Karrieren "Ich liebe Zahlen"

Indische Management-Studenten gehören zur Nachwuchs-Elite der Konzerne. Einmal im Jahr reisen Headhunter aus aller Welt nach Bangalore ­ und kämpfen um jedes Talent.


DER SPIEGEL
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itzt sie etwa schief? Ist sie vielleicht doch zu kurz gebunden? Und wie sieht überhaupt der Knoten aus?

Amitabh Mall schaut in den Spiegel, mustert sich und seine Krawatte. Heute muss alles perfekt sein, auf diesen Tag hat der junge Inder lange gewartet ­ eigentlich sein ganzes Leben.

In den kommenden sechs Stunden wird sich entscheiden, was aus ihm wird. Ob er demnächst Unternehmensberater ist oder Investmentbanker. Ob sein Arbeitgeber McKinsey heißt oder vielleicht Boston Consulting. Ob er nach New York umzieht oder nach London. Oder ob er am Ende doch nur für eine indische Behörde arbeiten muss. "Heute gilt's", sagt Amitabh, "was morgen ist, hat keine Bedeutung."

So sehen es alle Studenten, die an diesem Morgen auf dem Campus des Indian Institute of Management in Bangalore unruhig auf und ab gehen. Manche brabbeln leise vor sich hin, simulieren Antworten auf Fragen, die ihnen gleich gestellt werden könnten. Andere stehen Schlange an der Toilettentür, die Aufregung drückt, und keiner will später auch nur eine Minute vergeuden.

Schließlich ist die Creme der globalen Wirtschaft zum so genannten Final Placement eingeflogen, Headhunter aus Singapur, London oder München wollen hier die Manager-Elite von morgen anwerben.

Die Späher haben Quartier im Gästehaus der Business School bezogen, jedes der 60 Zimmer ist karg möbliert mit Bett, Tisch und zwei Sesseln. Dort, wo sonst die Wissenschaftler anderer Unis nächtigen, werden die Vertreter der Konzerne die Studenten befragen, sie "grillen", wie es hier heißt, jeden eine halbe Stunde lang. Es soll heiß werden heute, bis zu 34 Grad im Schatten.

Bislang war Bangalore nur bekannt als das Silicon Valley Indiens. Hightech-Firmen wie Cisco oder Oracle haben hier Forschungslabore aufgebaut, die Software-Entwickler, die in der Region ausgebildet werden, genießen auch in Kalifornien einen exzellenten Ruf.

Inzwischen aber bringt die Technopolis noch ganz andere Fachkräfte hervor. Die MBA-Absolventen ("Master of Business Administration") des Indian Institute, so versichern die Headhunter, seien durchaus vergleichbar mit denen von Harvard oder Stanford ­ nur ein paar Jahre jünger und, Gott sei Dank, noch nicht so arrogant.

Einmal im Jahr kommen die renommiertesten Konzerne der Welt nach Bangalore, um die begehrten Management-Talente für sich zu begeistern. Was sich dann auf dem Campus abspielt, gleicht einem Heiratsmarkt der globalen Wirtschaftselite. Beide Seiten werben mit ihrer wertvollsten Mitgift: die Studenten mit ihrer außerordentlichen Intelligenz und exzellenten Bildung, die Konzerne mit Anfangsgehältern von bis zu 100 000 Dollar und der Chance auf ein Leben mit Frequent-Traveller-Card, Penthouse-Wohnung und Sportcabrio. Hier werden nicht Jobs vergeben, hier werden Karrieren gemacht.

Bhavna Bindra, 22, zum Beispiel hat ziemlich klare Vorstellungen von dem, was da kommen soll in ihrem Leben. "Ich will zu einem internationalen Unternehmen", sagt sie selbstbewusst, am liebsten zu einer Beratungsfirma. "Dort lerne ich die ganze Breite der Wirtschaft kennen", glaubt sie, wie von einem Flughafen-Drehkreuz kann sie dann überallhin durchstarten.

Zweimal hat sie schon mit den Leuten von Boston Consulting gesprochen. "Es ist nicht schlecht gelaufen", sagt sie kurz, greift nach einem Becher Wasser, den ihr ein studentischer Helfer reicht ­ dann muss sie schnell weiter. McKinsey wartet schon.

