Lehrerarbeitszeit Da ist noch Luft nach oben

Für Hamburgs Lehrer hat die Ära der Zeitstunden begonnen. Das neue Arbeitszeitmodell soll den unterschiedlichen Belastungen der Pädagogen Rechnung tragen. Andere Länder wollen nachziehen. Werden die Lehrer durch die Reformpläne ihrer Kultusminister tatsächlich übers Pult gezogen, wie sie selbst behaupten?


Proteste gegen das Hamburger Modell zur Lehrerarbeit: "Treten Sie zurück, Herr Senator!"
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Proteste gegen das Hamburger Modell zur Lehrerarbeit: "Treten Sie zurück, Herr Senator!"

Hamburg - Die Studie "Bildung auf einen Blick 2003" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnet in ihrem internationalen Vergleich ein differenziertes Bild: Mit 40 Unterrichtswochen liegen deutsche Lehrer, ebenso wie bei den durchschnittlichen Unterrichtsstunden, oberhalb des Durchschnitts - wenn auch nur knapp. Zweitens sind deutsche Lehrer international Spitzenverdiener. In beiden Sekundarstufen nimmt Deutschland einen vorderen Platz im Gehaltsranking der OECD ein, nur in der Schweiz bekommt ein Pädagoge mehr Geld.

Bei der Lehrerarbeitszeit gibt es noch Luft nach oben. "Im internationalen Vergleich sind die Arbeitszeiten deutscher Lehrer nichts ungewöhnliches", resümiert OECD-Bildungsexperte Andreas Schleicher (SPD), "und ihr Verdienst kann sich wirklich sehen lassen." Der Vergleichsmaßstab kann laut Schleicher nur die Arbeit in den übrigen qualifizierten Berufen sein. Zieht man die Arbeitszeit anderer Beamter in Deutschland heran, dann wirken die 1776 Zeitstunden, die ein Lehrer nach dem Hamburger Modell künftig leisten muss, alles andere als unzumutbar: Im Schnitt arbeitet der normale Staatsdiener genauso lange.

Der Hintergrund: Weil eine Deutschstunde am Gymnasium mehr Vor- und Nachbereitungszeit benötigt als eine Sportstunde, werden Tätigkeiten außerhalb des eigentlichen Unterrichts in Hamburg als Bestandteil der Lehrerarbeit anerkannt und in Zeitstunden berechnet. Konkret bekommt ein Deutschlehrer, der am Gymnasium unterrichtet, für jede Unterrichtsstunde einen Zeitfaktor von 1,8 gut geschrieben. Bei fünf Unterrichtsstunden pro Woche wird ihm also eine Belastung von neun "Zeitstunden" angerechnet. Das Fach Sport hat, weil es als weniger aufwändig in der Vor- und Nachbereitung gilt, nur den Faktor 1,25. Insgesamt muss jeder Lehrer in der Woche 46,5 Zeitstunden vorweisen, im Jahresschnitt macht das nach Abzug der Schulferien 1776 Zeitstunden.

Das neue Arbeitszeitmodell von Bildungssenator Rudolf Lange (FDP) war kaum beschlossen worden, da hagelte es Proteste seitens der Pauker. Hunderte meldeten sich Anfang Mai auf einen Schlag krank und sorgten mit ihrem schlecht getarnten Streik für einen Unterrichtsausfall bei 4000 Hamburger Schülern. Einen stürmischen Herbst kündigte Stephanie Odenwald, Vorsitzende der Hamburger Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) an: "Der Kampf gegen dieses inakzeptable Arbeitszeitmodell wird im gerade begonnen Schuljahr weitergehen und sich ausweiten."

Hamburg ist kein Einzelfall: Auch in anderen Bundesländern rumort es in den Lehrerzimmern, weil der Staat im Zuge von Sparmaßnahmen seinen Pädagogen einfach mehr Unterrichtsstunden aufbrummt oder Zulagen kürzt. So wurden in Nordrhein-Westfalen und Berlin bereits Klagen von empörten Lehrern von den Verwaltungsgerichten abgewiesen, in Baden-Württemberg drohten viele Lehrer prompt mit "Dienst nach Vorschrift", weil ihnen das Weihnachtsgeld gekürzt und das Urlaubsgeld gestrichen wurde. Keine Klassenfahrten oder andere Aktivitäten außerhalb des Unterrichts sollten mehr statt finden.

"Außerunterrichtliche Tätigkeiten sind keine Zusatzleistungen der Lehrkräfte, sondern eine herkömmliche Berufsaufgabe", hält Kultusministerin Annette Schavan (CDU) dieser Drohung entgegen. "Durch den Unterricht selbst sind nur 40 bis 50 Prozent der Arbeitszeit abgedeckt, der Rest wird nicht vollständig durch Vor- und Nachbereitungszeit aufgebraucht", begründet die Ministerin, warum Klassenfahrten und Co. zum normalen Pensum der Pädagogen dazugehören. Immerhin setzt Schavan in dieser Woche eine Arbeitsgruppe ein, die die Lehrerarbeitszeit neu definieren soll. Das 40-köpfige Gremium mit Vertretern aus Verbänden, Schulverwaltung, Elternvereinigungen, Schulen und Wirtschaft habe seine Arbeit sehr konstruktiv und ergebnisoffen aufgenommen, teilte das Kultusministerium in Stuttgart mit. Vor dem Frühjahr 2005 ist laut Schavan aber nicht mit einem fertigen Konzept zu rechnen.

Oliver Baentsch



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