Karriere im Ausland Haben Sie das Zeug zum Botschafter?

Die ganze Welt ist ihr Arbeitsplatz: Wer Konsul oder Botschafter werden will, muss durch knüppelharte Auswahlprüfungen - nur mit Schwatztalent und akademischer Halbbildung kommt man nicht weit. Auf SPIEGEL ONLINE können Sie testen, ob Sie als Diplomat in Frage kommen.

Von Jochen Blind


Für Catrin Czyganowski, 29, war schon früh im Studium klar, was sie später beruflich machen möchte: Diplomatin im Dienste der Bundesrepublik Deutschland. Sie absolvierte ein integriertes deutsch-französisches Doppelstudium in Passau und Straßburg. "Ich habe mich vor allem für Südosteuropa interessiert", erzählt Czyganowski. Nach dem Studium bewarb sie sich für die Ausbildung zum Höheren Diplomatischen Dienst - und im zweiten Anlauf hat es dann endlich geklappt. Als eine von 44 neuen Attachés hat sie Anfang Mai ihre Ausbildung in der Akademie Auswärtiger Dienst begonnen.

Die Akademie liegt in Berlin-Tegel, auf der Halbinsel Reiherwerder. "Das ist der schönste Campus in Berlin", schwärmte Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei der Einweihung vor zwei Jahren. Auf dem Akademie-Areal befindet sich auch die Villa Borsig, das Gästehaus des Außenministers, sowie der Fachbereich Auswärtige Angelegenheiten der Fachhochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung. Die modernen Seminar- und Wohngebäude tragen die Namen aller Kontinente.

Fußball? Ein klassisches Thema für Diplomaten

Die Erwartungen an die Bewerber sind hoch: Man muss einen Studienabschluss haben, sollte mehrere Sprachen sprechen, über Auslandserfahrung verfügen - und darf nicht älter als 32 Jahre sein. "Wir wollen Persönlichkeiten, die sich in der Welt gut bewegen können", sagt Stefan Biedermann, Ausbildungsleiter Höherer Dienst bei der Akademie.

Viel wichtiger als das Studienfach sind Charaktereigenschaften wie Flexibilität, Kommunikationsfreude, Teamfähigkeit. "Das ist bei uns nicht nur ein Schlagwort, sondern essentiell", betont Biedermann, 47. Fehlende soziale und interkulturelle Kompetenz seien echte Ausschlusskriterien. Und dabei gilt: "Es gibt keine Quoten, für niemanden."

Wie man sich für das Auswahlverfahren wappnet, hängt von der Persönlichkeit ab. "Es gibt Leute, die es ohne Vorbereitung schaffen", sagt Biedermann. Die meisten gingen aber strategisch vor - so wie Stephan Lanzinger, 29, der sich ganz gezielt auf die Bewerbung vorbereitete. Er studierte an der FU Berlin Islamwissenschaft, Politikwissenschaft und Philosophie, längere Auslandaufenthalte hatte er in Israel, Palästina und Syrien.

"Ich habe schnell große Lücken im juristischen Bereich bemerkt" - die habe er mit Hilfe einschlägiger Literatur geschlossen, so Lanzinger. Eines sei ihm aber wichtig gewesen: "Ich wollte nicht monatelang Hauptstädte und Jahreszahlen pauken, sondern habe Bücher durchgearbeitet, die ich auch so gelesen hätte."

"Man muss auch mal einen Reifen wechseln können"

Ausbildungsleiter Stefan Biedermann rät bei der Vorbereitung vor allem: "Zeitung lesen - gründlich und leidenschaftlich." Und nicht nur den Politik- und Wirtschaftsteil: "Wir erwarten von unseren Neuen, dass sie sich für alles interessieren." Fußball sei zum Beispiel ein klassisches Thema für Diplomaten, denn "damit hat man sofort überall Zugang." Ebenso hilfreich sei technisches Wissen: "In der Dritten Welt muss man auch mal einen Reifen wechseln können", so Biedermann. Was zum Beispiel ein Sperrdifferential ist, sei immer gut zu wissen.

