Lehrergeständnisse Wie ich meine Schüler überliste

Klassenfahrt - das bedeutet wenig Schlaf, viel Drama, Alkohol. Allein die Planung kostet Nerven, da rettet man sich am besten mit einer List: In einer neuen Serie berichten Lehrer vom alltäglichen Wahnsinn Schule. Anonym, dafür maximal ehrlich.

Die Müritz (Archiv): Wie überliste ich meine Schüler, damit wir dort hinfahren?
Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern

Die Müritz (Archiv): Wie überliste ich meine Schüler, damit wir dort hinfahren?


"Mallorca! Balaton! Goldstrand!" Die Schüler der 10a waren sich einig, dass Strand und Party die Kernelemente der nächsten Klassenreise sein müssen.

Mein Vorschlag: "Kanutour auf der Müritz!" stieß auf wenig Gegenliebe. Manch eine Schülerin schrie gar entsetzt, als sie hörte, dass sie vielleicht auch mal in der freien Natur auf Toilette gehen müsste.

Zwei Wochen später stand fest: Die 10a macht eine Kanutour auf der Müritz. Denn es ist eigentlich recht einfach, als Lehrer seine eigenen Vorstellungen durchzusetzen:

  • Nicht auf dem eigenen Vorschlag beharren.
  • Verständnis für die Schülerideen simulieren.
  • Zum vernichtenden Schlag ausholen: "Okay, wir besprechen das endgültig in zwei Wochen. Bitte holt bis dahin Angebote für eure Ideen ein. Denkt daran, dass pro Schüler nicht mehr als 250 Euro ausgegeben werden dürfen."

Ab diesem Moment läuft die Zeit für den Lehrer. 99 Prozent aller Schüler fällt erst nach 14 Tagen ein, dass sie sich ja darum kümmern wollten, das letzte Prozent scheitert am begrenzten Budget.

Nun gilt es als Lehrer, alles in eine überzeugende "Yes, we can"-Rede zu packen, um die Zweifler vom einzig übriggebliebenen Vorschlag (Kanutour auf der Müritz) zu überzeugen.

Einige Monate später verbrachten wir die Klassenfahrt in der Natur, kochten unser Essen selbst, saßen jeden Tag am Lagerfeuer. Am Ende waren alle begeistert. Am letzten Abend verglimmte das Feuer, es wurde kalt, ich ging ins Zelt. Am nächsten Morgen wunderte ich mich, wie die Schüler trotz der frostigen Temperaturen noch sehr lange durchgehalten hatten. Wochen später kam es heraus: Die Schüler hatten mit der Bierzeltgarnitur des Campingplatzes das Feuer am Leben erhalten.

Der 46-jährige Lehrer unterrichtet an einem Gymnasium in einer deutschen Großstadt

In den kommenden Tagen erscheinen auf SPIEGEL ONLINE weitere Lehrergeständnisse zum Thema Klassenfahrt.

Und jetzt kommen Sie
  • Corbis

    Das Thema der nächsten Folge: Was ich in der Schule sofort ändern würde, wenn ich könnte.

  • Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch etwas gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

  • Lehrer@spiegel.de

  • Corbis
    Sie schreiben dem Schulleiter, drohen mit der Schulbehörde, sie feilschen, flirten, klagen: Einige Eltern kämpfen so verbissen für ihren Nachwuchs, dass Pädagogen die Zeit für ihre eigentliche Arbeit fehlt. Vier Leidensgeschichten aus dem Lehrerzimmer. mehr...

insgesamt 41 Beiträge
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colasalz 30.04.2014
1. Warum soll es Lehrern anders gehen als anderen berufstätigen?
In jedem Ausschuß oder Gremium funktioniert die Entscheidungsfindung so. Taktieren und geschicktes Argumentieren gehört nun mal dazu, um in einer Gruppe eine Entscheidung zu finden. Auch das cc an den Schulleiter findet seine Parallele, dass zu jedem kleinen Mist der jeweilige Abteilungsleiter in den cc genommen wird. Und ja: Lehrer sind in erster Linie Dienstleister an den Kindern und der Gesellschaft. Mich würde interessieren, wie die in dem Artikel beschriebene Lehrerin sich selber sieht, wenn Sie keine Dienstleisterin an den Kindern und der Gesellschaft ist.
aki-108 30.04.2014
2. Bin verblüfft
Wo bleiben die blutigen Gesichter, die abgehackten Finger, die ertrunkenen Teenager? Ich bin verblüfft und dankbar, mal sowas für den SPIEGEL völlig untypisches hier zu lesen - Danke!
volker_morales 30.04.2014
3. Trick?
Nette Story, trotzdem sollte die Maßnahme, Schüler mit den realen Bedingungen des Lebens zu konfrontieren, eigentlich nicht bloß ein Verlegenheitstrick sein.
Na Sigoreng 30.04.2014
4. Schüler nicht unterschätzen ...
Am 12. März durfte ich miterleben, wie sich heutzutage Lehrer anläßlich einer Klassenfahrt zum Schifahren durchsetzen: Rossfeldpanoramastrasse im Berchtesgadener Land. Wir saßen ausgepowert nach mehreren Stunden Schifahren in der Sonne, versuchten uns auszuruhen und unser Mittagessen zu geniessen. Das war gar nicht so einfach. Es turnten dort 15 - 20 Teenies rum, die offensichtlich nichts am Berg verloren hatten. Sie hatten absolut ungeeignete Kleidung an, schöne, schicke, glatte Schühchen, nervten den Wirt und die Besucher und waren nicht zu bändigen. Niemand wusste, was das für ein Grüppchen war. Nach ca. 1 Stunde standen dann zwei gesetzte Herren von ihrem Bier auf, riefen die Bande und meinten, der Bus sei da. Ignorieren statt die Blagen an die Kandarre nehmen - so sieht's aus! Die Bande ist einfach so in den Bus gestiegen, dass sie gar nicht Schifahren konnten! .... bei mir hätte die Wahl bestanden zwischen ordentlicher Kleidung und Jugendherberge o.ä. putzen.
_derhenne 30.04.2014
5.
Zitat von volker_moralesNette Story, trotzdem sollte die Maßnahme, Schüler mit den realen Bedingungen des Lebens zu konfrontieren, eigentlich nicht bloß ein Verlegenheitstrick sein.
Muss es aber heute, denn wenn Schüler und Eltern Mitspracherecht haben, wird es schwierig gewisse Dinge durchzusetzen. Es ist als ob sie einem Kind einen Eisbecher und einen grünen Salat zur Auswahl auf den Tisch stellen. Ich bin sicher es gab Schüler, die von Anfang an sagten "Kanu, Zelten, Lagerfeuer, bin dabei!", das sind aber genau die, die soetwas schon kennen und um dessen Vorzüge Bescheid wissen.
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