Merkwürdige Berufung Eine Uni als Verschiebebahnhof

Die Berufung eines neuen Professors kann sich Jahre hinziehen. Manchmal aber geht es auch ganz schnell - wenn ein Bundesministerium einen Abstellplatz für einen hohen Beamten braucht, ein Land und eine Uni mitspielen. Ein Lehrstück über den rheinischen Klüngel.

Von Hermann Horstkotte


Universität Bonn: Galopper des Jahres?
DDP

Universität Bonn: Galopper des Jahres?

Die deutschen Hochschulen sollen sparen, sparen, sparen - da grenzt ein Gegenbeispiel, das die Uni Bonn gibt, fast ans Wunderbare. Das Rektorat bot jüngst von sich aus der "Fachgruppe Pharmazie" einen Lehrstuhl an, für "Drug Regulatory Affairs", die amtliche Zulassung von Medikamenten. Die Professur ist einmalig in ganz Deutschland. "Wir selber hätten es gar nicht für realistisch gehalten, über Beschlüsse der Fachgruppe und unserer Fakultät darum förmlich nachzusuchen", erklärt der Fachgruppenvorsitzende Bernd Wiedemann gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Jetzt aber sind wir sehr froh." Der neue Kollege soll hauptsächlich einen Weiterbildungsstudiengang für Berufspraktiker aus der Pharmaindustrie und Gesundheitsbehörden leiten, der freitags und samstags für knapp fünfzig Teilnehmer stattfindet.

Kürzlich lief die Stellenausschreibung ab, nach einer Bewerbungsfrist von nur sieben Wochen, die demnächst wohl ins Guinness Buch der Rekorde kommt. Schon zwei Tage später war die Berufungskommission sich im Klaren, wer zum Probevortrag im Sommersemester eingeladen wird. "Wir arbeiten eben effizient", kommentiert der Vorsitzende Wiedemann die Auswahl im Schnellverfahren.

Die Medaille hat eine Kehrseite. Kenner der Pharmaszene sagen, die Anforderungen in der Stellenausschreibung seien so speziell, dass nur noch der Hinweis fehle: "Der Bewerber muss den Vornamen Harald tragen." Gemeint ist damit Harald Schweim, der Präsident des in Bonn ansässigen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Was in der Apotheke rezeptpflichtig verkauft wird, muss vorher den Segen dieses Instituts haben. Die damalige Grünen-Gesundheitsministerin Andrea Fischer hatte Schweim im Jahr 2000 ins Amt gehoben - auf einen Schleudersitz.

Vorläufig geparkt als internationaler Beauftragter

Denn seit dem Umzug von Berlin nach Bonn ab 1999, den viele Wissenschaftler nicht mitmachten, leidet die Arbeit des Instituts. Es musste die in solchen Fällen üblichen "Therapien" über sich ergehen lassen: Im vorigen Jahr wurde der Bundesrechnungshof eingeschaltet, der nach Geldverschwendung fahndet. Zwei Unternehmensberatungen, die immer Optimierungsmöglichkeiten entdecken, gaben kluge Ratschläge. Der Wissenschaftsrat, das höchste Gremium zur Politikberatung im Lande, untersuchte die Forschungsqualität und wird sich bislang nicht über ein abschließendes Urteil einig.

Am Härtetest für das Institut und seinen Chef beteiligte sich zudem eine Kommission des Bundesgesundheitsministeriums. Aus deren Bericht zitiert der Hintergrund-"Dienst für Gesellschaftspolitik": "Die personelle Besetzung von Schlüsselpositionen auf allen relevanten Ebenen wird zu überprüfen sein." Das nennt man eine Blattschussvorlage für die personelle Erneuerung. "Ab 15.3. haben wir Schweim eine neue Funktion übertragen, er ist jetzt unser Beauftragter für internationale Fragen der Arzneimittelqualität, zunächst für sechs Monate", bestätigt eine Ministeriumssprecherin SPIEGEL ONLINE.

Im selben Zeitraum gehen - wie der Zufall so spielt - auch die Probevorträge für die Universitätsprofessur über die Bühne, Schweim ist einer von fünf Eingeladenen. Wie informierte Pharmakreise angeben, liege den Mitgliedern der Berufungskommission ein Vermerk vor, wonach die Stelle auf eine Anregung des Bundesgesundheitsministeriums zurückgehe. Sie gehört aber (haushalts)planmäßig dem Landeswissenschaftsministerium. In dem Zusammenhang soll die Amtsspitze aus Düsseldorf das Bonner Rektorat mit der nötigen Unverbindlichkeit auf eine wünschenswerte neue Verwendung für den BfArM-Präsidenten aufmerksam gemacht haben - ein Hinweis, der dann gezielt bis in die Fachgruppe Pharmazie durchgesickert sei.

Alles nur "Gerüchte"?

Ein mögliches Zusammenspiel zwischen dem Landeswissenschafts- und Bundesgesundheitsministerium kann nicht verblüffen: Die beiden Ministerinnen Hannelore Kraft und Ulla Schmidt sind Parteifreundinnen aus dem selben SPD-Landesverband. Krafts Sprecherin Isabelle Lorenz dementiert allerdings jede Einflussnahme auf die Uni Bonn, die vielmehr autonom über ihre 257 Professorenstellen verfüge.

Prorektorin Christa Müller, zuständig für Planung an der Bonner Universität, verweist zu alldem auf die gebotene Verschwiegenheit in Berufungsverfahren und klassifiziert konsequent alles, was Außenstehende in dem Zusammenhang erfahren, als "Gerüchte". "Hintergründe der Stellenzuweisung vom Rektorat brauchen uns nicht zu interessieren", erklärt Fachgruppenleiter Wiedemann. Und fügt ganz amtlich hinzu: "Unsere Berufungskommission entscheidet nach eigenem wissenschaftlichen Urteil." Harald Schweim selbst wollte zum Bonner Berufungsverfahren keine Stellung nehmen.

Bei der Auswahl braucht sie sich auch nicht um das hohe Gehalt des bisherigen BfArM-Präsidenten zu kümmern. Er verdient nach der Besoldungsgruppe B 6 rund 7000 Euro im Monat, während ein normaler Universitätsprofessor (C 4) leicht für einen satten Tausender weniger zu haben ist. Aber für das Professorengehalt muss immer das Ministerium aufkommen. Im konkreten Fall könnte die Uni sich Schweims Sachverstand freilich teilweise gar zum Nulltarif zunutze machen. Denn sie kann den "außerplanmäßigen" (Titular)-Professor regelmäßig zu unentgeltlichen Lehrveranstaltungen verpflichten, nur damit er seinen Titel nicht verliert.

Die Bonner Pharmazeuten haben selbstverständlich die große akademische Freiheit, Schweim überhaupt nicht auf den Berufungsvorschlag an das Ministerium zu setzen. Aber das Ministerium braucht dem Listenvorschlag auch nicht zu folgen. Dann jedoch wäre der Bonner Traum vom deutschen Hochschulzentrum für Regulatory Affairs womöglich ausgeträumt.



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