Kulturschock in Usbekistan "Allah schaut nicht durch Tische"

Bauern nach Jahrzehnten der Planwirtschaft für den freien Markt zu erwärmen, ist kein leichter Job. Hans Rieck, 38, ging nach Usbekistan. Der Agraringenieur hat sonderbare Speisen gekostet und weiß jetzt auch, was usbekische Muslime mit Wodka machen, wenn der Mullah ruft.


"Ich war Agraringenieur im Rheinland, hatte eine Festanstellung, eine interessante Arbeit mit Perspektive, und die beruflichen Aussichten meiner Frau waren ebenfalls bestens. Dennoch war uns klar: Wir würden gern ins Ausland gehen, und sollte sich uns die Chance bieten, dann gehen wir gemeinsam.

Hans Rieck (2. von links) mit usbekischen Bauern und Dolmetscher
Hans Rieck

Hans Rieck (2. von links) mit usbekischen Bauern und Dolmetscher

Die Chance kam: Meine Frau und ich erhielten ein interessantes Angebot vom Centrum für internationale Migration und Entwicklung (CIM), Einsatzort: Usbekistan. Die Entscheidung fiel letztlich sehr schnell, auch wenn wir nur eine sehr vage Vorstellung davon hatten, was uns erwarten würde. Begriffe wie Seidenstraße und Namen wie Buchara, Samarkand und Karakum klangen exotisch - sie klangen nach 1001 Nacht.

Häufig geht es zu wie in Babylon

Seit Ende 2007 bin ich nun für eine usbekische Unternehmensberatung tätig - die Mashg'ulot va Biznes Maslahat Guruhi (MBM) in Taschkent. Die Zusammenarbeit hat das CIM vermittelt, eine Arbeitsgemeinschaft der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesagentur für Arbeit. Ich habe einen Vertrag mit meinem usbekischen Arbeitgeber abgeschlossen, werde aber gleichzeitig vom CIM betreut und bin eng mit der deutschen Entwicklungszusammenarbeit vernetzt.

Zusammen mit meinem usbekischen Arbeitgeber bereite ich die hiesigen Landwirte auf die Anforderungen einer marktwirtschaftlich orientierten Agrarproduktion vor. Meine Kollegen und ich prüfen neue Ansätze zur Nutzung erneuerbarer Energien, um die ländliche Energieversorgung zu verbessern. Das ist eine besondere Herausforderung.

Im Unternehmen bin ich der einzige Ausländer. Das ist manchmal anstrengend, macht aber meistens Spaß, weil der Kontakt sehr eng ist. Häufig geht es hier zu wie in Babylon. Da wird dann zwischen Russisch, Usbekisch, Tadschikisch, Kasachisch, Englisch oder Deutsch gewechselt, bis auch der letzte Kollege sicher ist, alles verstanden zu haben. Erstaunlicherweise funktioniert die Kommunikation auf diese Weise.

Ein harter Winter brachte den Klimawandel auf die Agenda

In den ländlichen Regionen hingegen bin ich ohne Unterstützung eines Dolmetschers völlig hilflos. Es gibt unzählige Dialekte, die sich teilweise stark voneinander unterscheiden, zudem spreche ich kein Usbekisch. Russisch hilft hier wenig, andere Fremdsprachen noch weniger. So hatte ich auf meiner ersten Dienstreise an den Aralsee einen russischen Dolmetscher mit, der die Karakalpaken genauso wenig verstanden hat wie ich. Zum Glück konnte ein usbekischer Kollege aushelfen.

Meine Arbeit ist hier sehr gefragt: In den ländlichen Regionen gibt es immer wieder Engpässe bei der Versorgung mit Wärme und Strom. Das Interesse an alternativen Energieträgern wächst daher ständig. Auch sind die Auswirkungen des Klimawandels besonders in der Landwirtschaft deutlich zu spüren. Der Schock aus dem besonders harten Winter 2007/08 hat in ganz Zentralasien, auch in Usbekistan, die Diskussion auf politischer Ebene zusätzlich belebt.

Allerdings stehen wir, was die Auswahl geeigneter Lösungen angeht, noch ganz am Anfang. So versuche ich herauszufinden, wie Biogas, Pflanzenöl, Abfälle oder Sonnenenergie nutzbar gemacht werden können. Das ist Grundlagenarbeit.

Der Makler hatte keinen Sinn für Bescheidenheit

Wir leben in der Hauptstadt Taschkent, einer Stadt mit über zwei Millionen Einwohnern. Historische Bauten gibt es im Gegensatz zu Buchara oder Samarkand in Taschkent fast nicht: 1966 wurde die Stadt durch ein Erdbeben nahezu völlig zerstört und nach sowjetischem Muster wiederaufgebaut. Dabei wirkt Taschkent oft wie ein zu groß geratenes Dorf.

