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05. Mai 2009, 11:14 Uhr

Kulturschock in Japan

Verdammt, wo sind die Klo-Pantoffeln?

Und sie dachten, sie wüssten Bescheid: Vor ihrer ersten Japan-Reise hatten Kerstin und Andreas Fels sich gründlich vorbereitet. Und benahmen sich trotzdem wie die "Axt im Chrysanthemenwald". Fünf Tage, fünf Fallen - auf SPIEGEL ONLINE erzählen sie, was alles schiefgehen kann.

Erster Tag - Kerstin in der Höflichkeitsfalle

Der erste Tag in Tokio ist furchtbar! Alles ist voll und bunt und hektisch und laut. Aus den Pachinko-Hallen dröhnt ohrenbetäubendes Geklapper, die Ampeln machen Vogelzwitscherlaute, überdimensionierte Werbespots schallen von den Hauswänden. Und alle Frauen sind besser angezogen als ich. Selbst die ganz jungen Mädchen schwenken schon sündhaft teure Designer-Täschchen.

Während wir uns von den Menschenmassen durch die Straßen treiben lassen, bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es so eine gute Idee war, meinen Freund Andreas nach Japan zu begleiten. Er hat immerhin Japanologie studiert und versteht die Sprache. Für mich dagegen sind die Schriftzeichen, die kanji, noch um einiges unverständlicher als der Gesang von Blauwalen.

Bei Komplimenten immer abwiegeln

Zum Glück finde ich im nächsten Supermarkt Altvertrautes. Zwischen Speiseeis in Geschmacksrichtung Krabben und eckigen Wassermelonen gibt es hier Baumkuchen... Meine Wahl fällt dann allerdings auf einen Schokoriegel mit Kastanien-Geschmack. Beim Bezahlen an der Kasse bedankt sich die nette Verkäuferin mit einem strahlenden Lächeln und einer Verbeugung. Ich murmele schnell etwas, das wie domo arigato (vielen Dank) klingt, und verbeuge mich ebenfalls.

Und hab mich schon blamiert. Denn das Verbeugen des Käufers ist mehr als unnötig und bringt die Verkäuferin in Verlegenheit. Nun müsste sie sich eigentlich wiederum mit einer Verbeugung für die Verbeugung bedanken und so weiter. Ein kurzes Nicken reicht also allemal.

Die Höflichkeitsfalle lauert in Japan auch im Geschäftsleben. Von den komplizierten Ritualen der Visitenkartenübergabe (immer mit beiden Händen überreichen und annehmen) über die Kunst, mit dem richtigen Maß an Bescheidenheit auf ein Lob zu reagieren (immer abwiegeln) bis hin zum Krawattenzwang bei der Kleiderordnung (auch bei sengender Hitze) - Fettnäpfchen gibt es jede Menge. Zum Glück ahnen wir zu diesem Zeitpunkt nicht, was noch alles schieflaufen wird...

Zweiter Tag - Andreas bei der Geschenkübergabe

Auf Fettnäpfchen wird man im intensiven Japanologie-Studium nicht vorbereitet, sonst hätte ich unter Umständen bei Kerstins Supermarkt-Fauxpas noch eingreifen können. Aber worauf wird man vorbereitet? Schon am ersten Tag darauf, dass drei Viertel der Anwesenden das Studium nicht beenden werden. Stimmt. Dass man nur was wird, wenn man Japan auch mal besucht oder noch besser eine Zeit lang dort lebt. Deshalb war ich mehrfach da. Und dass es praktisch ist, schon früh zu "netzwerken" (um Fürsprecher zu bekommen. Im japanischen Leben extrem wichtig).

Andreas und Kerstin Fels: In ihrem Buch "Die Axt im Chrysanthemenwald" schildern sie Japans Benimmregeln

Andreas und Kerstin Fels: In ihrem Buch "Die Axt im Chrysanthemenwald" schildern sie Japans Benimmregeln

Aus diesem Grund sind Kerstin und ich bei Frau Yamanaka, einer Brieffreundin meiner Mutter, eingeladen. Sie Lehrerin, ihr Mann ein hohes Tier bei Toyota. Ein toller Anfang für mein frisches Japan-Netzwerk.

Etwas nervös wegen meiner doch noch eher mittelmäßigen Japanischkenntnisse frische ich nach der steifen Begrüßungsrunde mein Deo auf und wühle im übervollen Rucksack nach unserem Mitbringsel. Von den Verpackungskünsten meiner Mutter ist nicht mehr viel zu erkennen, aber was zählt, ist ja eh der Inhalt.

