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Erzieherin in einer Kita "Sind die Eltern weg, wird halbherzig gearbeitet"

Manche Kolleginnen verpetzt sie sogar, weil sie so schlecht mit den Kleinkindern umgehen: Eine Erzieherin erzählt von Frust und hohem Druck in Kitas - der durch den Rechtsanspruch auf einen Platz noch steigt.
Ein Kind spielt in einer Kita

Ein Kind spielt in einer Kita

Foto: Rolf Vennenbernd/ picture alliance / dpa

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Eltern erleben die Kita ihrer Kinder meist nur beim Bringen oder Abholen. Sie sagen 'Hallo' und 'Tschüs' und fragen: Hat das Kind geschlafen, gegessen, gespielt? Von den acht Stunden dazwischen bekommen sie nicht viel mit. Die wissen nicht, wie der Tag für die Kinder wirklich war.

Seit zehn Jahren bin ich Erzieherin, und mir macht mein Job immer noch viel Spaß. Ich habe im Hort gearbeitet, in einem Kinderladen und zuletzt in einer großen Kita mit 200 Kindern. Dort war es allerdings so furchtbar, dass ich gekündigt habe und in eine kleinere Einrichtung gewechselt bin.

Keine Frage, es gibt sehr viele gute Erzieherinnen. Aber eben nicht nur. Ein Problem ist: Seitdem es den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz gibt, müssen überall Krippen aus dem Boden gestampft werden, um den Bedarf zu decken. Und da wird dann wirklich jeder eingestellt - leider auch schlechtes Personal. Man braucht ja nicht einmal eine Ausbildung zur Erzieherin, es reicht, sozialpädagogische Assistentin zu sein. Das dauert mittlerweile nur noch zwei Jahre. Viele rutschen derzeit darüber rein, häufig auf dem zweiten Bildungsweg, die sind Ende 30 und haben vorher noch nie mit Kindern gearbeitet.

Für mich ist es unvorstellbar, aber ja, es gibt Kolleginnen, die eine Show machen, wenn die Eltern dabei sind. Die sind in Abholsituationen offen und freundlich, aber hinter verschlossenen Türen arbeiten sie nur halbherzig. Denen ist es um Beispiel zu stressig, in die Garderobe zu gehen und 20 Kinder anzuziehen, damit sie an die frische Luft gehen können. Dann bleiben sie halt einfach drinnen. Oder sie gucken nicht, ob die Gruppe gerade viel Bewegung oder ähnliches braucht. Sie helfen nicht mit, wenn die Kollegen Unterstützung benötigen.

Und nicht nur das: Manchmal ist der Umgang mit den Kindern so schlimm, dass ich sie sogar maßregeln muss. Zum Beispiel war eine Kollegin einmal von einem Kind, das hingefallen war, total genervt und hat es grob am Arm hochgezogen. Ich habe ihr gesagt, dass das nicht geht. Entweder steht das Kind allein auf, oder du hilfst ihm. Ich habe das auch der Leitung gemeldet, weil ich finde, so etwas darf nicht passieren. Die Kollegin hat mich danach natürlich gemieden.

Generell sind viele Kolleginnen im Tagesablauf einfach nur frustriert. Durch den Dauerstress, den ständigen Personalmangel, die häufigen Urlaubsvertretungen. Die melden sich dann selbst oft krank, sitzen motivationslos in unseren Teambesprechungen und haben keine Lust, das Konzept weiterzuentwickeln oder die Qualität der Kita zu überprüfen. Dabei kann man so viel machen!

Das Problem ist natürlich, dass sich Eltern die Kita nicht immer aussuchen können, weil es zu wenige Plätze gibt. Einige finden es auch einfach praktisch, die Krippe zu nehmen, die eine Straße weiter ist. Insgesamt sind die Eltern fordernder geworden, auch durch den Rechtsanspruch. Die sagen: Sie müssen uns aber einen Platz geben, Sie sind der Dienstleister. Andere bitten und betteln. Ich kann das verstehen. Ich saß selbst auf einem Elterninformationsabend, als ich knapp im sechsten Monat schwanger war, weil wir diesen Platz unbedingt wollten und brauchten - für eineinhalb Jahre später.

Ich glaube aber nicht, dass es hilft, besonders forsch oder nett zu sein oder jede Woche einen Kuchen zu backen. Welches Kind einen Platz bekommt, entscheidet die jeweilige Kita-Leitung. Die schaut, welche Familie sich rechtzeitig gekümmert hat und welche Eltern den Platz am dringendsten benötigen - entweder, weil sie schnell wieder arbeiten müssen oder weil man das Gefühl hat, dem Kind geht es in der Familie nicht so gut und es bräuchte eine Betreuung und Förderung von außen.

Natürlich hängt es auch von den Stunden ab, denn danach werden die Kitas bezahlt. Acht- bis Zehn-Stunden-Kinder werden am liebsten genommen. Drei- bis Vier-Stunden-Kinder können sich hingegen nicht alle Kitas leisten. Sie würden dann ihre Personal- und Nahrungsmittelkosten nicht decken können.

Mir war bei der Kita-Wahl wichtig, dass meine Tochter sich dort gut aufgehoben fühlt und sie einen guten Tag haben kann. Ob Englisch angeboten wird oder ob es drei Sportarten pro Woche gibt, war mir egal. Ich finde es wichtig, dass gespielt wird, Alltägliches gelernt wird, wie sich die Schuhe anzuziehen, und dass die Erzieherinnen die Familie und das einzelne Kind sehen und ein Interesse daran haben, eine gute Bindung aufzubauen.

Bei Infoveranstaltungen, Sommer- oder Laternenfesten kann man sich auch gut einen Eindruck verschaffen. Natürlich weiß man nie, welche Erzieherin das eigene Kind dann erwischt, aber ich würde jedem raten, auf sein Bauchgefühl zu hören und sich nicht von irgendwelchen Konzepten einlullen zu lassen.

Und: Man muss als Mutter oder Vater auch akzeptieren, dass jemand es anders macht, als man es selbst machen würde. Den Erzieherinnen einen Vertrauensvorschuss geben, jeden Tag. Das musste ich bei meiner Tochter auch lernen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde ein Foto verwendet, dass einer bestimmten Kita zugeordnet werden kann. Das Foto ist ein Symbolbild und steht in keinem Zusammenhang mit der beschriebenen Kita.

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Das anonyme Jobprotokoll: So sieht der Alltag wirklich aus