"Leitkultur"-Erfinder Bassam Tibis Blick zurück im Zorn

Bassam Tibi: Nimmt Abschied von der Uni
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Bassam Tibi: Nimmt Abschied von der Uni

Von Fabian Wagener

2. Teil: In der gepanzerten Limousine zur Vorlesung: Rampenlicht wirft Schatten - in Tibis Fall besonders dunkle


Am 2. August 1990 überfiel Saddam Husseins Armee das Emirat Kuwait. Über Nacht rückte in den Fokus der deutschen Öffentlichkeit, was lange vergessen schien: die islamische Welt. Die Medien suchten nach Analysen, suchten jemanden, der Orientierung bot im staubigen Dunst des Wüstenkrieges. Sie fanden Tibi.

Mehr als 20 Mal trat Tibi darauf hin in der Sendung "ZDF Spezial" zum Golfkrieg auf, in manchen Wochen war er täglich Gast in Morgen- und Mittagsmagazinen. So wurde der adrette und sprachgewandte Tibi neben Peter Scholl-Latour zum bekanntesten Nahost-Experten der Republik. Er galt den Medienmachern als besonders glaubwürdig, denn er bündelte in seiner Person zwei Kulturen - als gläubiger Muslim den Islam, als überzeugter Säkularist den Westen. Seine Kritik an den Zuständen der islamischen Welt bekam durch sein Bekenntnis zum Islam ein anderes Gewicht.

Es entstand aber auch früh der Eindruck, dass Tibi immer die Seite seiner Identität ausspielte, die im jeweiligen Augenblick opportun erschien. 1995 verlieh ihm Bundespräsident Roman Herzog Tibi das Verdienstkreuz, weil er "über den islamischen Fundamentalismus aufklärt und die globale Bedeutung der Menschenrechte betont".

Kann ein Muslim ein "Feindbild Islam" entwerfen?

Rampenlicht wirft Schatten - und im Fall Bassam Tibi besonders dunkle: Als Muslim, der nicht nur autoritäre Regime, sondern auch Islamisten hart angriff, erhielt er Todesdrohungen. Fast jeder prominente Mensch erlebt solche Belästigungen, doch in Tibis Fall hatten die Behörden allen Grund, die Sache ernst zu nehmen. Man wusste das Gefährdungspotential militanter Muslime noch nicht einzuschätzen. Zeitweilig fuhr Tibi mit einer gepanzerten Limousine zur Arbeit, selbst in Vorlesungen und Seminaren flankierten ihn Bodyguards.

Wer wie ein Staatsmann behandelt wird, entwickelt entsprechende Allüren. Und womöglich hat es auch damit zu tun, dass Kollegen Tibi in dieser Zeit als Wichtigtuer empfanden und begannen, sein wissenschaftliches Werk besonders kritisch in Augenschein zu nehmen. Widerspruch entzündete sich insbesondere an Tibis These von einer unvermeidlichen Konfrontation zwischen islamischer und westlicher Welt. Man warf Tibi vor, ein Feindbild Islam zu entwerfen. Der Historiker Gazi Caglar nannte Tibis These vom "Krieg der Zivilisationen" einen "ideologischen Brandsatz".

Tibis Positionen, vor allem aber sein Ausdruck, veränderten sich mit seiner Medienpräsenz. Seine frühen Schriften trugen ausgewiesen wissenschaftliche Titel und blieben in einem akademischen Duktus. Spätere Werke zielten auf eine breite Leserschaft. Das unterscheidet ihn nicht von anderen Forschern mit Erfolg, aber auch Tibis Argumentationsmuster wurden immer polarisierender: auf der einen Seite die westliche Welt mit den Wertmerkmalen Pluralismus, Demokratie und Menschenrechten, auf der anderen Seite die islamische mit Scharia und Dschihad.

Auf politische Slogans gibt es selten Copyright

Falsche Toleranz bedeutete demnach den sicheren Untergang. Für Menschen, die Ressentiments gegen Muslime pflegten, wurde Tibi zum willkommenen Gewährsmann: Er als Muslim musste ja wissen, wie gefährlich der Islam ist.

Tibi versuchte, politisch wirksam zu werden, und forderte eine "Europäisierung des Islam statt einer Islamisierung Europas". Die CDU machte sich Tibis Begriff der "Leitkultur" zu eigen - mehrheitlich, ohne seine damit verbundenen Ideen zu absorbieren. Auf politische Slogans gibt es selten Copyrights: Tibi echauffierte sich immer wieder über die Missachtung seiner Urheberschaft. Bald darauf verkündete Tibi seine Auswanderung in die USA. Ein Schritt, den er heute bereut, der im Gedächtnis seiner Kritiker aber wohl hängen bleibt. Aus privaten Gründen wird Tibi nun wohl doch in Deutschland wohnen bleiben.

Seine wissenschaftlichen Positionen, aber auch sein zum Teil aufbrausender Stil und seine Grobheit im Umgang mit Kritik haben seine Popularität schwinden lassen. Es ist die Tragik des Falles Tibi, dass genau das, wonach er strebte - die Anerkennung als Wissenschaftler - in den medialen Debatten um seine Person in den Hintergrund rückt. Die Entwicklungen der letzten Jahre stimmen ihn traurig. Öffentlichkeit und Kollegen kann man in dieser Lage wohl nur ans Herz legen, ihn mit Fairness zu betrachten: als einen facettenreichen Menschen, als einen streitbaren und wichtigen Gelehrten, der den deutschen Islamdiskurs in den vergangenen 30 Jahren wie kein zweiter prägte.

Fabian Wagener, Magazin "Zenith - Zeitschrift für den Orient"



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