"Leitkultur"-Erfinder Bassam Tibis Blick zurück im Zorn

Mit 28 Professor in Göttingen, Harvard-Erfahrung, gefragter Nahost-Experte und Schöpfer des Begriffes "Leitkultur" - Bassam Tibi hat einen rasanten Aufstieg erlebt. Und einen tiefen Fall. Jetzt geht er in Pension. In Deutschland werde er "wie Dreck behandelt", schimpft der Politologe.

Bassam Tibi: Nimmt Abschied von der Uni
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Bassam Tibi: Nimmt Abschied von der Uni

Von Fabian Wagener


In ein paar Wochen ist Schluss. Bassam Tibi räumt nach 36 Jahren sein Büro im Institut für Politikwissenschaft der Göttinger Universität. Umzugskartons deuten auf den nahen Abschied hin. Ansonsten ist alles wie immer. Der aufgeräumte Schreibtisch in der Mitte, dahinter am Fenster das hölzerne Stehpult, Tibis eigentlicher Arbeitsplatz, wo er Ideen und Konzepte entwickelt: Euro-Islam und europäische Leitkultur. Ideen, die bis in die Diskussionszirkel der politischen Bel Etage gelangten.

Er wirkt freundlich, redselig, etwas hektisch. Vergangene Woche Indonesien, davor Marokko, zwei Bücher kurz vor der Fertigstellung. Tibi ist ein sendungsbewusster Arbeiter: "Die Krise des modernen Islams", "Der wahre Imam" oder "Krieg der Zivilisationen".

Als Akademiker dozierte Tibi in Harvard, Princeton und Berkeley. Eigentlich ein Grund, sich jetzt zurückzulehnen und Glückwünsche in Empfang zu nehmen. Aber Tibi verlässt den Ort, an dem er mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte, nicht im Frieden. Er ist enttäuscht von der Universität, den Intellektuellen, der Politik und den Medien.

"In Deutschland bin ich ausgelöscht"

"Ich weiß nicht, was in den letzten fünf Jahren passiert ist, aber in Deutschland bin ich ausgelöscht. Ich werde wie Dreck behandelt", schimpft er. Den Feuilletons wirft Tibi vor, seine Bücher zu missachten, der Politik, ihn zu meiden. Vor drei Jahren kommentierte der Präsident der Göttinger Universität die Abwicklung des - von Tibi eigens gegründeten - Fachbereichs der "Islamologie" mit den Worten: "Schwachstellen müssen ausgemerzt werden."

Auch deshalb kündigte Tibi später im "Tagesspiegel" seine Auswanderung in die USA an: "Wenn nach vierzig Jahren des Schaffens an einem modernen Islam meine Bücher als semiwissenschaftlich tituliert werden, die Kanzlerin mich von ihrem Integrationsgipfel ausschließt und der Innenminister einen verhunzten deutschen Islam dem europäischen Islam vorzieht, dann frage ich mich, was ich hier noch soll." Tibis Reputation in Deutschland scheint aufgebraucht. Sein Fall: eine Geschichte von Aufstieg und Niedergang.

Tibis Berufung zum Professor 1972 war - zumindest für deutsche Verhältnisse - eine Sensation: erst 28 Jahre alt, Schüler Adornos und Horkheimers, Marxist und dazu noch arabischer Migrant. Die linken Studenten in Göttingen jubelten. Aber schon bald distanzierte sich Tibi im offenen Streit vom Marxismus. Seine Abneigung gegen wirtschaftsdeterministische Sichtweisen zieht sich durch sein gesamtes Werk, brachte ihm aber später die Kritik ein, kulturelle Unterschiede als Konfliktursachen zu stark in den Vordergrund zu stellen.

Standardwerke zum Nahen Osten

1976 erhielt Tibi die deutsche Staatsbürgerschaft, gegen den Willen der syrischen Regierung. Mit den Einbürgerungsformularen unterzeichnete er gleichsam ein lebenslanges Einreiseverbot in das Land, in dem er die ersten 18 Jahre seines Lebens verbracht hatte, und suchte, wohl vergeblich, sein Heimatglück in der Bundesrepublik. "Ich stürzte damals in eine ziemliche Krise, da ich meine Heimat, meine Familie, meine politischen Freunde verlor", berichtet er. "Ich habe meine Identität gesucht und entdeckt, wie tief islamische Werte in mir sitzen." Tibis Hinwendung zum Islam schlug sich auch in seinem Werk nieder.

Zu Tibis Fachgebieten zählten zunächst politische Ideologien wie Panarabismus und Islamismus. Er schrieb bei Suhrkamp - für einen Sozialwissenschaftler ein Ritterschlag. Sein Buch "Vom Gottesreich zum Nationalstaat" darf bis heute in keiner Bibliographie zur politischen Geschichte des Nahen Ostens fehlen - es gilt unter Experten als "früher Tibi" und stammt aus der Zeit vor der Entfremdung. Noch heute leuchten Tibis Augen, wenn er von den achtziger Jahren, seiner "wissenschaftlich reichsten Zeit", spricht.

Doch schon damals offenbarte sich auch Tibis Neigung zur Kollegenschelte. Insbesondere die deutschen Islamwissenschaftler attackierte er, in nahezu jedem Werk, in eher streitsüchtiger Manier.



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