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Karrieren "Zum Manager wird man geboren"

Nur Leistung, Leistung, Leistung zählt beim beruflichen Aufstieg, hämmern Unternehmen dem Managernachwuchs ein. Wirklich? Der Soziologe Michael Hartmann hält das für Ideologie, für Propaganda zur Privilegiensicherung einer kleinen Oberschicht: Über den Erfolg im Job entscheiden die soziale Herkunft und das Auftreten, sagt der Darmstädter Forscher im Interview.

Sie wollen, so ist dem Titel Ihres Buches zu entnehmen, den "Mythos von den Leistungseliten" entzaubert haben. Wie ist Ihnen das gelungen?

Michael Hartmann:

Wir haben gut 6500 Lebensläufe von promovierten Juristen, Ingenieuren und Wirtschaftswissenschaftlern untersucht - also den Werdegang jener Akademiker, die in der Wirtschaft und anderen gesellschaftlich wichtigen Bereichen die meisten Führungspositionen besetzen.

Und was haben Sie herausgefunden?

Hartmann: Dass bei gleichem Bildungsabschluss, in diesem Fall der Promotion, die soziale Herkunft entscheidend dafür ist, wer einen Job in den Chefetagen der Wirtschaft bekommt. Überspitzt gesagt: Zum Manager wird man geboren. In den 400 größten deutschen Unternehmen ist die Chance auf eine Führungsposition für den promovierten Nachwuchs aus dem gehobenem Bürgertum doppelt, für den Nachwuchs aus dem Großbürgertum sogar dreimal so groß wie für Promovierte aus der Mittelschicht und der Arbeiterklasse. Größeres Durchhaltevermögen oder individueller Leistungswille spielen kaum eine Rolle.

Aber ist nicht die Herkunft heute zumindest weniger wichtig als früher?

Hartmann: Im Gegenteil. Wir haben die Promotionsjahrgänge 1955, 1965, 1975 und 1985 verglichen. Ein Promovierter aus den mittleren und unteren sozialen Schichten hatte die größten Chancen auf eine Führungsposition, wenn er dem Jahrgang 1965 angehörte; beim folgenden Jahrgang stieg der Vorsprung der Großbürgerkinder dagegen schon auf das fünffache. Die Bildungsexpansion hat zwar zu einer sozialen Öffnung der Hochschulen geführt, aber keinerlei Auswirkungen auf die Besetzung von Führungspositionen. Heute, in einer Krisenzeit, haben es Menschen aus dem "falschen" Elternhaus zunehmend schwerer.

Wer die richtigen Beziehungen hat, macht auf jeden Fall seinen Weg nach ganz oben?

Hartmann: Nicht unbedingt. Dass Topmanager "Nieten in Nadelstreifen" sind, halte ich für Unfug - ohne Leistung geht es nicht. Beziehungen in solchen Kreisen werden häufig überschätzt, die Guten haben Vitamin B gar nicht nötig. Aus meinen Interviews mit Personalberatern und Managern wird allerdings deutlich, dass von einer bestimmten Hierarchiestufe aufwärts vor allem eines entscheidet: der Habitus. Das Signal "Ich gehöre dazu".

Aber das lässt sich doch antrainieren.

Warum Hartmann nicht an echte Chancengleichheit glaubt und die Forderung nach Elitenbildung ablehnt

Hartmann: Im Kern nicht. Benehmen im Restaurant und was man zu welchem Anlass anziehen sollte, ist zu erlernen, selbst der bürgerliche Bildungskanon. Dafür braucht ein Manager aus dem Kleinbürgertum jedoch viel Zeit, und wenn er es geschafft hat, dann sitzt das so fest wie eine eingepaukte Vokabel. Aber die Souveränität und den spielerischen Umgang mit den erlernten Codes kann er nicht lernen; gerade das ist jedoch entscheidend. Wenn jemand aus dem Großbürgertum, der mit klassischer Musik groß geworden worden ist, sagt, er finde Opern "zum Kotzen", wird ihm das als Individualität angerechnet. Immerhin weiß er, wovon er spricht. Erst das souveräne Abweichen vom Kanon signalisiert: Ich gehöre wirklich dazu. Jemand aus der Mittelschicht würde sich mit derselben Äußerung dagegen als typisch kleinbürgerlich outen.


Hat es Sie denn tatsächlich überrascht, dass Manager vor allem Nachwuchs rekrutieren, der den "richtigen" Habitus hat, der ihnen also ähnlich ist?

Hartmann: Das ist eine durchaus rationale Entscheidung, die auf Risikominimierung zielt. Ein Topmanager hält sich für den richtigen Mann am richtigen Platz und sucht sich seinesgleichen, dem er vertrauen kann - "die Chemie muss stimmen", heißt das dann. Darum geht es mir aber nicht. Entscheidend ist, dass die offizielle gesellschaftliche Ideologie lautet: Jeder schafft es allein durch seine Leistung, und jeder hat die gleichen Chancen. Das stimmt offensichtlich nicht.

Lesen Sie im zweiten Teil:

Aber letztlich ahnt doch jeder, dass eine bestimmte soziale Herkunft Vorteile im Berufsleben mit sich bringt.

