Medizin-Studienreform Krankenbett als Nadelöhr

In Deutschland gibt es zu viele Ärzte - einer der Gründe für die steigenden Gesundheitskosten. Durch eine Reform des Studiums will die Regierung die Zahl der Doktoren verringern.


Medizinstudenten mit Anatomiepuppe: Rabiate "Verteilungskämpfe"
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Medizinstudenten mit Anatomiepuppe: Rabiate "Verteilungskämpfe"

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chweden, Franzosen und Italiener haben es besser: Sie wenden weniger Geld für die Gesundheit auf, ernähren weniger Mediziner ­ und leben trotzdem länger als die Deutschen.

Die Annahme, immer mehr Ärzte bedeuteten eine immer bessere gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung, ist offenkundig falsch. Fest steht nur: Alles wird dadurch teurer. Ein größeres Angebot sorgt selber für größere Nachfrage.

Die Krankenkassen schätzen, dass jeder berufstätige Mediziner jedes Jahr rund eine Million Mark kostet ­ er verarztet Menschen mit Bagatellleiden, verordnet Brillen, Bruchbänder und Badekuren, und sein eigenes Honorar bezieht er auch von der Solidargemeinschaft.

Etablierte Mediziner warnen gern vor der "Ärzteschwemme"

In Deutschland gibt es gegenwärtig 294 676 berufstätige Ärzte (Stand: Ende 2000), das sind doppelt so viele wie vor 25 Jahren und viermal mehr als 1950. Die unaufhaltsame Zunahme der Weißkittel nennen die bereits praktizierenden Mediziner "Ärzteschwemme" ­ und es graust ihnen davor, denn mit jedem Neuling droht die Gefahr der Honorareinbuße.

Seit es arbeitslose Ärzte gibt und nun sogar in jeder Nische der Psychiatrie, Umweltmedizin und Geriatrie ein Medikus sitzt, finden auch die Gesundheitsminister der Bundesländer, dass die "Bestallung als Arzt", die Approbation, seltener erteilt werden sollte. Wenn das gelänge, würden die überbordenden Kosten des Gesundheitswesens zumindest an einer ihrer Quellen gedämpft werden. So sieht das neuerdings auch Gerhard Schröder.

Zur "Auftaktkonferenz zur Ärzteausbildung" am Montag in Berlin hat der Kanzler deshalb Gesundheitsministerin Ulla Schmidt und Bildungsministerin Edelgard Bulmahn geschickt ­ beide gelernte Pädagoginnen, spezialisiert auf den Umgang mit schwer Erziehbaren. Mit von der Partie ist auch Jörg-Dietrich Hoppe, Präsident der Bundesärztekammer. Ihm liegt besonders die Befriedigung der rabiaten innerärztlichen "Verteilungskämpfe" am Herzen.

"Reformbedarf aktuell: Zukunft Medizinstudium" heißt Schröders Devise zum Wochenbeginn. Die Zukunft hat gut Weile: Seit 1997 schmort die Novellierung der Approbationsordnung, vom CSU-Gesundheitsminister Horst Seehofer seinerzeit durch das Parlament gebracht, im Bundesrat. Die Verordnung sieht vor, dass

  • die Ausbildung der Medizinstudenten praxisnäher am Krankenbett erfolgt,
  • dadurch die einzelnen Fächer neu gewichtet und
  • die staatlichen Prüfungen vermindert und von ihrer Theorielastigkeit befreit werden sollen.
Ein solches Programm wird schon seit 1972 diskutiert. Es findet, parteiübergreifend, die Billigung aller Gesundheitsminister der Bundesländer, der Ärztekammern und der Studenten. Nur die Wissenschafts- und Kultusminister leisten ­ ebenfalls parteiübergreifend ­ seit Jahrzehnten hinhaltend und erfolgreich Widerstand.

Dafür werden von der Ministerialbürokratie edle Motive ins Feld geführt: Die geplante Reform verringere wegen der intensiven Ausbildung am Krankenbett die Zahl der Medizinstudenten; ein solches Nadelöhr sei mit der grundgesetzlich garantierten Freiheit der Wissenschaft und Berufswahl nicht zu vereinbaren. Außerdem bringe die Reform Stellenpläne und Kapazitätsverordnungen durcheinander, und die Neugewichtung der medizinischen Fächer ­ Weniger Anatomie? Mehr Psychosomatik? ­ sei strittig.

