Kryptische Stellenangebote Zwischen den Zeilen lesen

Ob man in den guten alten Zeitungen oder per Internet einen Job sucht - die Stellenausschreibungen muss man richtig deuten, um eine passende Bewerbung verfassen zu können. Das ist keineswegs selbstverständlich, wie die Erfahrungen von Personalchefs zeigen.


Für eine perfekte Bewerbung muss man Stellenanzeigen zunächst kritisch lesen
Foto: GMS

Für eine perfekte Bewerbung muss man Stellenanzeigen zunächst kritisch lesen

Resigniert schiebt Hubert Guderius den Stapel mit Bewerbungsmappen beiseite. Der Personalleiter einer Hamburger Multimediaagentur ist trotz der 52 Bewerbungen auf die Stellenanzeige seines Unternehmens fast verzweifelt: "Wir suchen für ein Projekt einen erfahrenen PR-Berater. Und man glaubt nicht, wer sich hier alles bewirbt: Berufsanfänger, Online-Redakteure, Praktikanten, Marketingexperten und und und... Die Bewerbungen sind fast alle sinnlos - das müssen die Bewerber doch auch wissen!"

Selbstverständlich ist das offenbar nicht. Viele Stellensuchende befolgen schon nicht die Regel Nummer eins bei der Stellensuche: Eine Bewerbung macht nur Sinn, wenn die ausgeschriebene Position auch zu den eigenen Qualifikationen passt. Natürlich gibt es mittlerweile in allen Branchen neue Berufsbezeichnungen für bekannte Berufe. Daher lohnt es sich auch, die Anzeigen nicht nur nach der Wunschposition zu "scannen". Allerdings sollten Bewerber die beschriebenen Aufgabenbereiche einerseits und die fachlichen und persönlichen Qualifikationen andererseits mit ihren Lebensläufen schon abdecken können.

Leere Floskeln irritieren die Bewerber

"Wenn ich die Stellenanzeigen in den großen Zeitungen am Wochenende durchgehe, dann denke ich manchmal auch: Vielleicht sind die Unternehmen auch selbst Schuld, wenn sie keine vernünftigen Bewerbungen bekommen." Der Personalberater bringt auf den Punkt, was Bewerber oft irritiert: Etliche Anzeigen sind voller leerer Floskeln. Da werden "teamfähige", "kommunikative", "eigenverantwortliche" oder auch "belastbare" Mitarbeiter gesucht. Und dann melden sich Kandidaten, die genau diese Attribute für sich in Anspruch nehmen - ohne eigentlich zu wissen, was hinter den Worthülsen steckt.

"Tun Sie dem Unternehmen, bei dem Sie sich bewerben, und sich selbst einen großen Gefallen: Erklären Sie sich bereits im Anschreiben", rät deshalb die Personaltrainerin Gitte, "bringen Sie immer Beispiele und nähere Ausführungen, wenn Sie etwas von sich behaupten. Dadurch zeigen Sie in der Bewerbung Profil und Persönlichkeit - und erhöhen so Ihre Chance, eingeladen zu werden." Mit einer individuellen Darstellung gehen Bewerber nicht in der Masse von Konkurrenten unter, die nur Phrasen dreschen.

Genauer Blick auf die geforderte Qualifikation

Noch besser stehen die Chancen auf ein erstes Gespräch, wenn Bewerber den wichtigsten Schritt bei der Analyse einer Stellenanzeige schaffen: Sie müssen differenzieren können zwischen den entscheidenden Anforderungen und dem schmückendem Beiwerk, auf das der potenzielle Arbeitgeber auch verzichten würde. Das gelingt aber nur, wenn man den genauen Wortlaut der Anzeige beachtet. Sind mindestens drei Jahre Berufserfahrung erforderlich, können Berufseinsteiger sich Papier und Porto sparen. Sind aber "nur" gute Englischkenntnisse gefragt, dann werden natürlich nicht nur native speaker gesucht.

Leider sind Anzeigen nicht immer so eindeutig formuliert - dann kommt es auf das Fingerspitzengefühl des Bewerbers an. Grundsätzlich gilt: Je unpräziser die Beschreibung ist, umso unwichtiger ist die umschriebene Eigenschaft. Oder um es mit dem Personalberater Bechtluft zu sagen: "Wenn ich jemanden mit ausreichenden Kenntnissen suche, kann ich nicht erwarten, dass sich ausschließlich versierte Spezialisten melden."

Auch zu viel des Guten schadet

Die melden sich nicht selten aber auch auf Stellen, für die sie schlicht überqualifiziert sind. Hubert Guderius bemängelt: "Wenn wir in der Ausschreibung einen EDV-Sachbearbeiter mit abgeschlossener Ausbildung suchen, dann frage ich mich allen Ernstes, warum sich Hochschulabsolventen en masse bewerben." Eine Bewerbung ist sinnlos, wenn ein Interessent hoffnungslos überqualifiziert ist. Denn zum einen wird das geforderte Gehalt nicht zum Aufgabenbereich passen, zum anderen die Arbeit selbst den Bewerber unterfordern und langweilen.

Für eine erfolgreiche Bewerbung muss man den Anzeigentext nicht nur lesen, sondern auch verstehen und dann eine individuelle Bewerbung statt eines 08/15-Schreibens verfassen. Die entscheidenden Fragen vor der Bewerbung: Warum gerade diese Stelle und dieses Unternehmen? Was sind die Schlüsselqualifikationen? Was ist dem Unternehmen wichtig, und warum bin ich der Richtige für die vakante Position? Wer darauf gute Antworten findet, weiß am Ende, wieso und wo er sich bewirbt - und für welche Stelle er es vielleicht doch besser lässt.

Von Oliver Mest, jobpilot.de



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