Kulturschock im Tschad Von korrupten Ärzten und großer Gastfreundschaft

Sein Job ist eine Herausforderung, der nur wenige gewachsen sind: Pius Knecht, 56, baut Krankenhäuser in Krisenregionen auf. Vier Jahre war er im Tschad. Er erlebte dort korrupte Ärzte und solche, deren Fehlverhalten Kindern das Leben kostete. Trotzdem war er von vielen Menschen fasziniert.

Pius Knecht

"Ich habe erst in Bern Medizin und dann in Fribourg Rechts- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Nach dem Studium ging ich für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz erst in den Nahen Osten, dann nach Pakistan. Dort haben wir nahe der afghanischen Grenze Krankenhäuser aufgebaut und betrieben. Das war zur Zeit des sowjetisch-afghanischen Krieges in den achtziger Jahren.

Was mich in Krisenregionen zieht, weiß ich bis heute nicht genau. Habe ich ein angeborenes Helfersyndrom? Vielleicht. Ganz bestimmt aber hatte ich schon immer ein politisches und historisches Interesse, das über die Schweizer Alpen hinausreicht. Die Zeit an der afghanischen Grenze wird mich mein ganzes Leben beschäftigen; die Erkenntnis, was Krieg wirklich bedeutet.

Als ich Mitte der neunziger Jahre zurück in die Schweiz kam, arbeitete ich erst als Personalleiter bei großen Unternehmen, dann als niedergelassener Jurist und habe als Coach viele Führungskräfte durch heikle Situationen begleitet - und dazwischen immer wieder Kurzmissionen ausgeführt - immer dort, wo Erfahrung und Durchsetzungsvermögen in schwierigen Verhandlungen gefragt war.

Eine Klinik ohne Ärzte und Medikamente

Bis mich die EU fragte, ob ich an einer 'mission impossible' teilnehmen wolle: Es ging darum, ein Krankenhaus im Tschad nahe der Grenze zum Sudan zu leiten. Ich habe zugesagt, 2006 ging es nach Abéché. Ich kam an in einer Klinik mit rund 300 Betten und einem Einzugsgebiet von 2,5 bis drei Millionen Menschen, in dem keine Ärzte arbeiteten und keine Medikamente vorhanden waren. Jeder Schweinestall ist besser organisiert als die Klinik zu dieser Zeit.

Gemäß Vereinbarung mit der EU war der tschadische Staat dazu verpflichtet, junge Ärzte in dieses Krankenhaus zu entsenden. Zaghaft und mit großer Verspätung sind sie dann auch gekommen, und vielleicht auch nur darum, weil ein zusätzliches Entgelt durch den Westen zugesichert wurde. Medikamente kamen durch Spenden und die europäische Entwicklungshilfe ins Krankenhaus.

Bei den Tschadern stieß ich oft auf eine mittelalterliche Mentalität: Männer können bis zu vier Frauen haben, manche hatten rund 30 Kinder. Wenn man bedenkt, dass Ärzte mit einem eigentlich recht hohen Einkommen von rund 500 Euro im Monat ihre Kinder und Frauen und zum Teil auch deren Familien miternähren müssen, wird klar, dass das Geld nicht reichen kann. Und dann ist man bei der Korruption. Es gibt sie überall, auch im Krankenhaus.

Wenn Korruption Menschenleben kostet

Es ist nicht so, dass die Leute Ärzte bestechen müssen, wenn sie eine gute Behandlung haben wollen. Sie müssen zahlen, um überhaupt behandelt zu werden. Eine Nacht wurde ich aus dem Bett geholt. Da wartete ein Mann, den jemand mit einem Messer aufgeschlitzt hatte. Ich traf ihn in einem schmutzigen, gekachelten Raum. Er saß da, unter seinem T-Shirt quollen seine Gedärme heraus, er hielt sie mit den Händen. Die Ärzte, zu denen er zunächst gegangen war, wollten umgerechnet rund 3000 Euro haben. Die hatte er nicht, die Ärzte verschwanden wieder.

Ich habe dann gemeinsam mit italienischen Kollegen dafür gesorgt, dass er operiert wird.

Ein Problem unter Patienten war auch die Ungleichbehandlung: Flüchtlingen, die aus dem Sudan zu uns kamen, wurden Behandlungen und Operationen von Hilfsorganisationen bezahlt. Ebenso armen Patienten aus dem Tschad nicht, sie konnten sich das nicht leisten. Ich konnte der Versuchung nicht wiederstehen und bin dann dazu übergegangen, bei meiner morgendlichen Visite die ärmsten Tschader zu Flüchtlingen zu deklarieren.