Dachte ich jedenfalls. Aber nach beidhändiger Annahme, einem Lächeln und Dankesfloskeln findet das Geschenk seinen Platz auf einer Kommode. Und dort bleibt es. Unausgepackt. "Toll", denke ich, "ich hätte mir auch sparen können, eine Miniatur des Kölner Doms um die halbe Welt zu schleppen!"

Geschenke sind ein soziales Schmiermittel

Heute weiß ich: Es war das Beste, was ich überhaupt machen konnte. Ob im Business oder Privat: Geschenke sind in der japanischen Kultur das A und O, sie sind ein soziales Schmiermittel. Der Beschenkte steht in der Schuld des Schenkers und muss innerhalb von ein paar Monaten mit einem Gegengeschenk im möglichst gleichen Wert aufwarten. Damit beginnt ein immerwährender Kreislauf aus gegenseitigen Verpflichtungen, und dem japanischen Bestreben nach Harmonie ist Genüge getan.

Und warum wurde der Dom auf der Kommode geparkt? Pure Höflichkeit. Geschenke werden in der Regel nicht vor den Augen der Gäste geöffnet, um keinen Gesichtsverlust bei den Anwesenden zu riskieren. So muss niemand Freude über ein Geschenk heucheln, das der Beschenkte am liebsten gleich in einem tiefen Brunnen entsorgen möchte.

Und meine Blamage? Habe ich zuerst gar nicht mitbekommen: Es war mein stark duftendes Deo. So etwas mögen die meisten Japaner nicht, empfinden es, besonders in der Enge der Großstädte, als unverschämtes Eindringen in die eigene Privatsphäre. Ob sich Herr Yamanaka deshalb nach dem Essen und einer Dose Bier selig schnarchend in die Schutzzone eines Nickerchens flüchtet?

Dritter Tag - Kerstin lernt sitzen

Erst drei Tage im Land der aufgehenden Sonne, und schon fühle ich mich wie ein alter Japan-Hase. Als Andreas und ich zum Essen eingeladen sind, wechsle ich auf der Toilette routiniert in die dort bereit stehenden Klo-Pantoffeln und vergesse auch nicht, danach wieder in die Restaurant-Pantoffeln zu schlüpfen, bevor ich mich wieder an den Tisch setze.

Ach ja, das Sitzen... Wir sind in einem traditionellen Restaurant, das mit Tatami-Matten, dafür aber ohne Stühle ausgestattet ist - wir sitzen also alle auf dem Boden. Am Anfang habe ich noch versucht, in der traditionell für Frauen üblichen seiza-Position zu knien und so auf den Fersen zu sitzen.

Aber nach wenigen Minuten in dieser für Ungeübte schrecklich unbequemen Position werfe ich das Handtuch und wechsele wie die Männer am Tisch in die agura-Position, den Schneidersitz. Frauen in klassischer Business-Kleidung haben allerdings nicht diese Wahl: Im Kostüm mit Rock kann man den Schneidersitz vergessen.

Auch bei geschäftlichen Meetings hat man sich schnell unversehens ins Fettnäpfchen gesetzt. In japanischen Konferenzräumen herrscht eine feste Sitzplatzordnung, die die Hierarchie der Teilnehmer genau berücksichtigt.

Ein ausländischer Gast zum Beispiel bekommt in der Regel den Ehrenplatz zugewiesen, der am weitesten vom Ausgang entfernt ist. Zu Zeiten der Samurai war dies der Platz, an dem man das geringste Risiko hatte, hinterrücks ermordet zu werden. Der ranghöchste Gastgeber sitzt meist genau gegenüber. Wer dagegen am weitesten vom Chef entfernt sitzt, hat am wenigsten zu sagen.

Aber zurück zum Essen im Restaurant. Hier bin ich nun doch ein wenig verstört, als ein elegant gekleideter Mann am Nebentisch auf einmal geräuschvoll die Nase hochzieht. Später erklärt Andreas mir, dass dies in Japan tatsächlich weitaus höflicher ist, als sich die Nase zu putzen. Zum Glück habe ich keinen Schnupfen!

Vierter Tag - Andreas deutet das "Ja"

"Kennen Sie den Weg hierhin?" Ich wedele dem Taxifahrer mit der in kanji aufgeschriebenen Adresse unserer Unterkunft in Kyoto vor der Nase herum. "Hai", nickt der Fahrer und zupft seine blütenweißen Handschuhe zurecht.

Wir fahren schwungvoll an und bleiben kurz darauf genau so schwungvoll wieder stehen. Vor einer Polizeistation. Während Kerstin und ich im Wagen warten und das steigende Taxameter beobachten, steht unser Fahrer drinnen mit zwei Polizisten über eine Karte gebeugt. Er fragt nach dem Weg!