DER SPIEGEL
Weil Bildung verfassungsgemäß Ländersache ist, haben die teuren Universitäten ­ jeder Medizinstudent muss rechnerisch mit 48.700 Mark "Grundmitteln" ausgestattet werden ­ Lobbyisten in jedem Bundesland: Nordrhein-Westfalen will seine neuen medizinischen "Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten" (Ärztespott) in Bochum, Essen oder Aachen nicht antasten lassen; die östlichen Bundesländer kämpfen um marode oder skurrile Standorte wie Greifswald und Magdeburg; Bayern und Baden-Württemberg, deren medizinische Pflanzstätten in München, Heidelberg und Freiburg zu den Kronjuwelen dieser Länder gerechnet werden, könnten sich "Gesundschrumpfen" nur als Therapie für nördliche Universitäten vorstellen.

Die Idee des CSU-Mannes Seehofer, mittels der neuen Approbationsordnung die Zahl der Neuanfänger von jährlich rund 10.000 auf 8000 zu senken ­ gebraucht werden nach Schätzung von Gesundheitsexperten allenfalls 6000 ­, ist auch mit Schröders Pressing-Power nicht durchzusetzen.

Im Vorfeld der "Auftaktkonferenz" haben sich deshalb die Gesundheitsminister Schmidt und die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan, derzeit Vorsitzende der Kultusministerkonferenz und zugleich einflussreiche CDU-Vizechefin, auf einen Kompromiss geeinigt: zehn Prozent weniger Medizinstudenten in Deutschland.

Erreicht werden soll dies durch eine trickreiche Feinabstimmung der studentischen Gruppengrößen am Krankenbett und der vorgeschriebenen Stunden ihrer Anwesenheit. Fernziel der Reform ist eine "monetäre Steuerung" der Stellenpläne: Für die akademische Lehre in der Theorie ("Vorklinik") und Praxis ("Klinik") sollen nach und nach weniger Dozenten engagiert werden.

Medizinerprüfungen sind so schwer, dass sogar ein berufstätiger Arzt sie nicht bestehen kann

Die alte Vorstellung, man könne Medizinstudenten in nennenswerter Zahl "herausprüfen", ist hingegen ad acta gelegt. Das klappt nicht ­ selbst dann nicht, wenn alle Studiosi am selben Tag zur gleichen Stunde die Computerbögen des "Multiple- choice"-Verfahrens beantworten müssen. Diese Prüfungen sind so schwer, dass sogar ein tüchtiger berufstätiger Arzt mittleren Alters sie nicht bestehen kann.

Der "multiple Scheiß", wie die Studenten spotten, soll deshalb deutlich reduziert werden. An seine Stelle werden universitätseigene Zwischenprüfungen treten. Auch diese Neuerung hat nicht nur Fürsprecher: Zahlreiche süddeutsche Universitäten haben sich alljährlich über das gute Abschneiden ihrer Studenten beim innerdeutschen Prüfungswettbewerb gefreut, während in Bochum, Frankfurt am Main und Halle lange Gesichter zu sehen waren.

Wenn alle Beteiligten gutwillig mitspielen, kann die Reform der Ärzteausbildung noch in diesem Herbst Gesetz werden. Sie beginnt jedoch erst ab 2003 zu wirken, denn man muss den Universitäten für die Umstellung Übergangsfristen einräumen. Mit weniger, dafür aber besser ausgebildeten Ärzten ist erst im Jahr 2009 zu rechnen.

Das uralte Ziel ­ schon Ärztevater Hippokrates wollte weniger, aber bessere Mediziner ­ will auch Seehofer weiterhin fördern. Ihn wurmt, dass der Kanzler sich mit seinen Federn schmücken könnte. Rasch will der CSU-Mann deshalb die von ihm konzipierte Verordnung als Gesetz in den Bundestag einbringen, inklusive einer Zusicherung, die den Universitäten die bisherige Höhe der Zuschüsse garantiert. Seehofer: "An der Medizinerausbildung darf nicht gespart werden."

Ob sich also Schröder oder Seehofer die Feder des erfolgreichen Medizinreformers an den Hut stecken darf, ist vorerst ungewiss.

HANS HALTER



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