Der SPIEGEL

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15. April 2000, 01:00 Uhr

Leben

DER BABYFACE-BOSS

Ein abgebrochener Jurist gründete mit einer Starthilfe von zehn Millionen Mark einen Internet-Shop für Studenten.

Die Tür ist offen, drei Telefone klingeln gleichzeitig, und im Eingangssekretariat des kleinen Unternehmens im Stadtteil Berlin-Mitte treten sich die Mitarbeiter gegenseitig auf die Füße. Irgendwo am Rande steht ein Junge im grauen Schlabberpulli, blass und ungelenk: Es ist Florian Schultz, 23, und er ist der Boss.

Fünf Monate vor dem Examen hat Schultz im vergangenen November sein Jura-Studium abgebrochen. Heute beschäftigt er 25 Angestellte, die im Schnitt fünf bis zehn Jahre älter sind als er und neben denen er wirkt wie der Praktikant. Dabei wächst seine Firma "allmaxx.de GmbH" in atemberaubender Geschwindigkeit. Mit zehn Millionen Mark Wagniskapital ­ vermittelt durch die internationale Venture-Kapitalgesellschaft 3i-Technologieholding ­ gehört das Unternehmen heute zu den viel versprechendsten deutschen Internet-Start-ups.

Die Geschäftsidee ist simpel: Über die Website www.allmaxx.de vermittelt "Deutschlands erste Shopping-Mall für Studenten" (Eigenwerbung) gegen Registrierung des Studentenausweises vom Notebook bis zum Mobilfunktelefon, vom Expo-Bahnticket bis zum Fahrrad alles, was der Studierende so braucht ­ per Mausklick und zum Vorzugspreis. Dabei erhält bis zu 30 Prozent Rabatt, wer die Ware bei Schultz über das World Wide Web bestellt. Clever ist auch das Vertriebskonzept, in das die Studenten eingebunden sind. Wer Kommilitonen als Kunden wirbt, wird am Gewinn beteiligt.

Der Wirtschaft bietet Schultz damit exklusiven Zugang zu einer der am härtesten umkämpften Zielgruppen. Laut Marktforschung sind Studierende die wichtigsten, weil einkommensstärksten, Konsumenten von morgen und erst noch dabei, Vorlieben und Gewohnheiten für Produkte zu entwickeln.

Schultz will sein Geschäft bald schon auf Europa ausdehnen. Nach zwei Jahren, so der Plan, könnte nicht mehr nur investiert, sondern Gewinn gemacht werden. "Die Marke schnell aufbauen, das Segment besetzen, damit da keiner mehr reinkommt", erklärt der Ex-Student.

Konferenz in der Novalisstraße 10: Genau 27 Minuten dauert es, dann hat der Sohn einer schleswig-holsteinischen Kindergartenleiterin und eines Juristen sein Unternehmen "auf neue Grundlagen gestellt". Ein so genanntes Management-Board ist bestimmt, fünf Mitarbeiter, die ihre Abteilungen "autonom und gleichberechtigt" mit dem Inhaber führen sollen. "Ich war hier so was wie ein kleiner Gott, und das ist nicht effizient", sagt der junge Mann mit dem Babyface.

Die traditionelle Chefrolle liegt dem Firmengründer nicht. Macht, Einfluss, Hierarchie ­ das seien die Kampfvokabeln aus dem vorigen Jahrhundert: "Alles Quark, alles uninteressant."

"Emphatisch, mitfühlend und empowered" ­ soll so viel heißen wie "mit geteilter Macht" ­ will er sein Unternehmen führen. Die Angestellten, nicht wenige davon gesuchte Spezialisten, sind am Unternehmen beteiligt. "Wenn ich sie nicht gut behandle", sagt der junge Firmeninhaber, "laufen sie mir weg."

Karrieredenken, Besitzstandverteidigung, Erfolgsdruck ­ so habe man im Industriezeitalter gedacht. Zwar fühle er sich verantwortlich für das Geld der Investoren, und er selbst pumpte sich 60 000 Mark von den Eltern, um die GmbH zu gründen: "Aber wenn die Sache scheitert, dann scheitert sie halt, so what!"

Morgens um acht Uhr verlässt Schultz das Haus und kommt nicht selten erst um zwei Uhr nachts zurück. Ausgehen, Reisen, Kultur sind derzeit nicht drin: "'allmaxx' ist mein Leben." Auch für eine Freundin fehlt die Zeit: "Wahrscheinlich beziehungsunfähig, zu rücksichtslos", erklärt er sich den Mangel.

Der Wahl-Berliner haust in einer Wohngemeinschaft in einem zweimal vier Meter großen Zimmer. Dort stehen ein Schrank und eine Kommode. Kein Bild an der Wand, keine Blumen, lediglich ein schwarzes Mobile baumelt von der Decke. Drei Bücher liegen am Boden: Eines handelt von modernem Management, ein anderes beschreibt die Erfolgsstory von Internet-Firmen, und das dritte ist eine Hass-Biografie über den Software-Monopolisten Bill Gates.

Zum Abbruch seines Studiums hat sich Schultz keineswegs leichtfertig entschlossen. Er bezweifelt zwar, dass ihm die Juristerei eine interessante Karriere eröffnet hätte. Doch bedauert er, nicht durch die Prüfung des reinen Paukstudiums gegangen zu sein: "Daran wächst man doch."

Als Berufsausbildung dagegen, so glaubt der Jung-Unternehmer, sei ein Studium heute eher ungeeignet. Demnächst soll Schultz vor 500 gestandenen Unternehmensberatern erklären, wie das geht mit dem Internet und dem neuen Markt: "Da stehe ich dann, ich als 23-jähriger Dödel, und ich bin der Experte."

SUSANNE KOELBL

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