Kulturschock in Japan Verdammt, wo sind die Klo-Pantoffeln?

2. Teil: Zweiter Tag - Andreas bei der Geschenkübergabe


Auf Fettnäpfchen wird man im intensiven Japanologie-Studium nicht vorbereitet, sonst hätte ich unter Umständen bei Kerstins Supermarkt-Fauxpas noch eingreifen können. Aber worauf wird man vorbereitet? Schon am ersten Tag darauf, dass drei Viertel der Anwesenden das Studium nicht beenden werden. Stimmt. Dass man nur was wird, wenn man Japan auch mal besucht oder noch besser eine Zeit lang dort lebt. Deshalb war ich mehrfach da. Und dass es praktisch ist, schon früh zu "netzwerken" (um Fürsprecher zu bekommen. Im japanischen Leben extrem wichtig).

Andreas und Kerstin Fels: In ihrem Buch "Die Axt im Chrysanthemenwald" schildern sie Japans Benimmregeln

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Aus diesem Grund sind Kerstin und ich bei Frau Yamanaka, einer Brieffreundin meiner Mutter, eingeladen. Sie Lehrerin, ihr Mann ein hohes Tier bei Toyota. Ein toller Anfang für mein frisches Japan-Netzwerk.

Etwas nervös wegen meiner doch noch eher mittelmäßigen Japanischkenntnisse frische ich nach der steifen Begrüßungsrunde mein Deo auf und wühle im übervollen Rucksack nach unserem Mitbringsel. Von den Verpackungskünsten meiner Mutter ist nicht mehr viel zu erkennen, aber was zählt, ist ja eh der Inhalt.

Dachte ich jedenfalls. Aber nach beidhändiger Annahme, einem Lächeln und Dankesfloskeln findet das Geschenk seinen Platz auf einer Kommode. Und dort bleibt es. Unausgepackt. "Toll", denke ich, "ich hätte mir auch sparen können, eine Miniatur des Kölner Doms um die halbe Welt zu schleppen!"

Geschenke sind ein soziales Schmiermittel

Heute weiß ich: Es war das Beste, was ich überhaupt machen konnte. Ob im Business oder Privat: Geschenke sind in der japanischen Kultur das A und O, sie sind ein soziales Schmiermittel. Der Beschenkte steht in der Schuld des Schenkers und muss innerhalb von ein paar Monaten mit einem Gegengeschenk im möglichst gleichen Wert aufwarten. Damit beginnt ein immerwährender Kreislauf aus gegenseitigen Verpflichtungen, und dem japanischen Bestreben nach Harmonie ist Genüge getan.

Und warum wurde der Dom auf der Kommode geparkt? Pure Höflichkeit. Geschenke werden in der Regel nicht vor den Augen der Gäste geöffnet, um keinen Gesichtsverlust bei den Anwesenden zu riskieren. So muss niemand Freude über ein Geschenk heucheln, das der Beschenkte am liebsten gleich in einem tiefen Brunnen entsorgen möchte.

Und meine Blamage? Habe ich zuerst gar nicht mitbekommen: Es war mein stark duftendes Deo. So etwas mögen die meisten Japaner nicht, empfinden es, besonders in der Enge der Großstädte, als unverschämtes Eindringen in die eigene Privatsphäre. Ob sich Herr Yamanaka deshalb nach dem Essen und einer Dose Bier selig schnarchend in die Schutzzone eines Nickerchens flüchtet?

insgesamt 235 Beiträge
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TommIT, 05.05.2009
1. Was soll man sagen
in Indien typisch deutsch direkt aufs Thema zuzusteuern oder gar als Kontaktaufnahme zuerst ne E-Mail loszuschiessen (No go). Dann sollte man sich besser mit Geduld wappnen...mit sehr sehr sehr viel Geduld. Und Kopfnicken ist keine Zustimmung und seinen deutschen Zeitbegriff sollte man schnell ablegen.
LouisWu 05.05.2009
2.
Als ich das erste Mal nach Düsseldorf kam und sah, dass mich meine Kölner Freunde und Verwandten belogen hatten. Die hatten in Düsseldorf doch richtige Straßen und sogar elektrischen Strom, auch die Nachttöpfe wurden nicht einfach aus dem Fenster auf die Straße entleert. Gut, die Menschen dort sind eher einfach gestrickt. Aber das macht nichts, da muß man eben etwas langsamer sprechen... ;-o))
mooksberlin, 05.05.2009
3.
Zitat von sysopWer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt?
Ich finde es interessant, dass in dem Beitrag zu Japan wieder einmal die ganz ollen Kamellen aufgewärmt werden. Eigentlich sollte man im Zeitalter von €399 Flügen nach Tokyo meinen, dass auch der Normalbürger sich selbst ein Bild des Landes der aufgehenden Sonne machen kann, doch scheinbar wird das von den Japanern selbst geschürte Bild vom "wir sind so anders" auch gerne von deutschen Redakteuren übernommen. Zum einen gibt es schon seit einigen Jahren im Sommer keinen "Krawattenzwang" mehr, dieser wurde während der "Cool Japan" Kampagne des Ex-Premiers Koizumi aufgehoben, dieser hatte wohl selbst keine Lust auf nen Strick um den Hals und verkaufte den Verzicht als eine Massnahme gegen die Klimerwärmung, da man ohne Krawatte die Klimaanlage im Büro nicht so kalt einstellen müsse. Exotische Lebensmittel gibt es genug, jedoch von Krabbeneis habe weder ich noch all meine japanischen Freunde je gehört, wenn es dies gibt, dann ist es garantiert nicht Mainstream. Auch wird das dezente Naseputzen in ein Taschentuch, insbesondere bei Ausländern, schon seit Jahren toleriert, das konstante Nasehochziehen hingegen wird auch von vielen jungen Leuten (insbesondere von Frauen) mit Argwohn betrachtet. Auch hatte ich noch nie Probleme mit dem Taxi dort anzukommen wo ich eigentlich hin wollte. Ich frage den Taxifahrer immer ob er weiss wo das Ziel liegt und hatte schon häufig ein direktes "Nein" zur Antwort. Man sollte allerdings in etwa wissen wo das Ziel liegt vor der Abfahrt, sonst kann es schon mal problematisch werden. So hatte ich vor 2 Jahren die Schwierigkeit ein Taxi für einen Kollegen zu bekommen welches ihn ins neu erbaute Hotel "Peninsula" bringen konnte. Mehrere Taxifahrer lehnten die Fuhre ab, da sie noch nie von diesem Luxushotel gehört hatten und dann nicht einen "Gaijin" im Auto sitzen haben wollten, der sich beschwert.
HariboHunter, 05.05.2009
4.
Grosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
TommIT, 05.05.2009
5.
Zitat von HariboHunterGrosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
Was genau hat sie da denn geschockt, wenn ich fragen darf, waren die eckig wie die japanischen Melonen?
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