Konzernmanager als Kriegsfotograf Urlaub an der Front

Statt nach Thailand oder Mallorca reist Johannes Müller nach Afghanistan und in den Irak. Der Abteilungsleiter ist Hobby-Kriegsfotograf. 15.000 Euro kostet ihn ein Drei-Wochen-Trip an die IS-Front.

Johannes Müller

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Wo das linke Auge der Frau war, ist nur noch ein Loch. Tiefe Falten graben sich durch ihr Gesicht, überziehen es wie ein Spinnennetz. Sie könnte 90 Jahre alt sein, vielleicht aber auch erst 60. Ihr Antlitz verrät mehr über das, was sie durchgemacht hat, als über ihr Alter.

Johannes Müller hat sie im Irak fotografiert. Er war dabei, als irakisch-kurdische Peschmerga ihr Dorf von Kämpfern des "Islamischen Staats" (IS) zurückerobert haben.

Der 41-Jährige leitet das internationale Marketing von Bosch Hausgeräte in München. In seiner Freizeit ist er Kriegsfotograf. Dreimal war er in den vergangenen sechs Jahren in Afghanistan. Er hat Soldaten der Bundeswehr und der US-Armee begleitet, im September und Oktober war er mit Kämpfern der Peschmerga im Irak unterwegs. Jeweils für ein paar Wochen, so lange der Urlaub reicht.

Urlaub und Krieg, dafür kennt der Duden nur ein Wort: Fronturlaub. Es verspricht Soldaten, dem Krieg zu entkommen, für ein paar Wochen. Aber Müller macht nicht Urlaub von der Front, er macht Urlaub an der Front. Ohne Reisekrankenversicherung, denn die gibt es für solche Vorhaben nicht. Für den Notfall hat er Geld auf einem Treuhandkonto geparkt, ein Freund aus München könnte damit den Rücktransport nach Deutschland organisieren. Theoretisch zumindest.

7849 Fotos hat Müller von den Irakreisen mitgebracht. 50 hat er für seine Ausstellung auf bis zu 90 mal 60 Zentimeter große Hartschaumplatten drucken lassen. Die Hälfte sind Porträts, vor allem von Kindern. Ihre Haare sind staubig und strubbelig, ihre Kleidung verschlissen. Aber sie lächeln. "Traces of Hope", Spuren der Hoffnung, verspricht der Titel der Schau.

Es ist Müllers siebte in Deutschland, in einer kleinen Münchner Galerie im gediegenen Stadtteil Lehel. Zwei Räume, sieben Wände. Bis vor zwei Tagen hing dort, wo jetzt das Foto der einäugigen Irakerin hängt, eine rot-gelbe Kuh in Acryl. Darunter ein geschnitztes Huhn auf einem Heuballen.

Fotostrecke

24  Bilder
Hobby-Kriegsfotograf: Raus aus dem Büro, ab an die Front

Drei Stunden und 45 Minuten dauert der Linienflug von Wien nach Arbil, Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Er kostet so viel wie ein Flug nach Australien: um die 1000 Euro.

Wenige Dutzend Kilometer von Arbil entfernt haben die Peschmerga eine Verteidigungslinie gegen die Dschihadisten des IS aufgebaut. Unterstützt werden sie durch Luftangriffe der internationalen Allianz, am Boden stehen sie allein gegen die Islamisten - mit Gewehren, Pistolen und Panzerfäusten aus Deutschland. 12.000 Kurden hat die Bundeswehr bislang ausgebildet, 150 deutsche Soldaten sind in Arbil stationiert. An die Front fahren sie nicht.

350 Euro pro Tag verlangte Müllers Kontaktmann, um ihn dorthin zu bringen. Zusammengerechnet hat der Münchner 15.000 Euro für seine beiden Reisen im Herbst gezahlt. 15.000 Euro für drei Wochen Krieg.

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Warum tut er sich das an? Mit dieser Frage eröffnet die Galeristin die Vernissage. Etwa 100 Menschen sind gekommen. Freunde, Arbeitskollegen, sogar Müllers Chef. Sie stehen bis draußen auf dem Bürgersteig.

"Ich bin kein Adrenalinjunkie", sagt Müller und nimmt den Vorwurf vorweg, bevor er ausgesprochen werden kann. Abenteuerlustig, das sei er schon. Aber eigentlich eher "risikoavers".

Ein kurzer Kick, dann folgt der Kater

Klar, der Kick bleibe nicht aus. Er fühle sich sehr lebendig an der Front, nehme alles viel intensiver wahr. Aber für jede Minute dieses Gefühls müsse er am Abend büßen. Er bekomme rasende Kopfschmerzen, könne nicht schlafen, fühle sich "körperlich schlecht". "Adrenalin-Kater" nennt er das. "Ich würde gern darauf verzichten."

In der Galerie rücken alle näher zusammen, damit die Nachzügler noch hineinpassen. Füße scharren, Weingläser klirren.

Er interessiere sich brennend für Außen- und Sicherheitspolitik, sagt Müller. Außerdem liebe er die Reportage-Fotografie. "Das hat was von Jagen und Sammeln. Den Augenblick gibt es genau ein Mal. Wenn man es da verkackt mit der Blende oder der Verschlusszeit, hat man Pech gehabt."

Einige Vernissage-Besucher nicken. Verpasste Fotochancen, das kennen sie. Prost!