Mehr als 50 Helfer sind im Einsatz, es sind Studenten im ersten Ausbildungsjahr, die den Absolventen am wohl aufregendsten Tag ihres Lebens als Dienstmädchen und Schülerlotsen zur Hand gehen. Über Walkie-Talkie stehen sie miteinander in Kontakt, schlagen Alarm, wenn ein Student orientierungslos umherläuft, und lotsen ihn zum nächsten Termin. Und ist einmal ein Gespräch wirklich mies gelaufen, schlüpfen sie in die Rolle des Psychologen, reden ihm gut zu, versuchen, ihn wieder aufzubauen: "Aaram see lay" (Hindi) ­ nimm's leicht.

Der Ausleseprozess, dem sich Werber und Umworbene unterziehen, ist so effizient wie gnadenlos. Vor Wochen schon wurden die Studenten befragt, für welche Firma sie gern arbeiten möchten. Wer oben auf der Beliebtheitsliste steht, darf am ersten Tag rekrutieren, diese Unternehmen haben noch die volle Auswahl unter den 186 Studenten. Vorab werten sie die Lebensläufe aus und bitten dann die interessantesten Kandidaten zum Gespräch.

Die Favoriten der Studenten, in diesem Jahr die Beratungsfirmen McKinsey und Boston Consulting, dürfen um sieben Uhr mit den Interviews beginnen, die anderen Unternehmen, darunter J.P. Morgan und die Deutsche Bank, starten erst um neun Uhr. Sechs Stunden haben die Headhunter Zeit, dann müssen sie sich entscheiden, wem sie ein Angebot unterbreiten wollen.

Wer eine Offerte annimmt, ist aus dem Rennen. Wer übrig bleibt, beeilt sich, weitere Interviews zu arrangieren. Wer dann noch immer keinen Arbeitgeber gefunden hat, muss es am nächsten Tag versuchen, wenn die zweitbeliebtesten Konzerne in die Personaljagd einsteigen dürfen, immerhin so klangvolle Namen wie Unilever, Nestlé oder die New Yorker Citibank.

Über fünf Tage zieht sich der Auswahlprozess, zuletzt sind jene Arbeitgeber dran, die von den Studenten am wenigsten geschätzt werden, die indischen Behörden ­ sofern dann überhaupt noch Kandidaten frei sind. "Im vergangenen Jahr war nach vier Tagen Schluss", erzählt Rishikesha Krishnan, Professor in Bangalore. Dass ein Absolvent ohne Job nach Hause geht, ist seit Jahren nicht mehr vorgekommen.

Denn wer es bis hierher geschafft hat, gehört zu einer neuen Kaste in der indischen Gesellschaft. Ihr abgrenzendes Merkmal ist nicht mehr die Herkunft, sondern das Wissen.

Mehr als 50 000 Studenten bewerben sich nach dem Examen an den sechs Eliteschulen. In zwei Stunden müssen sie 180 Fragen beantworten, Taschenrechner sind verboten. Etwa 900 Studenten bestehen die Prüfung, ein Sechstel von ihnen geht nach Bangalore, der Top-Schule im Land, wie das Wirtschaftsblatt "Business Today" ermittelt hat.

"Wir können es uns eigentlich nicht leisten, auf den indischen Talentepool zu verzichten"

Ein Studium de luxe wartet hier auf die jungen Inder: Fünf Studenten teilen sich einen Professor, Bibliothek und Computerräume sind rund um die Uhr geöffnet, 365 Tage im Jahr, selten verlassen die Studenten den Campus, der straffe Ausbildungsplan lässt ihnen höchstens am Wochenende mal Zeit, auf ein Bier in die Stadt zu fahren. "Zwei Jahre habe ich jede Nacht nur fünf Stunden geschlafen", erzählt Nimesh Gupta, 24. "Ansonsten gab es nur eins: pauken, pauken, pauken."

Drei Stunden sind inzwischen vergangen, die Boston-Consulting-Berater ziehen sich zurück in ihren "War Room", wie sie das Besprechungszimmer nennen. Dort stellen sie eine Liste von jenen Kandidaten auf, die in der engeren Auswahl sind und erneut vernommen werden sollen.

Zum Beispiel Pranab Pattanaik, der vor dem MBA schon Chemie studiert hatte und dann seine wahre Stärke entdeckte: "Ich liebe Zahlen", schwärmt er. Oder die 22-jährige Malti Prabhu, die in der Rubrik Hobbys "Gedichte" angegeben hat. Als sie danach befragt wurde, ist sie einfach aufgestanden, erzählt ein Headhunter, und hat Shakespeare rezitiert, fröhlich und fehlerfrei.