Hartmann: Einerseits haben alle dieses unterschwellige Gefühl, andererseits glauben sie dennoch, mit genug Anstrengung könnten sie es schaffen. Das wird ihnen auch allerorten suggeriert, etwa mit Überschriften in Wirtschaftsmagazinen wie "Wo nur die Leistung zählt". Wenn Manager gefragt werden, was sie so weit gebracht hat, sagen sie fast unisono: die eigene Leistung; Vermögen und Herkunft spielen angeblich keine Rolle. Diese Doppelbödigkeit wird in Einzelfällen deutlich; etwa wenn Friedrich von Bohlen, der junge Vorstandschef von Lion Bioscience, für eine Arbeitgeber-Anzeigenkampagne mit dem Slogan "Nur wer etwas wagt, schafft Arbeit" abgebildet wird. Da wirbt ausgerechnet jemand aus einer der ältesten Industriellenfamilien Deutschlands, der Lieblingsneffe von Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, mit dem Motto "Chancen für alle".

Sind der Wirtschaftselite diese Mechanismen denn nicht bewusst?

Hartmann: Doch, aber aus Legitimationsgründen gegenüber der Öffentlichkeit und den eigenen Beschäftigten möchte man nicht offen darüber reden. Ich habe einen Brief aus einem Großkonzern erhalten, in dem mir angeboten wurde, einen Beitrag für die Mitarbeiterzeitschrift zu schreiben. Man könne meine Thesen zwar gut nachvollziehen, hieß es, allerdings - so wörtlich - "können wir dieses Thema so nicht behandeln, da das im Klartext hieße, dass viele Mitarbeiter nur wenig Chancen auf Karriere hätten". Und weiter: "Aber sicherlich können Sie das Thema auch ein wenig anders akzentuieren. Über die Bedeutung des souveränen Auftretens würden wir gerne von Ihnen etwas lesen, ohne zu betonen, dass 80 Prozent der Topmanager aus den oberen drei Prozent der Bevölkerung stammen, denen dieses Verhalten in die Wiege gelegt wurde."

In den anderen von Ihnen untersuchten Bereichen spielt die Herkunft dagegen keine so wichtige Rolle, oder?

Hartmann: In der Wissenschaft ist der Kreis derer, die über Berufungen entscheiden, viel größer als in der Wirtschaft, und der Vorgang ist sehr formalisiert. Aber auch in der Professorenschaft kommt immer noch jeder Zweite aus dem bürgerlichen Milieu. In der Politik ist die Durchlässigkeit schon seit den 1950er Jahren vergleichsweise hoch. Das hat aber nichts mit der Bildungsexpansion zu tun. Denn anders als etwa in den bürgerlichen Honoratiorenparteien Frankreichs, die ihren Führungsnachwuchs ähnlich wie in der Wirtschaft rekrutieren, müssen Politiker in Volksparteien wie jenen in Deutschland die berüchtigte Ochsentour von unten machen. Zu einem anderen Aspekt: Viele Manager und Politiker fordern mehr Leistungsgerechtigkeit. Ist das in ihrem Sinne?

Hartmann: Leistungsgerechtigkeit statt Gleichmacherei heißt es immer - erstere gibt es aber gar nicht. Statt wirklicher Leistungsgerechtigkeit geht es den Propagandisten dieses Slogans um die Bewahrung und den Ausbau von Privilegien. Und diesem Ziel dient auch die Forderung nach Elitenbildung.

Was spricht eigentlich gegen eine wirkliche Leistungselite und entsprechende Hochschulen, die sich auch durch Gebühren finanzieren und im Gegenzug Stipendien vergeben?

Hartmann: Das funktioniert in der Regel nicht. An den amerikanischen Elitehochschulen studieren vorwiegend Bürgerkinder, trotz aller Stipendien. Das ist bei den Auswahlkomitees, in denen unter anderen viele Banker und Professoren sitzen, auch kein Wunder, denn die selektieren ebenfalls nach Habitus. Und es fließen trotz der Gebühren immer noch erhebliche staatliche Mittel in solche Hochschulen; darunter leiden dann die übrigen Bildungsinstitutionen. Bevor man in die Spitze investiert, sollte erst einmal die Breite gefördert werden. Wer das "richtige" Elternhaus hat, macht ohnehin meist seinen Weg; die Pisa-Studie hat ja gezeigt, dass für den Schulerfolg hierzulande nichts wichtiger ist als das Elternhaus.

Hätte demnach der britische Soziologe Anthony Giddens Recht, der behauptet, dass mehr Bildung die Ungleichheit fortsetzt oder sogar vertieft?

Hartmann: Das kann passieren, jedenfalls führt mehr Bildung nicht automatisch zu anderen Machtverhältnissen. Dennoch war die Ausweitung des Bildungswesens äußerst sinnvoll, denn Bildung ist auch ein Bürgerrecht, da sie enorm zur Persönlichkeitsentwicklung des Einzelnen beiträgt.

Hat Ihre soziale Herkunft Ihre Forschung beeinflusst? Sind Sie ein enttäuschter Kleinbürger?

Hartmann: Nein, ich kenne das bürgerliche Milieu recht gut. Ein Großvater war Verlagsleiter, eine Großmutter kam aus einer Bauunternehmerfamilie. Mein Vater war Finanzchef einer großen Behörde, sein Bruder Vorstandsmitglied bei einem großen Automobilzulieferer. Das hat mir bei der Forschung geholfen. Die Vertrautheit mit dem Habitus meiner Gesprächspartner hat die Gespräche sehr erleichtert.

Das Interview führte Claus Peter Simon, GEO WISSEN 


Buchtipp

Michael Hartmann: Der Mythos von den Leistungseliten. Spitzenkarrieren und soziale Herkunft in Wirtschaft, Politik, Justiz und Wissenschaft. Campus, Frankfurt a.M. 2002.

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