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Leben nach Lehman "Man macht ja so eine Insolvenz nicht jeden Tag mit"

Die Lehman-Pleite traf erst Anleger und Steuerzahler, dann auch die ehemaligen Finanzjongleure. Auf SPIEGEL ONLINE erzählt ein junger Deutscher, wie er den Kollaps in der Londoner Lehman-Filiale miterlebte - und warum er heute wieder an der Uni ist.

Die Nacht vor einem Jahr hat Axel Schwarz* noch genau in Erinnerung. Es war spät am Sonntagabend, mit einem Arbeitskollegen ging er damals noch einmal raus. Ihr Ziel: 25 Bank Street. Der Glasturm in der Londoner Canary Wharf war verwaist. "Wir wollten unsere wichtigsten Sachen holen", erzählt der 28-jährige Deutsche. "Visitenkarten von Geschäftspartnern und so."

Die Adresse war am nächsten Morgen jedem Fernsehzuschauer bekannt: Hier residierte die Europazentrale der US-Investmentbank Lehman Brothers. Die beiden Nachwuchsbanker trieb in jener Nacht eine böse Vorahnung ins Büro. Sie hatten gerade auf Bloomberg die Nachricht gesehen, dass die Bank of America den angeschlagenen Konkurrenten Merrill Lynch übernehmen wolle. Damit war für Lehman Brothers kein Retter mehr übrig. "Das sieht gar nicht gut aus", habe er gedacht, erzählt Schwarz.

Am Montag, dem 15. September 2008, meldete die Traditionsbank Insolvenz an - es wurde die folgenreichste Firmenpleite seit Jahrzehnten. Vor den Türen des Wolkenkratzers drängelten sich Kameraleute und Fotografen, die Bilder von den arbeitslosen Bankern mit den Pappkartons gingen um die Welt. Im Alter von 27 Jahren war Schwarz' Bankerkarriere so jäh zu Ende, wie sie begonnen hatte.

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Ende einer Lehman-Karriere: Vom Bankenviertel zurück an die Uni

Foto: epa Andy Rain/ picture-alliance/ dpa

Heute schreibt Schwarz an seiner Doktorarbeit an der Hochschule St. Gallen, und wenn er in seinem Zimmer an der Uni jene verrückten Tage im September Revue passieren lässt, dann klingt er immer noch erstaunt, dass er mittendrin war. Und er lacht darüber, dass er damals als Erstes die Visitenkarten aus dem Büro holte. "Man macht ja so eine Insolvenz nicht jeden Tag mit", sagt er.

An jenem Montag saß er wie Tausende andere Lehmänner untätig auf dem Trading Floor und sah auf den Fernsehbildschirmen zu, wie live über den eigenen Untergang berichtet wurde. Die zwei darauf folgenden Wochen ging er jeden Tag brav zur Arbeit - so hatte es der Insolvenzverwalter angeordnet. Nur wer die Zeit absaß, bekam sein letztes Gehalt. "Man kam um zehn und ging um vier", erzählt Schwarz. Es gab nichts mehr zu tun, an den langen Schreibtischreihen auf dem Trading Floor wurde dennoch heftig telefoniert. Es wurden allerdings keine Aufträge mehr abgewickelt, sondern Headhunter angerufen, alte Kontakte aktiviert, Nummern ausgetauscht, Lebensläufe verschickt. Tausende von "High Potentials", die es gewohnt waren, umworben zu werden, suchten fieberhaft nach Arbeit.

"Es war ein riesiges Arbeitsamt", sagt Schwarz. Er denkt mit einer gewissen Nostalgie an die Zeit zurück. In den zwei Wochen bis Ende September habe sich eine nette Atmosphäre im Handelsraum entwickelt: "Alle hatten das gleiche Problem, man konnte gemeinsam überlegen." Natürlich habe es einige gegeben, die weiter nur auf den eigenen Vorteil bedacht gewesen seien, sagt Schwarz. Aber gerade unter den Jüngeren habe es eine starke Solidarität gegeben.

