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Lehrergeständnisse Ich fürchte mich vor meinen Schülern

Wenn man betrunken ist oder sich mit seiner Frau streitet, will man eines nicht: seinen Schülern begegnen. Aber genau dann passiert es, erzählt ein 38-jähriger Lehrer. Davor hat er panische Angst.
Panik (Symbolbild): Warum begegnen einem Schüler nie im Theater oder im Museum?

Panik (Symbolbild): Warum begegnen einem Schüler nie im Theater oder im Museum?

Foto: Corbis

Ich habe Angst, Schüler privat zu treffen. Genau genommen, habe ich panische Angst davor, dass sie mich in peinlichen Situationen erwischen. Denn es ist leider so, dass man Schüler nur höchst selten an allgemein sozialverträglichen Orten über den Weg läuft, im Theater oder im Museum zum Beispiel - darüber würde ich mich ja freuen.

Nein, man trifft sie nachts um 3.30 Uhr auf dem Kiez oder beim Klopapier kaufen oder morgens beim Bäcker, wenn man nur schnell ein fleckiges T-Shirt übergezogen hat, weil es da gerade lag.

Begegnungen mit Schülern können einem sogar den ganzen Tag verderben. So endete für mich ein Besuch im Freibad (und eigentlich damit auch die restlichen drei Tage Sommerferien), als ich von Weitem eine Schülerin erblickte. Nicht irgendeine, sondern die schlimmste Schülerin der schlimmsten Klasse, die ich jemals hatte.

Und jetzt kommen Sie
Foto: Corbis

Das Thema der nächsten Folge: Was ich tue, wenn ich inhaltlich nicht weiterweiß.

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Ein andermal war ich gerade mit meiner Frau bei Ikea, um einen Weihnachtsbaum auszusuchen. Wir waren uns - gelinde gesagt - nicht ganz einig über die Größe. Und gerade, als unsere kleine Meinungsverschiedenheit auf ihrem lorioesken Höhepunkt war, bemerkte ich zwei kichernde Schülerinnen hinter mir. "Habt ihr das jetzt alles mitgekriegt? Ich meine, seid ihr jetzt vor oder nach dem ich gesagt habe, dass dieses Jahr Weihnachten verdammt noch mal ausfällt, dazu gekommen?", möchte ich am liebsten fragen. Stattdessen sage ich gequält: "Naa, habt ihr auch schon einen Weihnachtsbaum?"

Dann gibt es da noch die Mitternachtsvariante, die man unbedingt vermeiden sollte. Neulich war ich nach langer Zeit des Kinder-ins-Bett-Bringens, "Tatort"-Guckens, des abendlichen Korrigierens und des Auf-dem-Sofa-Einschlafens endlich mal wieder auf einem Konzert einer der wenigen übrig gebliebenen Bands aus meiner Jugend. Ich war dort mit den Kumpels von früher, schnell hatten wir auch das Trinkverhalten von früher wieder drauf.

Als ich gerade, es muss so kurz vor 1 Uhr gewesen sein, aus vollem Halse die alten Gassenhauer mitgrölte, sah ich Paul aus der 9a neben mir stehen. "Jetzt musst du dich zusammennehmen", dachte ich. Schnell hatte ich die Kontrolle wieder: "Sag mal - müsstest du nicht schon längst im Bett sein?" Paul grinst. "Ich bin mit meinem Vater hier", antwortet er und deutet mit dem Kopf zum Rand der Tanzfläche. "Wenn mich jetzt auch noch dieser aufgeblasene Anwalt so sieht, bin ich verloren", denke ich. Da kommen meine Kumpels und drücken mir einen Pappbecher Bier in die Hand. "Dann noch viel Spaß!", sage ich und dränge mit den Jungs zur anderen Seite. "Gerade noch mal gut gegangen", denke ich, "der hat bestimmt nichts bemerkt."

Am Montag begrüßt mich Paul breit grinsend: "Sie waren aber voll am Samstag!"

Der 38-jährige Lehrer unterrichtet an einem Gymnasium in Hamburg.

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