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Wut der Doktoranden Schafft die Stipendien ab!

Doktoranden werfen der Max-Planck-Gesellschaft vor, Nachwuchswissenschaftler mit Stipendien abzuspeisen - und ihnen Sozialleistungen vorzuenthalten. Sie fordern Arbeitsverträge statt Fördergeld. Droht ein Aufstand der Jungforscher?
Von Britta Mersch
Laborantin: Stipendium oder Arbeitsvertrag - was ist besser?

Laborantin: Stipendium oder Arbeitsvertrag - was ist besser?

Foto: Corbis

Für viele Nachwuchswissenschaftler fühlt es sich an wie eine Zweiklassengesellschaft: Rund 5300 Doktoranden schreiben an einem der 80 Max-Planck-Institute an ihrer Doktorarbeit - etwa 2000 von ihnen haben eine bezahlte Stelle, die anderen 3300 finanzieren sich über ein Stipendium. Zwischen 1000 und 1365 Euro bekommen die Stipendiaten, das klingt zunächst nach einer wunderbaren Finanzspritze.

Doch diese Art der Förderung hat auch Nachteile: Die Doktoranden zahlen während ihrer Promotion weder in die Renten- noch in die Pflegeversicherung ein. Eine Krankenversicherung müssen sie selbst abschließen, ebenso eine Haftpflichtversicherung. Kosten, die am Jahresende mehrere hundert Euro ausmachen.

Mit dem Modell spare das Max-Planck-Institut zudem viel Geld, so jedenfalls lautet der Vorwurf von einigen Doktoranden, die anonym bleiben möchten. Denn für die Promovierenden mit Stipendium muss das Institut auch keine Sozialabgaben zahlen. Es fallen also keine Kosten für die Kranken-, Renten- und Pflegeversicherung an, die Arbeitgeber für reguläre Arbeitnehmer zahlen müssen.

Im Alltag und bei der Arbeitsbelastung dagegen fällt die Trennlinie zwischen Stipendiaten und Angestellten offenbar nicht ganz so eindeutig aus. Offiziell sollen die Stipendiaten nicht in Institutsarbeiten eingebunden werden. Doch eine Studie des PhD-Netzwerks der Max-Planck-Doktoranden von 2009 zeigt: Der Anteil der Arbeiten, die die Stipendiaten außerhalb ihrer Doktorarbeit übernehmen, liegt zwischen 8 und 14 Prozent - und ist damit fast genauso hoch wie bei den Doktoranden, die einen Arbeitsvertrag an einem Max-Planck-Institut haben.

Doktoranden befürchten, dass Stipendien Stellen ersetzen könnten

Probleme, die die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) nicht sieht: "Stipendiaten haben eine andere Rolle als Doktoranden mit Fördervertrag", sagt Anke Soemer, die sich bei der MPG um den wissenschaftlichen Nachwuchs kümmert. Die unterschiedlichen Aufgaben der Doktoranden seien eindeutig definiert: "Stipendiaten arbeiten weisungsfrei. Doktoranden mit Vertrag dagegen übernehmen auch Aufgaben am Institut." Allerdings könne es schon passieren, dass die Stipendiaten auch mal mit anpacken müssten: "In einem Labor arbeiteten 50 bis 60 Nachwuchswissenschaftler", sagt Soemer, "ein Stipendiat muss selbstverständlich die Betreuung für ein Gerät übernehmen."

Doktoranden beobachten aber, dass immer mehr Stipendien vergeben werden. Sie befürchten, dass Stellen deswegen wegfallen könnten: "Die Praxis mit den Stipendien ufert im Moment aus", sagt ein Postdoc. Probleme bekämen Doktoranden auch, wenn sie später auf eine Stelle wechseln wollten und in die Stufen eines Tarifvertrages des Öffentlichen Dienstes eingegliedert werden müssten. Denn die Stipendienjahre werden nicht anerkannt: "Die Stipendien müssen deshalb abgebaut werden", sagt der Postdoc, "am besten wäre, man schaffte sie ab."

Aus Sicht der Max-Planck-Gesellschaft sind die Stipendien hingegen ein Gewinn für die Nachwuchsforscher, vor allem für ausländische, die immerhin die Hälfte aller Doktoranden ausmachen: "Viele wissen nicht, ob sie nach ihrer Promotion überhaupt in Deutschland bleiben", sagt Anke Soemer, "für sie rentiert sich ein Stipendium mehr." In den vergangenen Jahren sei außerdem nachgebessert worden: So gibt es inzwischen einen Krankenkassenzuschuss von 100 Euro, außerdem eine Kinderzulage von 400 Euro für das erste und von 100 Euro für jedes weitere Kind.

Auch bei den Verträgen gibt es Kritik

Auch Dorothea Hämmerer, Mitautorin der Studie und Postdoc am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin, sieht die Stipendien nicht ganz so kritisch. Für viele Doktoranden seien sie eine gute Möglichkeit der Finanzierung: "Allerdings sollten mit den Doktoranden schon zu Beginn der Promotion die Vor- und Nachteile intensiver abgewogen werden", sagt Hämmerer, "viele Doktoranden werden bei der Einstellung nicht ausreichend über die Unterschiede informiert." Hätten sie die Wahl, entschieden sich die meisten aber für einen Vertrag.

An diesem Mittwoch befasst sich der Bundestag mit der Situation des wissenschaftlichen Nachwuchses. Dabei sein wird auch Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. "Wir beobachten generell den Trend, dass Arbeiten auf Stipendiaten übertragen werden", kritisiert er, "eine Praxis, die mit diesem Fördermodell nicht vereinbar ist." Insgesamt müssten Doktoranden gut abgesichert sein. "Eine tariflich geregelte und sozialversicherungspflichtige Stelle ist immer die bessere Alternative", sagt Keller.

Doch auch bei den Verträgen liegt vieles im Argen: Nachwuchsforscher berichten von prekären Beschäftigungsverhältnissen, von immer neuen Befristungen etwa und von Vollzeitarbeit bei halber Bezahlung. "Jeder hat einen anderen Vertrag, immer wird etwas anderes ausgehandelt", sagt ein Doktorand eines Max-Planck-Instituts, der ebenfalls anonym bleiben möchte. Die Direktoren der Institute hätten zu viele Freiheiten in ihren Entscheidungen: "Sie betrachten die Institute wie kleine Fürstentümer." Das Thema anzusprechen, trauen sich aber die meisten nicht: "Schließlich ist der Chef ja auch derjenige, der später die Promotion begutachtet", so der Doktorand.