Ehemaliger Basejumper "Vor dem Schlafengehen habe ich einen Blick auf die Todesliste geworfen"

Extremsportler riskieren oft ihr Leben - so wie die tödlich verunglückten Bergsteiger David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley. Ex-Basejumper Maximilian Werndl erklärt, was die Szene antreibt.

Maximilian Werndl
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Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Werndl, vor wenigen Tagen sind die Weltklasse-Bergsteiger David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley bei einer Tour in Kanada tödlich verunglückt. Ihre Route galt als sehr gefährlich. Warum fällt es Extremsportlern so schwer aufzuhören?

Werndl: Extremsport ist wie eine Sucht. Das ist wie bei einem Alkoholiker, der mit dem Trinken aufhören will - aber nicht von jetzt auf gleich die Flasche wegstellen kann. Auch ich wusste, dass Basejumpen falsch war. Aber der Sport war für mich so wichtig, dass ich mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen konnte.

Zur Person
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    Maximilian Werndl, 31, ist studierter Bauingenieur und arbeitet bis heute in dem Beruf. 2013 absolvierte er seinen ersten Sprung, mehrere Hundert weitere Basejumps folgten. 2016 entschied Werndl, diesem Sport den Rücken zu kehren - bis zu seinem letzten Sprung verging noch ein weiteres Jahr.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Werndl: Basejumper, Motorradrennfahrer, Apnoetaucher oder Klippenspringer sind alle dem Gefühl der maximalen Gegenwärtigkeit verfallen. Sie suchen Momente, in denen sie komplett abschalten können. Das habe ich als Basejumper auch bei meinen Sprüngen erlebt: Nichts ist dann noch da. Alles, was gerade noch wichtig war, worüber ich mir vielleicht Sorgen gemacht habe, ist weg. Das ist wie ein Katapult, das einen ins Jetzt schleudert.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich vor zwei Jahren dazu entschieden, mit dem Basejumpen aufzuhören. Wie ist Ihnen das gelungen?

Werndl: Ich hatte schon ein Jahr zuvor beschlossen, wann mein letzter Sprung sein sollte. Ich musste zuerst innerlich damit abschließen, bevor ich tatsächlich aufhören konnte.

SPIEGEL ONLINE: Wann haben Sie sich dazu entschieden aufzuhören?

Werndl: Vor dem Schlafengehen habe ich damals immer einen Blick auf die Todesliste der Basejumper geworfen, die kann man online abrufen. Nachts bin ich dann oft schweißgebadet aufgewacht. Ich habe geträumt, dass ich gegen einen Felsen oder auf den Boden pralle. Aber vom Weitermachen konnte mich das und selbst der Tod von Kollegen und engen Freunden nicht abhalten. In den vier Jahren, in denen ich den Sport betrieben habe, sind 117 Basejumper tödlich verunglückt - von möglicherweise insgesamt 300 bis 400, die der Szene weltweit angehören.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie denn damit umgegangen?

Werndl: Ich habe das einfach weggewischt, gefühlt habe ich damals nichts mehr.

SPIEGEL ONLINE: Bis zu einem gewissen Moment?

Werndl: Ja, ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Bei einem Sprung sind wir zu dritt oben los und zu zweit unten angekommen, das war im Sommer 2016. Später erfuhren wir, dass der Dritte mit einem Felsen kollidiert war, er war sofort tot. Es gibt nur einen Ausgang bei diesem Sport. Während ich mich nach dem Sprung noch sortierte, kam mein Kollege zu mir rüber und sagte mir, dass die Bergung wohl um die 40 Minuten dauern würde. Ob wir uns in einer Stunde wieder oben am Absprung treffen sollten, um erneut zu springen? Da habe ich gemerkt, wie sehr einen dieser Sport abstumpfen lässt.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie jemand dabei unterstützt aufzuhören?

Werndl: Ich habe einen Coach aufgesucht. Ich war damals extrem unzufrieden mit mir, meinem Job, meinem Körper, meiner Freundin. Ich wollte immer etwas noch Besseres. Nur das Basejumpen ließ mich diese Gefühle vergessen. Der Coach half mir, das aufzuarbeiten und zu verstehen, woher meine Unzufriedenheit kommt: aus meinem Inneren. Schließlich gab es nichts mehr, wovor ich flüchten wollte. Ich verspürte keinen Druck mehr zu springen.

SPIEGEL ONLINE: Vermissen Sie den Sport nicht?

Werndl: Ich träume hin und wieder davon, ja. Wenn ich an Felswänden vorbeifahre, denke ich auch heute noch darüber nach: Wären die springbar? Ich überlege zum Beispiel, wo ein guter Punkt für den Absprung wäre. Dieses Gefühl wird mich wohl nie wieder loslassen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie versucht, andere Extremsportler zum Aufhören zu überreden?

Werndl: Ich habe mit vielen darüber gesprochen. Manche reagieren darauf richtig aggressiv. Aber ich bin sicher, dass ich bei allen etwas ausgelöst habe. Natürlich fliegt nicht sofort der Schalter um und ein Basejumper sagt: Stimmt, du hast recht, ich höre auf. Einige haben mich aber später noch mal angerufen und zum Beispiel gesagt, dass sie jetzt noch nicht aufhören können. Bei manchen wird es einfach noch etwas dauern. Ich hoffe, dass ihnen genug Zeit bleibt, die richtige Entscheidung zu treffen.

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