Täglicher Wahnsinn im Lehrerzimmer "Hast du einen Moment Zeit?"

Für Schüler ist die Lehrerzimmertür ein Mysterium. Was machen die dahinter nur? Ein Lehrer gesteht, er würde den Ort am liebsten meiden. Denn dort scheitert er selbst an den einfachsten Aufgaben.

Lehrerzimmer: "Man kommt zu nichts!"
DPA

Lehrerzimmer: "Man kommt zu nichts!"


Wieder mal zwei Freistunden. Das klingt besser, als es ist; ich habe noch zu tun, und die Computer sind besetzt. Notgedrungen setze ich mich auf meinen Platz im Lehrerzimmer.

Früher, als ein Schultag noch von 8 bis 13 Uhr dauerte, haben wir im Lehrerzimmer über Klassenarbeiten gesprochen und Unterrichtsstoff, manchmal haben wir auch nur gequatscht. Die Schreibtischarbeit erledigten wir zu Hause. Heute, bei Ganztagsschule und G8, dauert der Unterricht bis in den Nachmittag - und wir Lehrer haben viele Freistunden.

Ich versuche, diese Freistunden mit viel Arbeit zu füllen. Deswegen beginne ich jetzt, die Klassenlisten von Hand in das von den Schülern so verhasste rote Buch zu übertragen.

"Dahms, Frederic"

Plötzlich werde ich von der Seite angesprochen: "Bist du dienstags in der dritten Stunde in Raum A12?" Eigentlich mag ich nicht antworten, aber der Kollege hat ja ganz freundlich gefragt. Ich kenne meinen Plan noch nicht auswendig, sodass ich erst nachschauen muss. "Ja, wieso?", antworte ich. "Deine Schüler haben einen Willkommensdrachen der 5d abgerissen", sagt er nun. "Paul hat die ganze Stunde geweint."

Und jetzt kommen Sie
    Sie sind Lehrer oder Lehrerin und möchten auch etwas gestehen, erzählen, loswerden? Dann schicken Sie uns gern Ihre kurze Geschichte (mit einer Einsendung erklären Sie sich mit einer anonymen Veröffentlichung auf SPIEGEL ONLINE und sämtlichen anderen Medien der SPIEGEL-Gruppe einverstanden) an:
  • Lehrer@spiegel.de

Zwar kann ich mir sehr gut vorstellen, welcher Schüler das gewesen ist, aber ohne Beweise hat es sowieso keinen Zweck, dem nachzugehen. "Die können was erleben: Die Klassenfahrt ist gestrichen", sage ich und widme mich demonstrativ meiner Liste.

"Bayrak, Dilara"

Da springt die Tür des Lehrerzimmers auf und der Stundenplanmacher steht im Raum. Sofort verstecke ich mich hinter einem für diese Fälle angelegten Bücherstapel. "Wir brauchen dringend eine Vertretung für Frau Sauber", schnauft er. Aus meinem Versteck heraus trete ich gegen den Tisch. Der Stundenplanmacher dreht sich um - sein Blick bleibt an der Nervensäge von eben haften: "Haben Sie gerade Unterricht?"

"Albert, Kristina", notiere ich.

Schon spricht mich der nächste Kollege an: "Hast du einen Moment Zeit?" "Nein!", versuche ich es, aber er bleibt hartnäckig: "Wir müssen noch die Termine für die Klassenarbeiten abstimmen. Morgen ist Deadline." Wo er recht hat, hat er recht. Das muss wirklich noch gemacht werden. Wir stimmen uns also kurz ab.

"Eilers, Sixten"

Es klingelt zur Pause, und kurz darauf strömen jede Menge Kollegen ins Lehrerzimmer. Und da ist auch das gesamte Schulleitungsteam. Was wollen die denn jetzt? "Herr Suhlmann hat heute Geburtstag", verkündet die Schulleitung. "Auf drei singen wir 'Zum Geburtstag viel Glück'."

"Frieling, Laura"

Nach der Zeremonie ruft ein Lehrer aus Richtung Tür: "Kundschaft!" - ein geflügeltes Wort für Schüler. Ich bleibe noch einen Moment sitzen. Wenn ich bis zum Klingeln warte, ist der Schüler vielleicht wieder weg; wichtige Dinge finden auch außerhalb der Pause den Weg zu mir.

"Gräber, Friedrich"

Nach dem Klingeln mache ich noch einen Kontrollgang und wie erwartet: Der Schüler ist weg. Dafür steht da jetzt der Schulleiter: "Gut, dass ich Sie treffe..." Überhaupt nicht gut. "Sie sind genau mein Mann..." So hat man sicher auch damals bei den Kamikaze-Piloten angefangen. "Sie können doch gut mit schwierigen Schülern." Ich spüre unvermittelt einen Fluchtimpuls. "Frau Meyer geht in Mutterschutz, und wir brauchen Sie als Klassenlehrer." So etwas hatte ich befürchtet, aber da hat er sich zu früh gefreut. In diese kranke Klasse gehe ich auf keinen Fall!

"Ich würde das echt gern machen, aber in der Klasse ist der Sohn meines Nachbarn. Wir fahren zusammen in den Urlaub - der ist für mich wie ein zweites Kind." Kurz halte ich inne, denn der Gedanke, mit rotem Füller eine Sechs auf die Arbeit dieses Jungen zu notieren, bringt mich kurz in Versuchung. Seitdem wir einmal zusammen an der Ostsee waren, kann ich diese ganze Sippe nicht mehr ausstehen.

Endlich kann ich wieder auf meinen Platz zurück.

"Hilbert, Bastian", notiere ich und blicke resigniert auf das Ergebnis meiner eigentlichen Mission: Sieben Namen habe ich abgeschrieben.

Der 39-jährige Lehrer arbeitet an einer Schule in Hamburg.

Alle Namen im Text sind geändert.

Alle bisher veröffentlichten Lehrergeständnisse finden Sie hier.



insgesamt 108 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
pek 03.02.2015
1. Frage:
Sind sie ganz sicher das dieser Lehrer für seinen Job geeignet ist?
langenscheidt 03.02.2015
2. Schlecht ausgedachte Geschichte
Da Unterrichtszeit ist haben entweder alle Lehrer unterrichtsfrei oder diese Schule hat zuviele Lehrer.
KlausF20 03.02.2015
3. normal
Klingt nach einem ganz normalen Arbeitsplatz, sei es Büro, Produktionsbetrieb oder Krankenhaus...warum sollte es in der Schule anders sein?
lichtbricht 03.02.2015
4. humorvoll geschrieben
Netter kurzweiliger Artikel mit zusammengetragen Momenten, die viele Lehrer bestimmt schon so erlebt haben. Gerade beim Thema "Kundschaft" musste ich schmunzeln. Es wäre nur schön auch mal positives über den Lehrer Beruf zu lesen.
santoku03 03.02.2015
5. Sind Sie ganz sicher...
Zitat von pekSind sie ganz sicher das dieser Lehrer für seinen Job geeignet ist?
Sind Sie ganz sicher, dass Sie über eine Spur Humor verfügen? ;)
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.