"Die komplette Branche war tot"

Juniorkräfte wie er, die gerade ein Jahr Erfahrung vorzuweisen hatten, sahen bald ein, dass die ganzen Anrufe zwecklos waren. "Man merkte: Es geht überhaupt nichts mehr", sagt Schwarz. "Die komplette Branche war tot." Für BWLer wie ihn war es eine gänzlich neue Erfahrung, nicht gewollt zu sein.

Für den Jungen aus Tuttlingen war ein Traum in Erfüllung gegangen, als er im Winter 2006 bei einem Recruiting Dinner an der Uni Mannheim von den Lehman-Brothers-Leuten angesprochen wurde. Ein gut dotierter Einstiegsjob im Finanzzentrum der Welt - für Hochschulabgänger gab es nichts Besseres. Er lacht, wenn er daran zurückdenkt, dass er damals Eltern und Freunden noch mühsam erklären musste, was Lehman Brothers war. "Ein Jahr später wussten es alle."

Schwarz zog in einen der modernen Apartmentblocks in der Canary Wharf, zum Büro konnte er zu Fuß laufen. Nach neun Monaten wurde er zum ersten Mal befördert, er durfte sich nun Senior Analyst nennen. Es gab den ersten Bonus, immerhin fünfstellig, im Sommer 2008, wenige Monate vor dem Zusammenbruch. Er kaufte sich einen neuen Computer, den Rest sparte er - "so wie man das am Anfang der Karriere eben macht". Er arbeitete in der Abteilung für festverzinsliche Wertpapiere. Sein Team verkaufte sogenannte "strukturierte Finanzprodukte" an deutsche Banken - es waren Zertifikate wie diese, die zur Überschuldung der Bank und zur Implosion des globalen Finanzsystems führten.

Er habe erst nach und nach verstanden, was wirklich passiert sei, sagt Schwarz. Am Wochenende vor dem Zusammenbruch seien noch alle felsenfest von einer Übernahme ausgegangen. "Wir dachten, der Laden sei viel zu gut, als dass ihn niemand kaufen würde." Persönlich schuldig fühlt er sich nicht, dazu war er nicht lange genug dabei. Aber er sieht vieles kritisch, was er früher als normal hingenommen hat. "Die Erfahrung regt zum Nachdenken an, ob das alles so richtig ist", sagt er.

Comeback in der Finanzbranche? "Man soll niemals nie sagen"

Die Boni etwa, die seien auf der Analystenebene noch angemessen, weil die Gehälter gering seien und die Lebenshaltungskosten in London hoch. Aber bei den leitenden Angestellten seien die Summen schon "pervers". Und die weitverbreitete Praxis "garantierter Boni", die unabhängig vom Geschäftserfolg gezahlt werden, findet er einfach falsch. "Das hat mit dem Leistungsprinzip nichts mehr zu tun", sagt er. Da seien neue gesetzliche Regelungen sicher sinnvoll.

Schwarz schrieb den Oktober über noch Bewerbungen, doch irgendwann setzte der Realismus ein. "Da hast du jahrelang drauf hinstudiert, und plötzlich musst du erkennen, dass es einfach keine Jobs in deiner Branche gibt", sagt er. Schon während des Studiums hatte er eine Promotion erwogen, die Idee kam nun wieder hoch.

Ende November hatte er die Zusage der schweizerischen Elite-Uni St. Gallen in der Tasche. Die Professoren fanden seine Lehman-Erfahrung spannend, und so schreibt er seit Februar an seiner Doktorarbeit. Es ist eine kumulierte Dissertation, eine Sammlung von mehreren Aufsätzen. Den ersten hat er fast fertig: Es geht um Lebensversicherungen, die auf dem Zweitmarkt USA gehandelt werden.

Der Ausflug in die internationale Hochfinanz wirkt inzwischen weit weg. Wenn er mit alten Kumpels redet, die neue Jobs in der Londoner City gefunden haben, fühlt er sich manchmal etwas fremd. Dann merkt er, dass sich am Denken in der Branche nichts geändert hat: Alles dreht sich um den Bonus, alle sind unheimlich beschäftigt, es geht wieder aufwärts. Er will aber nicht ausschließen, dass er irgendwann mal wieder zurückkehrt: "Man soll niemals nie sagen."

* Name von der Redaktion geändert

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