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Lehrergeständnisse Eltern, warum vertraut ihr uns nicht?

Was würden Lehrer ändern, wenn sie einen Wunsch frei hätten? Jan-Martin Klinge, 32, wünscht sich vor allem eins: Eltern sollten ihm und seinen Kollegen endlich wieder mehr vertrauen.
Elternalarm: Viele Mütter und Väter kreisen viel zu sehr um ihre Kinder

Elternalarm: Viele Mütter und Väter kreisen viel zu sehr um ihre Kinder

Foto: Patrick Pleul/ dpa
Zur Person
Foto: Gunnar Bremer

Jan-Martin Klinge, 32, unterrichtet an einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen.Halbtagsblog 

Ein Rabauke aus meiner Klasse musste neulich nach dem Unterricht den Klassenraum fegen. Er hatte maßgeblich zur Unordnung beigetragen. Er verpasste deswegen seinen Bus und kam eine Stunde später nach Hause. Am gleichen Tag hatte ich seine Mutter am Telefon.

Es gibt eine Comic-Zeichnung, die zweimal die gleiche Szenerie zeigt: Eltern bekommen das Zeugnis ihres Kindes in die Hand gedrückt. Links im Bild, im Jahr 1969, verlangen sie schimpfend vom Kind eine Erklärung; rechts im Bild, im Jahr 2009, fauchen sie den Lehrer an.

In den allermeisten Schulen ist das Alltag: Eltern mischen sich in das Schulleben ihrer Kinder ein. Das ist erst mal gut so. Denn es beweist, dass sie informiert werden wollen und um die Rechte ihrer Kinder wissen.

Aber die Eltern interessieren sich weniger für Kunst oder Englisch oder Mathematik - sondern nur für die Noten. Stimmen die nicht, wird immer häufiger der Schulleiter direkt aufgesucht. Oder das Schulamt. Oder das Kultusministerium. Gern auch mit Anwalt.

Und jetzt kommen Sie
Foto: Corbis

Das Thema der nächsten Folge: mein größtes Erfolgserlebnis in der Schule.

Sie sind Lehrer und möchten zu dem Thema auch gestehen? Dann schicken Sie Ihre kurze Geschichte gern an:

E-Mail senden an Lehrer@spiegel.de 

Schule verkommt stellenweise zur Dienstleistung: Wir Lehrer werden zu Lieferanten guter Noten - und wehe, die Lieferung entspricht nicht den Erwartungen!

Leider potenzieren sich die Probleme mit der Zeit: Die Kinder lernen, dass "Papa mich schon raushaut" und wissen nicht um die Konsequenzen ihres Handelns: In Bayern ging der Vater eines Achtklässlers gegen den zeitweiligen Unterrichtsausschluss vor, nachdem der Sohn in der Mädchentoilette die Mitschülerinnen fotografierte. Was lernt der Junge daraus?

Auch ich treffe oft genug blöde Entscheidungen. Auch mit mir sind die Eltern nicht immer zufrieden - aber die Schüler dürfen nie das Gefühl bekommen, sie könnten ihre Eltern gegen mich ausspielen.

Egal welche Ausstattung eine Schule hat, welche Probleme im Stadtteil herrschen, wie das Schülerklientel geprägt ist und ob die Lehrer offenen oder klassischen Unterricht machen - die Zusammenarbeit mit den Eltern ist die wichtigste Basis. Wo das nicht funktioniert, steht am Ende oft genug eine Katastrophe.

Was ich ändern würde?

Ich wünschte, die Eltern in Deutschland hätten wieder mehr Vertrauen in unsere Arbeit.

Die Mutter meines Rabauken hörte sich am Telefon den Sachverhalt übrigens an und sagte dann: "Herr Klinge, und wenn er sich wieder so benimmt, dann lassen Sie ihn wieder fegen!"

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.

"Die Eltern setzen immer den Direktor in CC"
Foto: Corbis

Sie schreiben dem Schulleiter, drohen mit der Schulbehörde, sie feilschen, flirten, klagen: Einige Eltern kämpfen so verbissen für ihren Nachwuchs, dass Pädagogen die Zeit für ihre eigentliche Arbeit fehlt. Vier Leidensgeschichten aus dem Lehrerzimmer. mehr...