Karriere-Coaching Männer müssen draußen bleiben

Therapiestunde für eingefleischte Feministinnen - dieses Vorurteil hören die Mitarbeiterinnen des Women's Career Center oft. Dabei wollen die Beraterinnen der Uni Hamburg vor allem eines: Die Karriere der Absolventinnen ankurbeln.

Von Claudia May


Hamburg - Das müssen alles Kampf-Emanzen sein. Oder ein Club von Männer-Hassern. Als Mariska Kappmeier zum ersten Mal Plakate des Women's Career Center an der Uni Hamburg entdeckte, schwirrten ihr solche Gedanken im Kopf herum. Eine Karriereberatung nur für Frauen war ihr vor allem eines: suspekt. "Zum Glück haben mir damals Kommilitonen erzählt, dass es dort wirklich tolle Seminare gibt", sagt Kappmeier. Wenig später meldete sich die Psychologie-Studentin für einen Kurs an. Und statt männerfeindlicher Plattitüden lernte sie, wie man sicher verhandelt. Über ihre Vorurteile von damals kann sie jetzt noch lachen. Mittlerweile schreibt die 30-Jährige an ihrer Doktorarbeit und leitet selber Seminare. Heute sitzt sie in dem mäßig geheizten Raum mit der Nummer 233 des Fachbereichs Wirtschaftswissenschaften und wartet auf die Teilnehmerinnen, die tröpfchenweise eintrudeln.

Es ist still im Raum, die meisten haben sich vorher noch nie gesehen. Und wer weiß, ob hier nicht doch die Emanzipation gefeiert werden soll. Kappmeier und Co-Referentin Frauke Narjes beginnen mit einer Art Spiel: Die Studentinnen sollen raten, wer die beiden eigentlich sind. "Frau Kappmeier spielt leidenschaftlich Geige", vermutet eine Teilnehmerin. "Und sie macht Ballett". Als Haustier wird ihr eine Katze zugeordnet. Als die Diplom-Psychologin erzählt, dass sie eigentlich Hunde mag und mit klassischem Tanz wirklich nichts am Hut hat, hallt Lachen durch den Raum. Das Eis ist gebrochen.

Die Frauen bekommen neuen Mut

Die 15 Studentinnen, die heute an dem Seminar teilnehmen, gehören zur klassischen Klientel: Frauen aus dem Bereich der Geisteswissenschaften, einige Juristinnen, eine Lehramtsstudentin. Naturwissenschaftler sind bisher kaum vertreten: Nur eine Geophysikerin ist dabei. Die meisten stehen kurz vor ihrem Abschluss oder haben ihn gerade in der Tasche.

"Durch die Karriereberatung an der Universität bekommt man auch Mut, mal in eine komplett andere Richtung zu denken", verrät Lehramtsstudentin Inga. Sie ist gerade dabei, einen ganz anderen Weg einzuschlagen als ursprünglich geplant. Inga ist scheinfrei, doch will ihr Referendariat nicht antreten. Irgendwann gestand sie sich ein, dass sie nicht in einer Schule unterrichten will - und war am Boden zerstört. Sollte sie all die Jahre des Lernens nur verschenkt haben? "Ich war in einer Krise, als ich zu einem persönlichen Beratungsgespräch des Career Centers ging", sagt sie. "Dort habe ich gelernt, dass ich mich umorientieren kann. Es gibt so viele Berufe - da wusste ich vorher nicht einmal, dass man damit Geld verdienen kann."

Auch Zahar Naderi ist von ihrem ersten Seminar beim Women's Career Center angenehm überrascht. "Mir war es eigentlich egal, ob die Gruppe gemischt sein wird oder nicht. Aber jetzt im Nachhinein gesehen ist es angenehmer, unter Frauen zu sein," sagt die 23-jährige Jura-Studentin. Kein Typ, der laut dazwischen redet und sich toll vorkommt, obwohl er die gleichen Probleme hat. Und ein Zickenkrieg ist unter den Frauen auch nicht ausgebrochen. Naderi hatte eine Broschüre in der Mensa entdeckt und erst beim dritten Anlauf einen Platz im Seminar bekommen.

Das Karriere-Coaching hat sich mittlerweile etabliert. Doch selbstverständlich ist der Beratungsservice längst noch nicht: Bisher gibt es nur an etwa 50 Hochschulen in Deutschland Career Center. Nachwievor werden viele Akademiker beim Übergang ins Arbeitsleben allein gelassen, landen in der Praktikantenschleifeund sind unsicher, welcher Beruf eigentlich zu ihnen passt. Spezielle Angebote für Frauen gibt es nur selten. Wo sie existieren, wie in Hamburg, finden sie großen Zuspruch.

"Eigentlich können wir alle Seminare doppelt anbieten", sagt Beraterin Narjes. Es hat sich herumgesprochen, dass das Women's Career Center keine Kuschel-Therapie für Feministinnen bietet, sondern solide Beratung. Neben Seminaren bietet das Career Center ganze Vorlesungsreihen, Coaching-Gespräche und einen Bewerbungsmappen-Check. Dies alles ist für die Studentinnen kostenlos. Private Karriereberater nehmen nicht selten dreistellige Honorare. Pro Stunde.