Die fröhliche Menschenmenge bildet einen merkwürdigen Kontrast zu den düsteren Bildern. Als Müller auf die Frage, wie er es denn als Privatperson überhaupt an die Front schaffe, antwortet, er sei halt "ein total netter Typ", fällt die letzte Anspannung ab. Man ist ja hier, um einen schönen Abend zu haben.

Menschen sichtbar machen

Es ist diese Ignoranz, die auch hier im Raum spürbar ist, die Müller antreibt. Er finde es erschreckend, wie selbst intelligente Menschen unreflektiert gegen Flüchtlinge hetzen, sagt er später, als nicht mehr alle zuhören. Er sei es leid, Empathie durch Likes auf Facebook zu heucheln. "Nichts ist so viel wert, wie selber dort gewesen zu sein."

Für die, die nicht hinkönnen oder wollen, bringe er seine Fotos mit. Als Beweis, dass es überall Menschen gibt, die in Frieden leben wollen, die an das Gute glauben und sich dafür einsetzen. Als Beweis dafür, dass es überall "Zeichen der Hoffnung gibt", wie er sagt. Die Fotos seien seine Art, Menschen sichtbar zu machen, die sonst ignoriert würden.

Hätten die 15.000 Euro nicht mehr bewegt, wenn er sie an eine Hilfsorganisation gespendet hätte?

Müller überlegt kurz, dann sagte er: "Man kann nicht alles in Effizienz und Effektivität messen. Eine Gesellschaft, die das macht, kann keine Empathie mehr zeigen." Davor habe er Angst.

Doch in seinem Job geht es genau darum: So effizient und effektiv wie möglich Geschirrspüler, Staubsauger, Waschmaschinen oder Herde zu verkaufen. Menschen einzureden, dass sie immer neuen Schnickschnack brauchen. Einen Trockner mit "Selfcleaning Condenser". Einen Kühlschrank mit "VitaFresh Frischesystem".

18 Mitarbeiter gehören zu seinem Marketingteam. Sie sagen, er sei jemand, der immer 200 Prozent gibt. Der alle anderen abhängt, im Job, aber auch beim Gitarre spielen. Und beim Fotografieren.

Im Video: Johannes Müller zeigt sein Lieblingsbild

Johannes Müller

Manchmal rasen ihm die Bilder durch den Kopf, die er nicht mit der Kamera hat einfangen können. Mitten im Gespräch sieht er sie, dort, wo gerade die Münchner Straßenbahn vorbeifährt. Er sagt dann nichts, stumm füllen sich seine Augen mit Tränen. Im nächsten Moment sind sie wieder weg.

2011 bewarb er sich beim Pressebüro der internationalen Schutztruppe Isaf in Kabul als "Embedded Journalist", unterstützt von einer kleinen Wochenzeitung aus Stuttgart mit dem Namen "Good News", gute Neuigkeiten. Die wolle er in Afghanistan suchen, schrieb er - und wurde akkreditiert. Seither stehen ihm viele Panzertüren offen.

Einen Presseausweis hat er noch immer. Die Teilnahme am Journalistenlehrgang der Bundeswehr zum "Schutz und Verhalten in Krisenregionen" wurde ihm trotzdem verwehrt: Er sei ja kein Journalist. Auch er sieht das so.

"Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache." Jeder Journalistenschüler kennt den Satz von Hanns Joachim Friedrichs. Es ist ein umstrittener Satz. Dürfen Journalisten sich für Frieden, für Abrüstung oder Gleichberechtigung engagieren? Wo verläuft die Grenze?

Pathos und Propaganda

Für Johannes Müller stellt sich diese Frage nicht. Er unterstützt die Peschmerga. Sie sind für ihn die Guten in diesem Krieg, in dem jeder gegen jeden zu kämpfen scheint.

In Arbil hat er Juden, Christen und Moslems getroffen, Frauen ohne Kopftuch, Menschen, die sich nicht für Religion interessieren. Die morgens in einer Bäckerei arbeiten und abends auf Dschihadisten schießen. Das hat ihn beeindruckt, und das sieht man an seiner Bildsprache.

Die Soldatinnen des berühmten Frauen-Bataillons der Peschmerga setzt er in Szene wie Amazonen, mit wehendem Haar und Kalaschnikow. Für ein YouTube-Video hat er seine Bilder zu einer Slideshow montiert, mit dramatischer Musik und bedeutungsschwangeren Texttafeln: "Furchtlos" und "stark" kämpften die Peschmerga gegen "das Elend". Eine Hommage an die irakischen Kurden. Aber auch: ein Propagandafilm für die Streitkräfte der Autonomen Region Kurdistan.

Das Wort Propaganda hört Müller nicht gern. Er bezeichnet sich lieber als Fürsprecher. "Ich bin subjektiv, meine Fotos sind subjektiv", sagt er.

Die Einnahmen aus der Ausstellung will er an eine Hilfsorganisation spenden - wenn es denn welche geben sollte. 280 Euro kostet ein Foto als Großbild, kleinere Formate gibt es für 130 Euro. Aber wer hängt sich ein Kriegsbild an die Wand?

Das wird zu späterer Stunde heftig diskutiert. Drei wollen tatsächlich ein Kinderporträt kaufen. "Das erdet", sagt ein Mann. "Da sieht man mal, wie gut es einem geht."

Für Müller war allein dieser Satz die Reise wert.

Die Ausstellung "Traces of Hope" ist noch bis zum 7. Februar in der Galerie am Maxmonument in München zu sehen.



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