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Krach um Juniorprofessur Uni-Präsidium in Erklärungsnöten

Darf Nordamerikanist Albert Scharenberg an der FU Berlin nicht Juniorprofessor werden, weil er der Uni-Leitung zu links ist? Die Studenten am JFK-Institut wollen es wissen. Gestern diskutierte die Vize-Präsidentin mit ihnen - und blieb eine befriedigende Antwort schuldig.
Von Nicole Meßmer

Der kleine Seminarraum im dritten Stock des John-F.-Kennedy-Instituts ist überfüllt. Knapp 100 Nordamerikanistik-Studenten der FU Berlin haben sich am Mittwochnachmittag hier versammelt, weil sie wissen wollen, was eigentlich los ist. Seit 16 Monaten warten sie auf die Besetzung einer Juniorprofessur-Stelle, die immer wieder verzögert wird. Die Fachschaft hat daher zu einer Veranstaltung geladen: "Herr Lenzen, wo bleiben unsere Juniorprofessoren?"

Dieter Lenzen ist der Uni-Präsident - und Vorsitzender jenes Gremiums, das die Empfehlungsliste der Berufungskommission im Mai abgelehnt hat. Der Favorit der Kommission war eindeutig: Albert Scharenberg, promovierter Politologe und Historiker, der seit Jahren am JFK-Institut lehrt. Die offizielle Begründung, er sei zu alt und nicht ausreichend qualifiziert, überzeugt nur wenige. Gemunkelt wird, in Wahrheit sei er der Uni-Leitung zu links.

Ist dem Präsidium Scharenbergs Mitgliedschaft im Kuratorium der Linkspartei nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung ein Dorn im Auge? Scharenberg bestätigt, dass ihm diese Vermutung schon vor Monaten an der Universität zugetragen worden sei.

Rund 100 Professoren haben sich am Montag in einem offenen Brief für ihn eingesetzt und kritisiert, dass "ein Bewerber aus politischen Gründen keine Stelle bekommt". Heute hätte Lenzen die Chance gehabt, diesen Vorwurf vor Studenten, Professoren und Scharenberg ein für allemal zu klären. Doch die Fachschaft erhielt von seinem Büro eine Absage. Immerhin sagte Vize-Präsidentin Ursula Lehmkuhl ihre Teilnahme zu - sie werde aber ein wenig später eintreffen. Sie trifft viel später ein.

Die Gruppe der Studenten ist zweigeteilt. Einige vermuten Mauschelei bei der Berufung, etwa Till Ermisch vom Asta: "Es ist naiv zu glauben, Berufungen hätten keine politischen Hintergründe", findet er. Anderen geht es in erster Linie um die Studienbedingungen. "Leute, bleibt doch mal sachlich", fordert eine Studentin, als zornige Kommilitonen anfangen, Lehmkuhl ins Kreuzverhör zu nehmen.

Fadenscheinige Begründungen

Zunächst hieß es, Scharenberg sei aufgrund seines Alters und seiner Qualifikation kein geeigneter Kandidat. Wieso tauchte erst dann die Begründung auf, in Wahrheit sei die Berufungskommission befangen gewesen, fragt Moderatorin Sarah Hostmann. Die Antwort der Vize-Präsidentin ist unbefriedigend. Lehmkuhl geht nur auf das Alter ein: Es sei eine Faustregel, dass man jenseits der 35 zu alt für eine Juniorprofessur sei.

Dabei lehren im gleichen Fachbereich andere Juniorprofessoren, die bereits die 40 überschritten haben. Auch der Berliner Wissenschafts-Staatsekretär Hans-Gerhard Husung wies in einem Schreiben vor einem Jahr in einem ähnlichen Fall an der Humboldt-Universität eindeutig darauf hin, dass "eine Altersgrenze von 35 Jahren für die Berufung einer Juniorprofessur keine Grundlage im Berliner Hochschulgesetz hat und daher auch nicht zur Begründung einer Entscheidung herangezogen werden kann".