Solche Leute sind im Beraterjargon "DH" ("definite hire"). Auch Amitabh Mall gehört zu den Auserwählten, er hat sogar den Zusatz "C" bekommen: Er ist für die Headhunter ein "Champion". Martin Koehler, Senior Vice President von Boston Consulting in München, hat sich für ihn stark gemacht, es war eine Station im Lebenslauf des Inders, die den Berater schwer beeindruckte: Amitabh war drei Monate lang auf der Handelshochschule in Leipzig.

Koehler ist eigens aus München angereist, um indische MBA-Absolventen für Europa zu rekrutieren. "Ganz hervorragende Leute sind das", lobt er, "die denken unglaublich strukturiert." Brillante Köpfe seien nun mal das Kapital einer Beratungsfirma, "und wenn die Firma global tätig ist, dann müssen auch die Köpfe aus aller Welt kommen".

Davon muss er allerdings regelmäßig die deutsche Bürokratie überzeugen. Im vorigen Jahr hat Koehler drei indische Absolventen nach München geholt und dann erfahren müssen, wie viele Behördengänge und Formulare für eine Arbeitserlaubnis nötig sind. "Am Ende hängt es oft am guten Willen eines Sachbearbeiters", klagt Koehler.

Auch die vom rot-grünen Kabinett beschlossene Green Card macht die Sache für ihn nicht leichter. Sie gilt für Computerspezialisten, nicht aber für Management-Studenten ­ mögen sie noch so begehrt sein. Diese ziemlich willkürliche Unterscheidung des Staates ärgert den Berater: "Wir können es uns in Deutschland eigentlich nicht leisten, auf den indischen Talentepool zu verzichten."

Koehler steht ungeduldig vor seinem Zimmer im Gästehaus, der nächste Student lässt auf sich warten. Vor einer Stunde sei der Mann bei McKinsey verschwunden, sagt einer der indischen Helfer. Auch Emilie Everett von der Deutschen Bank in Singapur ist auf der Suche nach ihrem nächsten Kandidaten: "Wenn man hier dabei ist, braucht man keine Diät", keucht sie und läuft durchs Treppenhaus.

Der Kampf um die Talente geht in die letzte Runde, gegen 13 Uhr, die Sonne hat gerade ihren Zenit überschritten, ist die Zeit des Pokerns gekommen. Manche Firmen versuchen, ihre Favoriten bei sich zu halten, sie in Gespräche zu verwickeln, damit sie nur ja nicht weiterziehen.

Amitabh Mall führt sein abschließendes Gespräch mit Boston Consulting. Ja, er könne sich gut vorstellen, in München zu arbeiten, sagt er, aber für die erste Zeit wolle er in Indien bleiben. Die Berater sind einverstanden, der Student sagt zu: "Es war so ein Bauchgefühl", sagt er später.

Amitabh ist der Erste, der in diesem Jahr einen Job annimmt. "Ich bin raus", ruft er den Kommilitonen zu und strahlt sie an. Anerkennend klopfen sie ihm auf die Schulter.

Nach und nach brechen überall auf dem Campus die Studenten in Jubel aus, sie haben ihrem künftigen Arbeitgeber zugesagt. Saurabh Upadhyay, 23, zum Beispiel darf für Lehman Brothers nach Tokio übersiedeln: "Ich kann kein Wort Japanisch, aber das kriege ich auch noch hin", ruft er übermütig in die Runde.

Andere ringen noch mit sich. Sie stehen im Park vor dem Gästehaus und grübeln, wie sie sich entscheiden sollen.

Besonders schwer fällt es Malti Prabhu, der Shakespeare-Kennerin. Ihr Freund hat bereits bei Lehman Brothers zugesagt und wird nach New York ziehen, definitiv. Sie könnte ihm folgen, McKinsey würde sie gern dorthin schicken. Aber eigentlich favorisiert sie das Angebot von Boston Consulting, doch dann müsste sie nach Atlanta.

Nun stehen die beiden fernab des Getümmels in einer Ecke des Gästehauses. Sie sieht blass aus, beide diskutieren lautstark, der Freund fuchtelt erregt mit den Händen. Sie hat die Wahl ­ aber er lässt ihr keine.

ALEXANDER JUNG





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