Später erfahren wir, dass die Adresssuche in Japan schwieriger ein kann, als es mit Godzilla aufzunehmen. Das Problem: Viele Straßen haben keine Namen, und die Häuser sind nicht fortlaufend nummeriert, sondern nach ihrem Erbauungsdatum. Hausnummer 1 kann daher kilometerweit von Hausnummer 2 entfernt liegen. Am besten also eine Unterkunft in der Nähe einer Sehenswürdigkeit buchen - den Weg finden die meisten.

Ein "Ja" kann so vieles bedeuten

Aber wieso hat der Taxifahrer behauptet, er kenne den Weg? Das Problem: In Japan bedeutet "Ja" nicht unbedingt auch "Ja". Das führt vor allem bei geschäftlichen Meetings von Westlern mit Japanern zu vielen Missverständnissen. Da ein offenes "Nein" viel zu unhöflich wäre, kann "Ja" sowohl "Ja, so machen wir es" als auch "Ja, ich habe verstanden" meinen.

Und wie sagt man "Nein"? Viele Japaner wählen die Form des Ignorierens oder geben eine ausweichende Antwort. Auch als Ausländer können Sie im Geschäftsleben mit einem klaren "Nein" Ihr Gegenüber vor den Kopf stoßen.

Ein paar Minuten später kommen wir dann übrigens doch noch bei der richtigen Adresse an.

Fünfter Tag - Kerstin röhrt "99 Luftballons"

Jaaa, der Alkohol hatte vermutlich auch etwas damit zu tun. Wir waren schon alle ziemlich betrunken, als es zu dem Karaoke-Zwischenfall kam...

Karaoke-Bar: Einladung niemals ablehnen
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Karaoke-Bar: Einladung niemals ablehnen

Aber was sollten wir machen? Das Motto war tabehodai/nomihodai, also "All you can eat/all you can drink". Und daran haben wir uns gehalten. Schließlich hatten wir für das Shabu-shabu, dieses japanische Fondue, ein Heidengeld hingelegt.

Gut, vielleicht wurden wir ein bisschen zu sehr von den japanischen Mädels am Nachbartisch angespornt, die davon ausgingen, dass wir als Deutsche sehr viel Bier vertragen können. Und ja, vielleicht auch davon, dass die Bedienung aufgeregt zu tuscheln begann, als wir unser erstes Bier in Rekordzeit hinuntergestürzt hatten.

Möglicherweise hat unser Auftritt gegen Ende ein wenig unter dem Umstand gelitten, dass Andreas sich versehentlich die Zigarette am Filter angezündet hat - aber alles in allem haben wir den Ruf der Deutschen als trinkfeste Nation doch tapfer unterstützt.

Zumindest scheinen wir die Mädchen vom Nachbartisch so weit beeindruckt zu haben, dass sie uns überreden, noch gemeinsam in eine Karaoke-Bar zu gehen. Also los. Diese Einladung sollte man vor allem im Geschäftsleben niemals ablehnen.

In Japan gibt es den Begriff nomunication (von nomu = trinken und communication), und oft ist das gemeinsame Trinken der einzige Weg, mal ungestraft Dampf abzulassen oder die eigene Meinung zu vertreten. Wer da nicht mitzieht, hat anscheinend etwas zu verbergen oder - noch schlimmer - will nicht zum Team gehören.

Höflicher Applaus plus Blamage gratis

Ich will natürlich dazugehören. Darum greife auch ich zum Mikrofon, nachdem eine der Japanerinnen eine eher eigenwillige Interpretation von Frank Sinatras "My Way" beendet hat. Mit "99 Luftballons" und "Dschingis Khan" ist immerhin auch deutsches Liedgut im Repertoire enthalten. Nun ja.

Meine Singstimme hat noch niemanden begeistert, so bin ich auch diesmal nicht überrascht vom allzu höflichen Applaus. Was ich noch nicht ahne: Ich habe mich schon wieder blamiert! Andreas klärt mich darüber auf, dass man nicht einfach loslegt, sondern eigentlich wartet, bis man vom Gastgeber zum Singen aufgefordert wird. Hoppla.

Wir haben uns noch häufiger in Japan blamiert - viel häufiger. Trotzdem sind immer alle verständnisvoll und nett geblieben. Letztlich erwarten Japaner gar kein perfektes Benehmen von unwissenden gaijin (Ausländern), das gilt auch für die Geschäftswelt.

Aber es gilt auch als ein Zeichen von Respekt, sich vorher mit den Sitten und Gebräuchen auseinanderzusetzen und diese so gut wie möglich zu beachten. So kann es zum Beispiel nicht schaden, beidseitig bedruckte Visitenkarten (auf einer Seite deutsch, auf der anderen japanisch) dabei zu haben. Oder ganz einfach zu wissen, was ein "ja" alles bedeuten kann.

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