Studie zum Analphabetismus Millionen Menschen schaffen die Schule, ohne richtig lesen und schreiben zu können

6,2 Millionen Erwachsene haben Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben. Trotzdem haben die meisten einen Schulabschluss und einen Job. Was die neue "LEO"-Studie noch über funktionale Analphabeten verrät.

Teilnehmer eines Schreib- und Lesekurses für Erwachsene in Ingelheim am Rhein (Archivbild)
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Teilnehmer eines Schreib- und Lesekurses für Erwachsene in Ingelheim am Rhein (Archivbild)

Eine Analyse von


Als 2010 zum ersten Mal flächendeckend ermittelt wurde, wie viele Erwachsene in Deutschland nicht ausreichend lesen und schreiben können, war der Schock groß: 7,5 Millionen Menschen galten als sogenannte funktionale Analphabeten - weil ihre Lese- und Schreibkompetenz zu gering ist, um längere, zusammenhängende Texte zu verstehen.

Die Zahl ist in den vergangenen acht Jahren deutlich zurückgegangen, auf geschätzt 6,2 Millionen Betroffene. Das zeigt die am Dienstag in Berlin vorgestellte Nachfolgestudie, die Bildungsforscher der Universität Hamburg erstellt haben.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 12,1 Prozent der Erwachsenen in Deutschland (2010: 14,5 Prozent) verfügen über eine niedrige Lese- und Schreibkompetenz.
  • Männer stellen mit 58,4 Prozent die Mehrheit der gering literalisierten Erwachsenen.
  • Erwachsene über 45 Jahre machen einen großen Teil der Betroffenen aus, nämlich fast 47 Prozent.
  • Etwas mehr als die Hälfte (52,6 Prozent) der Menschen mit geringen Schriftkenntnissen haben Deutsch als ihre Herkunftssprache.

Die Daten wurden im vergangenen Jahr erhoben. Die Vermutung, dass die seit 2015 stark gestiegene Zahl der nach Deutschland geflüchteten Menschen auch die Zahl der funktionalen Analphabeten hierzulande in die Höhe getrieben habe, weisen die Forscher zurück: Statistisch wirke sich das nicht signifikant aus.

Allerdings nahmen an der Studie nur Menschen teil, die die deutsche Sprache mündlich so weit beherrschten, dass sie der Befragung folgen konnten. Zugewanderte ohne ausreichende Sprachkenntnisse sowie Geflüchtete, die in Sammelunterkünften leben, wurden nicht erfasst. Auch die Lese- und Schreibkompetenzen älterer Menschen, die in Heimen untergebracht sind, flossen in die Erhebung nicht mit ein.

Die Untersuchung legt nahe, dass geringe Schreib- und Lesekenntnisse auch auf ein Versagen des Schulsystems zurückzuführen sein könnten. 76 Prozent der funktionalen Analphabeten haben einen Schulabschluss erreicht, ohne ihre Defizite zu überwinden - der Großteil davon einen Hauptschulabschluss oder ein vergleichbares Abgangszeugnis. Rund jeder sechste sogar einen hohen Schulabschluss wie das Abitur.

Die Erwerbssituation hat sich verbessert: 62,3 Prozent der Betroffenen sind erwerbstätig, 2010 waren es noch 56,9 Prozent.

Nur gut 45 Prozent der Menschen mit Lese- und Schreibschwäche haben jedoch eine feste Anstellung. In der Gesamtbevölkerung liegt der Anteil deutlich höher: bei mehr als 60 Prozent. "Jeder zweite ist finanziell nicht in der Lage, eine Woche Urlaub außerhalb der eigenen Wohnung zu machen", sagte Studienleiterin Anke Grotlüschen.

Dafür, dass die Zahl der funktionalen Analphabeten in den vergangenen acht Jahren insgesamt gesunken ist, gibt es aus Sicht der Forscher mehrere Gründe. Dazu gehören unter anderem ein generell gestiegenes Bildungsniveau und der Trend zu höheren Schulabschlüssen.

Details zur "LEO 2018"-Studie
Welche Daten wurden ausgewertet?
Für die Studie wurden im Sommer 2018 rund 7200 Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren interviewt. Die Teilnehmer der Studie mussten ausreichend Deutsch sprechen, um einer etwa einstündigen Befragung folgen zu können.
Sind die Ergebnisse repräsentativ?
Ja, die genutzte Datenbasis lässt repräsentative Schlüsse für die untersuchten Bevölkerungsgruppen zu.
Wer war an der Studie beteiligt?
Die Leitung oblag einem Team um die Erziehungswissenschaftlerin Anke Grotlüschen von der Universität Hamburg. Die Interviews führte das Umfrageinstitut Kantar Public als computergestützte persönlich-mündliche Interviews durch. Ein wissenschaftlicher Beirat aus zwölf Professorinnen und Professoren von bundesweiten Hochschulen und Instituten begleitete die Erhebung.
Was bedeutet Alpha-Level eins bis drei?
Auf Alpha-Level eins können Betroffene höchstens einzelne Buchstaben erkennen. Das betrifft hierzulande der Studie zufolge rund 300.000 Menschen. Auf Alpha-Level drei sind Betroffene in der Lage, einzelne Sätze zu lesen und zu schreiben. Sie scheitern aber an zusammenhängenden - auch kürzeren - Texten. Solche Probleme haben 4,2 Millionen Menschen.

