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18. Dezember 2008, 06:16 Uhr

Karrierefalle Auslandseinsatz

Harte Landung mit Kulturschock

Von Petra Blum

Vor dem Abflug hieß es: Ein Auslandseinsatz ist gut für Ihren Lebenslauf! Doch nachher mitunter: Sie haben uns gerade noch gefehlt! Die Rückkehr in die Heimat ist für Expatriates oft alles andere als triumphal - Status weg, Job langweilig, null Interesse des Arbeitgebers an den neuen Erfahrungen.

"Eigentlich wollte ich nicht nach Russland", sagt Verena Stehle* heute. Aber ihr Arbeitgeber, ein großes deutsches Unternehmen mit mehr als fünf Milliarden Euro Jahresumsatz, schickte sie nach Moskau - zuerst für ein paar Wochen.

Rückkehr aus dem Ausland: Persönlicher Tutor könnte helfen
Daniel Matzenbacher

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Aus der schnellen Rückkehr in die Heimat wurde nichts. Zweieinhalb Jahre blieb die 30-Jährige in der russischen Metropole, übernahm die Leitung der Personalabteilung und baute das Filialnetz auf. "Wir haben die Zahl der Mitarbeiter insgesamt von 400 auf 2000 erhöht", sagt sie, nicht ohne Stolz.

Die Enttäuschung, als sie zurück nach Deutschland kam, hätte kaum größer sein können: Führungsaufgabe? Fehlanzeige! Statt Anerkennung für ihre Leistung bekam Verena Stehle wieder die gleiche Position, die sie auch schon vor ihrem Russland-Einsatz hatte - eine Stelle als Referentin.

So wie Verena Stehle geht es vielen Heimkehrern, die im Ausland Führungsverantwortung hatten. Rund ein Drittel von ihnen wechselt den Job bereits innerhalb eines Jahres nach der Rückkehr. Das ergab eine Befragung der Beratungsgesellschaft Deloitte unter 200 Unternehmen. Experten schätzen, dass innerhalb zwei Jahren sogar mehr als 60 Prozent der Expats den Arbeitgeber wechseln.

Immer mehr Firmen erkennen zwar das Problem, doch nur wenige haben es bisher angepackt. So gibt mehr als die Hälfte der von Deloitte befragten Firmen an, ihren Umgang mit den Mitarbeitern im Ausland überprüfen zu wollen, gut ein Drittel hält das eigene Management selbst nicht für effizient. Nur magere vier Prozent glauben, dass ihr Verfahren mit Auslandseinsätzen den Anforderungen der nächsten Jahre gewachsen ist.

Drei Viertel sind mit dem Heimat-Job nicht zufrieden

Dabei sind die Gründe für den Jobwechsel der Heimkehrer fast immer identisch: 77 Prozent geben zu Protokoll, mit dem Job, den sie nach der Rückkehr in ihrem Unternehmen bekommen haben, unzufrieden zu sein. 29 Prozent kommen mit dem Statusverlust nach der Rückkehr nicht zurecht. Mehr als die Hälfte beklagt, dass sie das im Ausland erworbene Wissen auf der neuen Position gar nicht einbringen können.

Patrick Schild, Partner bei der Personalberatung Ray & Berndtson, war selbst viele Jahre Expatriate und weiß um die Problematik: "Oft wird einem der Auslandsaufenthalt so verkauft: Das ist gut für Ihren Lebenslauf, gehen Sie mal ins Ausland. Wenn man dann nach der Rückkehr merkt, dass man das Wissen, das man dort erworben hat, zu Hause gar nicht braucht, fragt man sich schon, warum haben die mich ins Ausland geschickt? Dann gilt es, aufkommenden Frust zu managen."

Über eben diesen Frust zu berichten, trauen sich dagegen nur wenige Expats. Keiner will seinen Namen in der Zeitung lesen - zu groß ist die Angst, der eigenen Karriere zu schaden.

Auch Verena Stehle ist nach ihrer Rückkehr tief enttäuscht. "Die Erfahrungen, die ich in Russland als Abteilungsleiterin gesammelt habe, interessieren hier keinen. Ich werde nicht ernst genommen", sagt sie. Zur Frustration mit der Anschlussposition mischen sich weitere Probleme im Arbeitsalltag. Viele Abläufe haben sich in der Zwischenzeit verändert. "Ich habe Stunden gebraucht, nur um den richtigen Ansprechpartner für bestimmte Dinge zu finden. Das Arbeiten in Deutschland kam mir sehr umständlich vor."

Headhunter warten, bis ein Rückkehrer mürbe wird

Wie bei der anfänglichen Trennung von zu Hause müssen sich Expatriates auch wieder an die heimische Kultur gewöhnen, was nicht immer leicht fällt. "Durch den Aufenthalt im Ausland bekommt man Abstand zum Heimatland, und nach der Rückkehr kommt vielen Repatriates die Heimatkultur fremd vor - sie erleben einen umgekehrten Kulturschock", sagt Ruth Stock-Homburg, Professorin für Personalmanagement an der Universität Darmstadt.

Die Probleme im Job werden so zusätzlich verschärft. Wer nicht wechselt, geht oft in die innere Kündigung. Inzwischen haben sich schon einige Headhunter auf das Problem spezialisiert. "Die warten einfach, bis ein Rückkehrer so mürbe ist, dass er weitervermittelt werden kann", sagt Fritz Audebert, Vorstand von Icunet, einer Firma, die die Unternehmen bei ihren Auslandsentsendungen unterstützt.