Ursprünglich war das Women's Career Center ein Modellprojekt. Jetzt soll es in einen Beratungsservice für alle Studenten integriert werden. Doch auch hier soll das zusätzliche Angebot nur für weibliche Studenten erhalten bleiben. "Es wäre nicht gerechtfertig, diesen Schwerpunkt wegzulassen, so lange die Gleichberechtigung noch nicht wirklich da ist," sagt Narjes. "Wir haben zu wenig Akademiker - da wird es Zeit, auch die Frauen mit ins Boot zu holen."



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Hugh, 29.03.2007
1. Sexismus auf Kosten des Steuerzahlers
Mehr Karrierechancen für Frauen, sicher. Nur darum geht es hier nicht. Wenn Firmen sich endlich mehr auf Frauen in Führungspositionen einließen, und bessere Möglichkeiten für Familienförderung geschaffen würden, wären Karrieren für beide Geschlechter leichter. Hier wird aber etwas ganz anderes mit Steuergeldern verwirklicht. Ein Geschlecht wird bevorzugt. Und da es vorher auch kein mit Steuermitteln gefördertes Coaching für Männer gab, geht es hier nicht ums Gleichziehen, sondern ganz primitiv um Bevorzugung auf Grund des Geschlechts. Etwas, was, würde es für Männer praktiziert, sofort die Feminismusideolog(e)(i)(n)nen auf den Plan rufen würde. (Zitat) ......Nachhinein gesehen ist es angenehmer, unter Frauen zu sein, sagt die 23-jährige Jura-Studentin. Kein Typ, der laut dazwischen redet und sich toll vorkommt, obwohl er die gleichen Probleme hat. (/Zitat) Genau darum geht es. Und klarer kann man es nicht sagen, Männer haben die gleichen Probleme, werden aber nicht gecoacht. Sprache kann so verräterisch sein. Wie würde folgender Satz ankommen? Nachhinein gesehen ist es angenehmer, unter Männern zu sein," sagt der 23-jährige Jura-Student. Kein Weib, das laut dazwischen redet und sich toll vorkommt, obwohl es die gleichen Probleme hat. Angekommen?
Eraxel, 29.03.2007
2.
Kostenloses Karriere-Coaching? Wunderbare Idee. Ich habe das Gefühl, die wenigsten Menschen studieren oder lernen wirklich, was sie eigentlich möchten. Aber wieso nur für Frauen? Das halte ich in etwa so sinnvoll wie reine Mädchen-Unis. Wenn heutzutage der Umgang zwischen den Geschlechtern tatsächlich noch so ein umfassendes Problem darstellt, daß es derart über den Karriereverlauf entscheidet, wie uns die Statistik glauben machen will, dann bekämpft frau es sicher nicht, indem sie vor den Männern wegläuft. Wenn jemand im Seminar tatsächlich "laut dazwischenredet und sich toll vorkommt", wird die Person (es gibt durchaus auch Frauen, die sich gern so verhalten) eben auf das Fehlverhalten nachdrücklich aufmerksam gemacht und lernt im Idealfall noch was dabei. Falls nicht, erfolgt nach Verwarnung Rauswurf aus dem Seminar.
DanielaMund, 29.03.2007
3.
Wie soll ich denn das gleiche sagen wie meine Vorredner, ohne es einfach zu wiederholen? Ihr habt ja so recht! Kostenloses Coaching - ja! Geschlechtertrennung - nein! Typisch auch, dass keine Naturwissenschaftlerinnen zu einem geschlechtergetrennten Coaching kommen - wenn die es nicht bis zum Vordiplom geschafft haben mit männlicher Konkurrenz umzugehen, dann werden sie für den Rest des Berufslebens immer Probleme haben. Also: Coaching von Frauen durch Mitarbeiten in einer reinen Männerumgebung!
Sgt_Pepper, 29.03.2007
4. Frauen an die Macht...
Ich (ein Mann) habe ein paar Jahre eine Chefin gehabt und - was soll ich sagen? Es war toll. Sehr entspannt ,sehr kollegial und sehr sachbezogen. Im direkten Vergleich zu männlichen Vorgesetzten eine Lichtgestalt. Nun will ich nicht pauschalisieren aber meine Erfahrung zeigt, dass Männer, je höher sie steigen, immer agressiver und bornierter werden. Das Frauen heute gecoacht werden (müssen), ist ein notwendiges Übel aber endlich ein Schritt in die richtige Richtung. Es gibt mittlerweile ein paar Unternehmen, die erkannt haben, welches Potenzial ihnen entgeht, wenn Frauen immer noch ausgegrenzt werden. Allerdings bin ich auch dafür, dass Männer mit Führungsaufgaben trainiert werden sollten. Da gibt es eine Menge Verbesserungspotenzial. So, Ihr Frauen. Raus in die Führungsetagen. Zeigt, wie es besser geht...
barmec 29.03.2007
5. Männer coachen!
Coaching für alle: Für Frauen, damit sie sich von den Männern nicht länger irritieren lassen und ihre eigenen Netzwerke bilden. Für Männer, damit es Ihnen egal ist, wer hierarchiemäßig vor, über oder unter Ihnen steht. Aber das wäre dann wohl Zwangscoaching.
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