Den stärksten Effekt vermuten die Autoren der Studie jedoch durch eine allgemein gestiegene Erwerbsbeteiligung: Waren 2010 noch 66 Prozent der Gesamtbevölkerung berufstätig, ist der Anteil 2018 auf knapp 76 Prozent gestiegen. Offenbar funktioniere es dabei besser als noch vor einigen Jahren, Menschen mit geringer Literalität in den Arbeitsmarkt zu integrieren, vermuten die Forscher.

Generell nehmen Menschen mit Lese- und Schreibproblemen jedoch selten an gezielten Weiterbildungen zur Alphabetisierung teil. Wie oft sie die Scham davon abhält, konnten die Forscher nicht eindeutig ermitteln. Als wichtigsten Hinderungsgrund nannten die Befragten in den Interviews einen Mangel an Zeit.

Die Bildungsforscher untersuchten auch, in welchen Situationen sich die geringe Literalität am stärksten auswirkt.

  • Die Social-Media-Kommunikation funktioniere, insbesondere mit Sprachnachrichten, gut. Schwierig werde es allerdings, wenn Apps textlastig seien oder häufig schriftliche Eingaben benötigten.
  • 63 Prozent der Gesamtbevölkerung nutzen häufig Onlinebanking - bei den funktionalen Analphabeten sind es nur 40 Prozent.
  • Die Forscher kamen generell zu dem Schluss: Wird eine Funktion, wie etwa der Ticketkauf in Bus oder Bahn, digitalisiert und in eine App ausgelagert, halbiere sich die Nutzungszahl der funktionalen Analphabeten. Sie können dann nicht mehr wie zuvor am Alltagsleben teilhaben.
  • Als tägliche Zeitungsleser - auf Papier oder im Netz - bezeichnen sich 41,9 Prozent der gesamten Bevölkerung, aber nur 24 Prozent der Menschen mit Lese- und Schreibschwäche.
  • Nachrichtensendungen schauen sich täglich 60 Prozent der Befragten an - dieser Wert ist bei allen Gruppen, mit geringer wie mit hoher Grundbildung, gleich hoch. Erhebliche Unterschiede gibt es jedoch bei der Frage, ob die Menschen über diese Nachrichten auch mit anderen reden: In der Gesamtbevölkerung tun das 60 Prozent, bei den funktionalen Analphabeten nur 30 Prozent.

Die Zahlen zeigten, dass unzureichende Lese- und Schreibkenntnisse die Gefahr erhöhten, dass die Betroffenen "abgekoppelt" werden, sagen die Forscher. Forderungen, wie Gesellschaft und Bildungseinrichtungen auf die neuen Erkenntnisse reagieren sollen, erheben sie jedoch ausdrücklich nicht. Das sei jetzt Sache der Politik.

Immerhin: Die seit 2016 laufende "Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung" sei eine wichtige Maßnahme, um das Thema in die Mitte der Gesellschaft zu holen. In diesem Rahmen fördert das Bundesbildungsministerium Infokampagnen, Studien und die Entwicklung neuer Projekte zur Alphabetisierung bis 2026 mit insgesamt 180 Millionen Euro.

Warum Menschen in der Schule nicht richtig lesen und schreiben lernen, und wie es ihnen später damit geht, lesen Sie hier und hier.



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
tinosaurus 07.05.2019
1. Ungebreiflich
Ich kann es nicht nachvollziehen, dass jemand ein Abitur schaffen kann, ohne die deutsche Sprache, oder zumindest die grobe Rechtschreibung zu beherrschen.
Mark8839 07.05.2019
2.
Hat die Studie auch eine Theorie dazu, wie man einen Abschluss schaffen kann, insb Abitur, inkl schriftliche Abschlussprüfungen etc, ohne richtig lesen/schreiben zu können?
rolz-reus 07.05.2019
3. Könnte die Ursache nicht ganz woanders liegen?
Nämlich bei einem Thema, über welches in Deutschland nur eine Hand voll Menschen informiert ist, das in den Vereinigten Staaten aber schon groß an Fachuniversitäten erforscht und behandelt wird? Die Konvergenzinsuffizienz.
AdK 07.05.2019
4.
Ich sollte mir sorgen machen. Meine Mittlere Reife habe ich damals nur mit viel gutem Willen meiner Lehrer bestanden. Mag an Faulheit gelegen haben, aber Hut ab wer als Analphabet das Abi schafft.
im_ernst_56 07.05.2019
5. Abi als funktionaler Analphabet
Das wundert mich nicht. Ein Vorstandsvorsitzender einer Kassenärztlichen Vereinigung sagte vor ca. 30 Jahren, viele Kassenärzte seien funktionale Analphabeten. Das war natürlich ironisch überzeichnet, aber wie in jeder ironischen Anmerkung steckte wohl ein Körnchen Wahrheit drin.
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