz abschaffen, winde sich aber darum, das heikle Wort eines Verbotes aussprechen zu müssen. Detmer hält den Referentenentwurf für ein Eigentor: "Wer mit Universitäten und jungen Wissenschaftlern ein närrisches Spiel treibt, nur um dem fragwürdigen Experiment Junior-Professur den Weg zu bereiten, darf nicht auf das Verständnis der Betroffenen hoffen."



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.