Lehrer-Einstellungen Länder planen Werbekampagne

Der nahende Generationswechsel in den Lehrerzimmern macht den Ländern große Sorgen. Nun wollen sie eine breit angelegten Werbe-Aktion starten. Zugleich tobt ein Streit um Spielregeln für die Anwerbung neuer Lehrer.


Annette Schavan will nur pädagogisch geschulte Quereinsteiger im Klassenzimmer
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Annette Schavan will nur pädagogisch geschulte Quereinsteiger im Klassenzimmer

Hannover - Mit einer großen Lehrer-Werbeaktion wollen die Kultusminister der Länder dem größten Generationswechsel in den Schulen seit 25 Jahren begegnen. Das kündigte Annette Schavan (CDU), Vorsitzende der Kultusministerkonferenz, am Donnerstag bei einem Treffen der Kultusminister in Hannover an. Quer durch alle Fächer werde es tausende Arbeitsplätze für Lehrer geben, sagte die baden-württembergische Kultusministerin. Notwendig sei ein bundesweiter Lehrerarbeitsmarkt, und dafür müssten bisherige Mobilitätshindernisse beseitigt werden.

Kopfzerbrechen bereitet Schavan besonders der Nachwuchsmangel in den naturwissenschaftlichen Bereichen. Die Zahl der Studienanfänger sei hier auf ein Drittel der noch vor vier Jahren üblichen Zahlen gesunken, und dieser Rückgang betreffe auch das Lehramt. Bei der Einstellung von Lehrern will die Ministerin mehr Wettbewerb unter den Ländern ermöglichen und forderte "vernünftige Spielregeln". Das bisherige Tauschverfahren hält sie nicht länger für sinnvoll. Bislang kann ein Lehrer nur in ein anderes Bundesland gehen, wenn es einen Tauschpartner gibt. Zugleich versicherte die Ministerin, dass sich der Streit zwischen Hessen und den anderen Ländern schlichten lasse: "Ich glaube schon, dass wir uns einigen werden." Hessen hatte sich Ende letzten Jahres den Groll der anderen 15 Länder zugezogen, weil es mitten im Schuljahr mit bundesweiten Zeitungsanzeigen Lehrer in Mangelfächern abgeworben hatte.

Grundsätzlich sei es zu begrüßen, wenn Lehrer das Bundesland wechselten, betonte Schavan. Sie nannte es "ein bisschen komisch, auch verglichen mit anderen Berufsgruppen, dass wir da alle die eigene Scholle beackert haben". Der bevorstehende "Generationswechsel im Lehrerzimmer" stelle die Schulen vor erhebliche Probleme. Die Pensionierung von bis zu 50 Prozent der Lehrer innerhalb der nächsten zehn Jahre führe zu einem teilweise dramatischen Nachwuchsmangel, so Schavan. Dies gelte allerdings nur für die alten Bundesländer. In den neuen Bundesländern hingegen stehe ein gravierender Schülerrückgang bevor und noch kein Generationswechsel bei den Lehrern.

Schon heute fehlen in den West-Schulen mehrere Tausend Berufsschullehrer, ebenso Fachlehrer für Mathematik, Informatik, Chemie und Physik. Wegen der hohen Pensionierungszahlen zwischen 2005 und 2010 rechnet der Schulforscher Klaus Klemm in einer Studie mit 25.000 bis 30.000 Neueinstellungen pro Jahr, aber mit jährlich allenfalls 24.000 Lehramts-Absolventen. Dass die Studienanfänger-Zahlen gesunken sind, liegt nach Ansicht des Essener Wissenschaftlers nicht nur an den mangelnden Neueinstellungen der letzten Jahre, sondern auch am schlechten Image des Lehrerberufs in der Öffentlichkeit.

Trotz des grassierenden Lehrermangels warnte Annette Schavan davor, auch Hochschulabsolventen ohne pädagogische Ausbildung einzustellen, wie dies etwa Hessen und Niedersachsen planen. Die pädagogische Professionalität dürfe nicht klein geredet werden; bei Quereinsteigern aus der Wirtschaft sollten sich die Länderminister darauf verständigen, dass eine Schulung notwendig sei. Forscher Klaus Klemm unterstrich, dass eine solche Zusatzausbildung mehrere Semester dauere: "Das kann keine pädagogische Schnellbesohlung sein."

Ähnlich schätzt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) den Weiterbildungsbedarf ein. Zu einem "Qualitätsverlust im Unterricht" dürfe es nicht kommen, mahnte Eva-Maria Stange. "Mit eilfertig auf den Markt geworfenen Hilfslehrern ist Schülern und Eltern nicht geholfen", so die GEW-Vorsitznde weiter, "die Schule braucht professionell ausgebildete Pädagogen, die etwas von den Lernprozessen der Kinder und Jugendlichen verstehen."



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