Die Aussage des Uni-Präsidiums sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, verteidigt sich Lehmkuhl. In Wahrheit gehe es um die Qualifikation in Bezug auf das Alter. Sprich: Für sein Alter hat Scharenberg demnach eben zu wenig geleistet. "Da zählt man einfach mal die Publikationen. Da muss man kein Fachwissenschaftler sein." Die Aussage stößt in der Runde auf blankes Entsetzen - man klopft, buht, trampelt.

Brief und Siegel für Scharenbergs Qualifikation

Die Wissenschaftler aus aller Welt hatten Scharenberg dagegen am Montag per Anzeige im Berliner "Tagesspiegel" attestiert, er könne "aufgrund seiner vorliegenden Arbeiten sozusagen aus dem Stand habilitiert werden". Nun fragt Scharenberg in seinem Statement, warum das "fachfremde Uni-Präsidium" eigentlich glaube, das besser beurteilen zu können als das Fachgremium, also die Berufungskommission.

Scharenberg ist sich sicher: "Das Argument der Befangenheit wird erst jetzt aus dem Hut gezaubert, weil man gemerkt hat, dass alle anderen Argumente nicht verfangen." Und er fragt weiter: "Selbst wenn der Vorwurf der Befangenheit zutreffen sollte, was er nicht tut: Wieso glaubt das Präsidium eigentlich, dass sich alle Mitglieder der Berufungskommission von zwei Kollegen an der Nase herum führen lassen würden? Welches Bild hat man im Präsidium eigentlich von den eigenen Kollegen?"

Der Vorwurf der Befangenheit richtet sich gegen die Kommissionsvorsitzende Margit Mayer und den externen Gutachter Christoph Scherrer. Bei Mayer soll Scharenberg angeblich eine Habilitation begonnen haben, was die Wissenschaftlerin, die selbst nicht anwesend sein kann, in einer schriftlichen Stellungnahme zurückweist. Scherrer unterrichtete Ende der neunziger Jahre am JFK-Institut, lange bevor Scharenberg dort erstmals auftauchte.

Präsidium muss nachdenken

Laut Berliner Hochschulgesetz hätte das Präsidium, sofern es tatsächlich von der Befangenheit überzeugt war, schon viel früher einschreiten müssen. Auch Hintertürchen gibt es genug. So wird an der FU erzählt, Lehmkuhl selbst sei einmal als Vorsitzende der Berufungskommission zurückgetreten, nachdem eine ihrer ehemaligen Mitarbeiterinnen auf Listenplatz eins gelandet war. In einem anderen Fall soll der Doktorvater des Favoriten bei der Entscheidung einfach den Raum verlassen haben.

In Scharenbergs Fall blockiert das Präsidium bislang den Vorschlag, noch ein externes Gutachten einzuholen, um den Vorwurf der Befangenheit aus der Welt zu schaffen. Die Vize-Präsidentin kann zur Aufklärung nicht viel beitragen. Sie wirft Scharenberg vor, Artikel gemeinsam mit Scherrer veröffentlicht zu haben. Als Scharenberg dementiert und das Publikum es genauer wissen will, verlässt Lehmkuhl den Raum, um zu recherchieren. Und kehrt erst viel später zurück – ohne Ergebnis. Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE wollte sich das Uni-Präsidium anschließend nicht äußern.

Scharenberg selbst würde die Stelle immer noch annehmen. Er arbeitet als Redakteur der "Blätter für deutsche und internationale Politik". Er braucht die Stelle nicht. Aber er würde gern Juniorprofessor werden. Jetzt haben die Anwesenden vereinbart, sich in vier Wochen wieder zu treffen. Das Präsidium möchte nachdenken, auch darüber, was eigentlich nun die wahren Gründe für die Ablehnung Scharenbergs sind – sagt Lehmkuhl. Und verspricht, sich um einen Termin zu kümmern.

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