Während es in der Innenstadt in den vergangenen Jahren zu einem regelrechten Bauboom gekommen ist, werden wir in unserem Viertel, unweit vom Zentrum, von den Hühnern im Garten des Nachbarn geweckt. Oft werden auch Schafe und sogar Kühe gehalten, die schon mal in unserem Vorgarten grasen.

Wir wohnten das erste Jahr in einer Wohnung im dritten Stock, aber in der Region gab es in den vergangenen Jahren drei Erdbeben - mit einer Stärke von mehr als sechs auf der Richter-Skala. Wir haben uns jetzt ein kleines Häuschen gesucht, unser Makler wollte gar nicht begreifen, dass wir nicht Größeres mieten: Es ist üblich, seinen Wohlstand zu zeigen.

Wohlhabende Usbeken bauen sich riesige Häuser, die oft Palästen ähneln und sehr barock wirken mit ihren Türmchen, Erkern und Springbrunnen im Hof. Wir dagegen wohnen in einem Haus mit zwei Zimmern und einem wunderschönen Garten. Und wir sind die einzigen Ausländer in einer Nachbarschaft mit vielen Kindern. Das gibt uns das Gefühl, mittendrin zu sein.

Die Familie hat einen hohen Stellenwert in der usbekischen Gesellschaft. Leider reduziert sich der Austausch mit uns Ausländern häufig auf berufliche Kontakte. Unsere privaten Bekannten kommen alle aus der internationalen Gemeinde. Doch durch meine tägliche enge Zusammenarbeit mit den lokalen Kollegen habe ich dennoch einige private Freundschaften zu Kollegen aufbauen können.

Fettschwanz-Verzehr ist ein zweifelhaftes Vergnügen

Die usbekische Küche bedarf der Gewöhnung. Leibspeise der Usbeken ist ein Reisgericht, das sich Plov nennt, häufig mit Baumwollöl und Hammelfleisch angerichtet, sowie Schaschlik in unterschiedlichen Variationen. Es gibt aber auch so exotische Spezialitäten wie abgezogenen Fettschwanz oder auf offener Flamme gegarten Schafschädel, wozu auf dem Lande gerne eingeladen wird. Die Zutaten dazu liefern extra gezüchtete Fettschwanzschafe, deren Schwanz aus reinem Fett bis zu 30 Kilo wiegen kann.

Ich hatte das zweifelhafte Vergnügen, einen probieren zu dürfen. Mein Lieblingsessen wird das sicher nicht. Insgesamt ist die traditionelle Küche für unsere Verhältnisse sehr fett und fleischlastig. Das ist vor allem für meine Frau schwierig - sie ist Vegetarierin.

Allerdings gibt es auch sehr gutes Gemüse und Obst in Usbekistan. Die Melonen sind legendär. Sie schmecken phantastisch, und gern wird darauf hingewiesen, dass zu Zeiten der Khans, der mongolischen Herrscher, Melonen aus Usbekistan mit Gold aufgewogen worden seien.

Die Frauenrolle sorgt für Diskussionsbedarf

800 Sorten soll es geben. In der Saison stehen Melonen bei uns täglich auf dem Tisch, ebenso wie Granatäpfel und Aprikosen. Nur der Kaffee, der Käse und der Wein schmecken uns nicht. Da habe ich leider noch nichts Leckeres gefunden. Das ist aber sicher ein Luxusproblem.

Usbekistan: Auf dem Weg in eine freie Agrarwirtschaft
SPIEGEL ONLINE

Usbekistan: Auf dem Weg in eine freie Agrarwirtschaft

Ungeachtet der muslimischen Traditionen gehen die Usbeken mit Alkohol sehr liberal um. Bei Einladungen oder geschäftlichen Treffen kann es durchaus passieren, dass mittags mit Wodka angestoßen wird. Wenn dann ein Mullah ruft, werden auch schon mal die Gläser unter den Tisch gehalten, weil 'Allah nicht durch Tische schaut'.

Die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern ist, vor allem auf dem Land, durch traditionelle Werte bestimmt. Es ist üblich, dass die Eltern eine wichtige Rolle bei der Auswahl des Ehepartners übernehmen. Aus einer europäischen Perspektive erscheint das zuerst einmal schwer verständlich, so dass ich darüber viel mit meinen Kollegen diskutiere.

Um dennoch Frauen beruflich zu fördern und mit ihnen zusammenzuarbeiten, muss ich daher sehr behutsam sein und kann oft nicht den direkten Weg gehen. Dabei wird schnell klar, dass es hier unterschiedlichste Ausprägungen dieser Traditionen gibt und es viel Einfühlungsvermögen und Geduld braucht, die Zusammenhänge zu verstehen und nicht in Stereotypen zu verfallen."

Protokolliert von Birger Menke

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.