Das Auswahlverfahren hat jedes Jahr die gleichen festen Regeln: Zunächst muss man sich vom 1. bis 31. Mai online für den Einstellungstermin des folgenden Jahres bewerben. 2007 wurden 1200 der 1600 Bewerber zu Tests nach Hamburg, München, Bonn und Berlin eingeladen. Dort schreibt man ein Essay zu einem aktuellen politischen Thema und absolviert vier Multiple-Choice-Tests aus den Bereichen Geschichte/Politik, Recht, Volkswirtschaftslehre und Allgemeinwissen. Hinzu kommen ein psychologischer Test und zwei Sprachtests - Englisch und eine andere UN-Sprache.

Aus allen Aufgaben der schriftlichen Prüfung ermitteln die Prüfer ein Bewerber-Ranking. Die besten zehn Prozent kommen weiter ins mündliche Auswahlverfahren: Interview mit dem Auswahlausschuss, mündlicher Kurzvortrag, Gespräch mit einem Psychologen, zwei spielerische Verhandlungssituationen. Darauf könne man sich nicht mehr groß vorbereiten, sagt Ausbildungsleiter Biedermann: "Sie sind, wie Sie sind. Entweder Sie passen zu unserem Profil - oder nicht. Ändern können Sie daran nichts."

Das Nomadenleben ist nichts für jeden

Catrin Czyganowski hat nur gute Erinnerungen an die Gespräche: "Es war überraschend angenehm." Und auch Stephan Lanzinger hebt das positive Klima hervor. Zum schriftlichen Test kann man so oft antreten, wie man will. Wer nach dem mündlichen Auswahlverfahren aber nicht genommen wurde, darf sich nicht noch einmal bewerben. "Wir sind uns sicher, dass unser Assessment-Center die Persönlichkeit gut erfasst", so Biedermann.

Die neuen Attachés werden zunächst vereidigt und erhalten danach ein Jahr lang eine intensive Ausbildung mit Kursen in Politik, Völkerrecht, Volkswirtschaftslehre, Rechts- und Konsularwesen. Daneben gibt es Module zu Rhetorik, Entwicklungspolitik, Personalführung, Krisenumgang oder Verhandlungsführung. Auch das Vertiefen und Erlernen von Sprachen ist ganz wichtig: "In Englisch und Französisch bringen wir alle auf ein Niveau, dass man eine Ministerrede in beide Richtungen übersetzen kann", so Stefan Biedermann.

"Es ist nicht nur eine Berufsentscheidung, sondern eine Lebensentscheidung", beschreibt er die Arbeit in den 228 deutschen Auslandsvertretungen. Als Diplomat wechsle man in der Regel alle drei Jahre den Ort - und das sei mit Partner, Familie und Freunden nicht einfach. Darum rät das Auswärtige Amt allen Bewerbern auch dringend, sich selbst zu prüfen, ob sie wirklich in die diplomatische Welt passen. Ein Katalog mit 37 Fragen zur Selbsteinschätzung soll dabei helfen (siehe zweiter Teil) und lässt durchblicken, welche Probleme im Berufsalltag auftauchen können.

Catrin Czyganowski ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. Ihr Mann arbeitet als Unternehmensberater mit internationaler Ausbildung und hat sie in ihrem Vorhaben bestärkt. "Unser Sohn wird sicher viele Vorteile davon haben", sagt Czyganowski. Bei Stephan Lanzinger hingegen war es nicht so einfach. Zwar unterstützten seine Eltern ihn von Anfang an bei seinen Berufsplänen. Aber bei seiner Freundin, einer Psychologin, musste er erst einmal Überzeugungsarbeit leisten: "Ihr Beruf ist sprachbasiert, das macht es im Ausland deutlich schwieriger."

Steckt in Ihnen ein Diplomat? Testen Sie's - hier

Der Fragenkatalog des Auswärtigen Amts zu Ihrer Selbsteinschätzung:



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