Die Ärzte, die im Krankenhaus arbeiteten, musste ich mir oft vorknöpfen. Ich musste ihnen sogenannte Kunstfehler vorwerfen. In unserer Klinik hieß das etwa, dass ein Kind gestorben war, weil ein Arzt besoffen arbeitete und nach einem Kaiserschnitt das Neugeborene fallen ließ. Manche verließen dann die Klinik, bei anderen konnte ich etwas bewirken.

Viel Freizeit hatte ich nicht. Wenn ich nicht in der Klinik war, habe ich in meinem Haus klassische Musik gehört, habe viel gelesen und gut gekocht. Ich hatte nur wenige gute Freunde. Überall, wo ich hinkam, war ich der Weiße, wurde herzlich willkommen geheißen - aber das selten ohne Hintergedanken. Ich bin bei Leuten wie dem Gesundheitsminister oder dem Stadtvorsteher ein und aus gegangen, aber die wollten alle etwas von mir.

Der nächste Einsatz steht bereits fest

Trotzdem: Auch wenn das Volk doch sehr arm ist - Gastfreundlichkeit und die Grundregeln der islamischen Glaubens sind allgegenwärtig. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dem Gast sofort Wasser anzubieten, und zwar so viel er will. Das Essen wird mit jedem Besucher geteilt, und dies ohne wenn und aber.

Fasziniert hat mich auch, wie Informationen und Nachrichten sich über Tausende Kilometer verbreiteten, trotz aller Wüste, trotz mangelnder Kommunikationsmittel und trotz Vielfältigkeit der einzelnen Dialekte und Sprachen im Tschad. Ich frage mich noch heute, was das Geheimnis dahinter ist.

Was mir unvergesslich bleiben wird, ist die unendliche Wärme und Dankbarkeit, die aus den Augen der Patienten funkelte, wenn wir ihnen helfen konnten. Dieses Funkeln und diese Dankbarkeit werden immer tief in mir verankert bleiben.

Im Mai 2010 endete mein Mandat im Tschad. Nun bin ich wieder in der Schweiz, aber nicht mehr lange. Caritas International hat mir angeboten, ein Hilfsprogramm in Haiti zu leiten. Man spricht von drei Jahren, ich habe zugesagt, im September werde ich fliegen. In einer Klinik in der Schweiz zu arbeiten, kann ich mir nicht vorstellen. Ich würde wohl in den Stumpfsinn abgleiten."

Aufgezeichnet von Birger Menke



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
autocrator 27.08.2010
1. ein arzt ist ein arzt
ein arzt ist ein arzt ist ein arzt. weltweit, egal in welchem kulturkreis, griechisch oder nicht, im grunde immer dem sog. hyppokratischen eid verpflichtet, wie der im nationalen einzelfall auch immer ausgeprägt sein möge. korrupte ärzte im tchad, oder "fallmanager" in D oder in CH die einen wegen bürokratischer vorschriften lieber verrrecken lassen als ihrem ethos entsprechend zu handeln / heilen ...
Knud Schneider 31.08.2010
2. Helfersyndrom versus Kompetenz
Das Krankenhaus von Abeche im Osttschad ist sicherlich kein einfacher Arbeitsplatz. Diese Stadt am Rand der Sahara, die zunächst von brutalen Kolonialisten, danach vom gnadenlosen Bürgerkrieg und bis vor Kurzen von Rebellenbewegungen gebeutelt wurde hatte keine Chance sich normal zu entwickeln. Ein Entwicklungshelfer, wie Herr Knecht, sollte seine Gastkultur kennen, denn nur so hätte er angemessen und vor allem aber erfolgreich beraten können. Einzelgänger ohne Freunde, die wie Herr Knecht lieber leiten statt beraten wollen, sind hier sicherlich fehl am Platz. Beratung bedarf auch immer Offenheit und Vertrauen beider Seiten. Dies kann ich bei diesem Beitrag leider auch nicht erkennen. Wir brauchen hier Menschen die kompetent Herausforderungen annehmen und einfühlsam mit Menschen in schwierigen, scheinbar aussichtslosen Situationen umgehen können. Dieser Beitrag ist enttäuschend für Tschader und Ausländer, die sich für die leidende Bevölkerung dieser Region einsetzen. Ein negativer Beitrag ohne Perspektiven in dem der Entwicklungshelfer auf unangemessene Art und Weise seinem Unmut Luft gemacht hat. Schade! – Knud SCHNEIDER, Abeche/Tschad
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