"Die Rückkehr nach Deutschland war ein tiefer Fall", berichtet ein ehemaliger Manager eines deutschen Chemiekonzerns. Acht Jahre hatte er in Malaysia ein Joint Venture seines Arbeitgebers geleitet und sich, wie viele Entsandte an exotischen Orten, an einen hohen Lebensstandard gewöhnt. "In Malaysia hatte ich Hausangestellte, einen Chauffeur, und eine Sekretärin, die mir vor einem Termin die Schuhe putzte", sagt der Manager, der inzwischen im Ruhestand ist.

*: Name von der Redaktion geändert

Reintegrationsbeauftragte: Nicht ohne meinen Tutor


Darauf, dass in der Heimat kein Dienstwagen wartet und die Wohnung in der Regel kleiner ist, sind viele Expats schlecht vorbereitet. Bis sich der 58-Jährige wieder in Deutschland zurechtfand, dauerte es mehr als ein Jahr. Kollegen, die noch in Asien arbeiten, würden sich mit Händen und Füßen gegen einen Job in Deutschland wehren, sagt er. "Die wollen bis zum Rentenalter dort bleiben."

Doch immer mehr Unternehmen erkennen, dass sie es sich nicht leisten können, ihre auslandserfahrenen Mitarbeiter auf Parkpositionen zu schieben oder gleich an die Konkurrenz zu verlieren. Vor allem Firmen, die auf dem Arbeitsmarkt um Fachkräfte wie Ingenieure oder IT-Spezialisten konkurrieren, versuchen ihre Expats auch nach der Rückkehr an sich zu binden.

Udo Bohdal, Personalexperte bei Deloitte und Leiter der aktuellen Studie, beobachtet seit drei Jahren einen Umbruch im Expat-Management. Auch Personalberater Schild bestätigt: "Inzwischen werden die Auslandsentsendungen systematisch in den Personalabteilungen gemanagt."

"Man sitzt ein wenig zwischen den Stühlen"

So hat beispielsweise der Industriekonzern Bosch, der 2007 mehr als 2000 seiner Mitarbeiter im Ausland beschäftigte, ein Mentorenprogramm für Expats eingerichtet, um sie bei der Rückkehr zu unterstützen. "Es ist programmiert, dass man während seines Auslandseinsatzes ein wenig zwischen den Stühlen sitzt", sagt Karin Strube.

Viereinhalb Jahre war sie für Bosch in Japan, um Steuergeräte für Autos zu entwickeln. Durch ihren Mentor Volkmar Denner blieb sie allerdings auch während ihrer Zeit in Japan in ständigem Kontakt mit dem Hauptsitz in Stuttgart - eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Reintegration. Denner, der für die Sparte Automobilelektronik verantwortlich war, hatte zudem einen guten Überblick über die Personalplanung im Unternehmen und half, als es darum ging, eine geeignete Anschlussposition für Strube zu finden.

Mit ihrer Position in Deutschland ist die 42-Jährige zufrieden, auch weil sie ihr Wissen über Japan weitergeben kann. Als Länderreferentin hilft sie zukünftigen Expats bei der Vorbereitung auf ihren Auslandseinsatz. Für die Physikerin steht die kulturelle Erfahrung im Vordergrund, wenn sie auf ihre Zeit in Japan zurückblickt. "Sobald man eine andere Kultur durchlebt hat, wird man gelassener. Und mein Wissen kommt dem Unternehmen zugute."

Bei den von Deloitte befragten Firmen ist der Bedarf an Mitarbeitern, die wie Karin Strube für längere Zeit ins Ausland gehen, um 87 Prozent gestiegen. "Die Unternehmen müssen sich verstärkt umschauen, wo sie gute Leute für Auslandsentsendungen rekrutieren können", sagt Udo Bohdal. Bereits bei einem Drittel fehlen qualifizierte Mitarbeiter für einen Auslandseinsatz.

Ein Tutor für jeden Expat

"Es ist schlecht, wenn Unternehmen Mitarbeiter nur deshalb ins Ausland schicken, weil sie dort ein Loch stopfen müssen", sagt Simone Siebeke, die weltweit zuständige Bereichsleiterin für Kosmetik bei Henkel. "Ich habe vor zwei Jahren unsere Expats an einen Tisch geholt und gezielt gefragt, was ihre Anliegen sind. Dann haben wir ein System etabliert, das sich inzwischen sehr bewährt hat."

Bei Henkel hat jeder Expat einen Tutor, der ihm vor, während und nach dem Auslandsaufenthalt zur Seite steht. Um mit den Mitarbeitern im Ausland im Kontakt zu bleiben, reist Siebeke selbst regelmäßig in die jeweiligen Länder und spricht mit den entsandten Mitarbeitern vor Ort.

Die Rückkehr nach Deutschland wird mindestens ein halbes Jahr im Voraus vorbereitet. Die Betreuung zahlt sich nach Angaben des Unternehmens aus: Die große Mehrheit der Expatriates sei auch nach der Rückkehr zufrieden und bleibe Henkel erhalten, sagt Siebeke.

Wieder daheim - fühlte sich Verena Stehle weder willkommen noch stieß sie auf offene Ohren: "Das Thema Expatriates wurde zwar auch in unserem Unternehmen schon lange diskutiert. Aber wenn dann Leute nach dem Auslandsaufenthalt frustriert das Unternehmen verließen, wurde das immer als Einzelfall betrachtet."

Auch Stehle kündigte. Bei einem großen Unternehmen fand sie einen neuen Job, eine Führungsposition. Und diesmal, so sagt sie, wird ihre Auslandserfahrung geschätzt.

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