Kopfgeburt Promotion Denken ist ein einsames Geschäft

Sie widmen Jahre ihres Lebens einem Exotenthema - und wissen nicht, ob es sich je auszahlen wird. Trotzdem steigt die Zahl der Doktoranden. Sie müssen findige Finanziers in eigener Sache sein. Und extrem leidensfähig, um das Forschen in Einsamkeit und Freiheit durchzuhalten.

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"Nachts träume ich immer noch von meiner Einleitung", seufzt Sonja Altnöder. Am 15. Januar hat sie ihre Dissertation über südafrikanische Frauenliteratur zur Post gebracht. Was noch fehlte, war das Votum ihrer Doktormütter, die mündliche Prüfung hat sie Mitte Mai hinter sich gebracht. Jetzt muss sie nur noch die Druckfassung erstellen und einen Verlag finden. "Mein Plan war: Silvester 2006 das letzte Kapitel fertig - und Silvester 2007 mit dem Titel im Personalausweis feiern."

Frische Doktoren: Langer und steiniger Weg
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Frische Doktoren: Langer und steiniger Weg

Die Alpträume von Einleitungen, das Bangen bis zur letzten Hürde auf dem Weg zum Doktortitel - das kennen immer mehr Akademiker in Deutschland. 2003 legten 23.043 Nachwuchswissenschaftler ihre Promotionsprüfung ab, zwei Jahre später waren es schon 25.952, so die letzten Zahlen des Statistischen Bundesamtes vom Herbst 2006. Eine Steigerung von knapp 13 Prozent. Wie viele Doktoranden auf dem langen, beschwerlichen Weg bis zum schmucken Titel aufgeben, darüber gibt es keine zuverlässigen Zahlen.

Die einen wollen Forscher werden, Karriere an der Uni machen, dem Thema nachspüren, in das sie sich verbissen haben. Die anderen rechnen sich mit einem Dr. vor dem Namen bessere Chancen in der freien Wirtschaft aus. Und manche wollen einfach die Freiheit haben zu denken. Sie wollen die Welt mit ihren Augen neu entdecken.

Mit Blick auf die steigenden Zahlen könnte man glatt auf die gleiche Idee kommen wie viele Freunde, Verwandte und Bekannte von Promovierenden. Der stereotype Vorwurf lautet oft immer noch: "Du machst doch nur deinen Doktor, weil du ansonsten nichts findest." Eine Dissertation, um den Berufseinstieg auf die lange Bank zu schieben? Papperlapapp, sagt Annette Knaut. "Ich will nicht bestreiten, dass es das gibt", räumt die ehemalige Vorsitzende von Thesis ein, einem interdisziplinären Netzwerk für Promovierende und Promovierte. "Aber unsere letzte Studie zeigt, dass die Angst vor Arbeitslosigkeit kein Motiv ist zu promovieren. Ich kenne keinen einzigen, der diese Phase mit einer Dissertation überbrücken wollte."

Ein Leben in Klausur

Wer sich auf das Unterfangen einlässt, verbringt voller Verve drei, vier, manchmal fünf Jahre mit Muskeln im Fliegenhintern, einer Kulturgeschichte des Containers, dem Geruchssinn von Ameisen oder der Bedeutung des australischen Strandes, wie die Nachwuchswissenschaftler, die am Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE ihre Projekte vorstellen werden. Sie führen, wie die meisten Doktoranden, ein Leben in Klausur. Es gibt nur die Tiere oder die Bibliothek, den Computer und die Studierstube. Und kaum einen, mit dem man sich über sein Exotenthema unterhalten könnte. Denken ist ein einsames Geschäft.

Einsamkeit, Unverständnis - das mag Doktoranden dann doch mit Arbeitslosen verbinden. Vor allem aber: Sie leben oft hart an der Grenze zur Armut. Vanessa Reinwand etwa hat rund 630 Euro im Monat. Sie ist eine jener Nachwuchswissenschaftlerinnen, die ohne Stipendium, ohne Dozentenstelle, ohne Graduiertenkolleg promovieren. Die 28-Jährige schreibt ihre Doktorarbeit über Laienschauspieler. Das finanziert sie mit einem Sekretariatsjob auf 400 Euro-Basis und mit Führungen im Museum der Deutschen Bahn. "Ich arbeite jede freie Minute", sagt sie. "Geld verdienen steht im Vordergrund."

Längst nicht alle sind Selbstverdiener wie Vanessa Reinwand. "Es gibt fächerspezifische Finanzierungsmodelle", erklärt die Ex-Thesis-Vorsitzende Annette Knaut. "Die Unterschiede in den Promotionskulturen sind enorm. Zwei Drittel der Geistes- und Sozialwissenschaftler leben von einer Mischfinanzierung, sie haben höchstens zeitweise einmal ein Stipendium. Die Naturwissenschaftler arbeiten in der Regel an der Uni, sie brauchen schließlich ein Labor."

Schwanger sind Doktoranden doch alle

Vanessa Reinwand gehört nicht zu den 70 Prozent unter den Promovierenden, die nach Knauts Einschätzung ins universitäre Leben eingebunden sind. Sie ist auch sonst eine Ausnahme: Falls Vanessa Reinwand mit 30 die Promotion beendet, ist sie noch etwa drei Jahre jünger als Dr. Durchschnitt. Und zählt wie Sonja Altnöder auch noch zu einer anderen Minderheit: Unter den Doktoranden sind deutlich weniger als die Hälfte Frauen. "Für Frauen ist eine Universitätskarriere noch immer ungleich schwieriger", kommentiert die Biologin Christina Zube, die über den Geruchssinn von Ameisen arbeitet.

An den Noten kann es nicht liegen. Das zeigt eine aktuelle Studie der AG Hochschulforschung an der Universität Konstanz. 40 Prozent der Männer, die mit einem Notenschnitt von 1 bis 1,4 ihren Uni-Abschluss machen, wollen "sicher" promovieren. Aber nur 22 Prozent der Frauen.

DDP
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Immerhin achten immer mehr Universitäten mittlerweile darauf, dass Wissenschaftler mit Nachwuchs nicht von vornherein von der akademischen Karriere ausgeschlossen werden. Der Kindergarten an der Reform-Universität Konstanz ist fast so alt wie die Uni selbst, an der Hochschule Duisburg-Essen gibt es ein "Elternservicebüro" und in Berlin den Kinderladen "Die Humbolde". Viele brechen trotzdem ab, die meisten halten mit ihrer Elternschaft sowieso hinterm Berg. Von den 600 Thesianern haben etwa 30 Kinder, mutmaßt Annette Knaut. Genaue Zahlen kennt sie nicht, "man verschweigt das lieber".

Kind hin, Elternschaft her - schwanger sind Promovenden letztlich doch alle. Das Datum der Abgabe wird da schnell zum Geburtstermin: "Den Tag werde ich nie vergessen", sagt Sonja Altnöder. "Am Ende habe ich das Postpaket Größe M doch noch zu bekommen und bin dann mit meinem Baby durch Köln gelaufen." 276 Seiten, 92 Fußnoten, der Einband in zartem Bordeaux, in dreifacher Ausführung, fünf Kilo schwer - alles dran, was eine Kopfgeburt so braucht.

Donnerstag auf SPIEGEL ONLINE: Kuriose Doktorarbeiten - Forschung am Fliegenpopo



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