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Job & Karriere

Deutschlands beste Professoren Der Mann, der für den Tod lebt

Er schreibt Bestseller, moderiert im Fernsehen und geht jetzt sogar unter die Schauspieler. Michael Tsokos, Rechtsmediziner und Professor an zwei Berliner Unis, ist eine Art Popstar. Wie hat er das geschafft?

Im Laufschritt geht es runter in den Kühlraum. Hier liegen die Leichen in langen Regalen nebeneinander, verdeckt von grünen Tüchern, nackte Füße ragen ins Leere. Ein süßlicher Geruch erfüllt die Luft, den man für viele Stunden nicht mehr aus der Nase bekommen wird. Und dann fällt auch noch die Eingangstür mit einem lauten Krachen ins Schloss.

Michael Tsokos, 46, zieht einen Schlüsselbund aus dem weißen Arztkittel, wirft einen Blick darauf und ruft: "Oh, ich habe den falschen mitgenommen, jetzt sind wir hier eingesperrt." Kurze Pause. Er grinst. "War nur ein Scherz. Die Horrorvorstellung für jeden Besucher, oder?"

Rechtsmediziner Michael Tsokos spielt gern den Entertainer, weil er Menschen für seine Arbeit begeistern will. So wurde er nicht nur bei Studenten zu einem beliebten Professor, sondern auch zu einer Art Popstar, zu "Deutschlands bekanntestem Rechtsmediziner", wie ihn viele Zeitungen nennen. Es ist schwer, sich vorzustellen, dass dieser Mann einst ein lausiger Schüler war und seine Karriere einem Zufall verdankt.

Tsokos gilt als Meister seines Fachs. Er arbeitet als Gutachter für die wichtigen Fachjournale, bekommt nicht nur bedeutende Kriminalfälle aus Berlin auf den Tisch, sondern wird auch oft von anderen Staaten zu Rate gezogen. Als das Auswärtige Amt im vergangenen Jahr einen Professor suchte, der ägyptischen Rechtsmedizinern das Ermitteln beibringen soll, sprachen sie natürlich ihn an.

Schriftsteller, Schauspieler, Moderator

Einer breiteren Öffentlichkeit ist er vor allem durch seine Bücher bekannt. Seit 2009 schreibt er fast jedes Jahr einen Bestseller über seine spannendsten Kriminalfälle. 2012 moderierte er eine eigene Sendung im National Geographic Channel: "Suche nach Mister X - das Forensik-Experiment". Im Februar 2013 stand er für einen ZDF-Krimi vor der Kamera, in dem er sich selbst spielt, einen erfahrenen Totenleser. Außerdem wird der Roman "Abgeschnitten" verfilmt, den er gemeinsam mit dem Thriller-Autor Sebastian Fitzek verfasst hat. Erfolgreiche Menschen, heißt es, wissen meist schon als Jugendliche ganz genau, was sie wollen. Sie stecken sich Ziele für die nächsten fünf Jahre und arbeiten sie dann emsig ab. Tsokos sagt, bei ihm sei das anders gewesen: "Für meine Mutter ist es noch heute ein großes Mysterium, wie ich das alles geschafft habe."

Tsokos war ein mittelmäßiger Schüler, "vollkommen bocklos". Nach dem Abitur in Kiel wollte er irgendetwas studieren, "Jura, Lehramt, Medizin oder so". Aber da er sich nicht entscheiden konnte, verpflichtete er sich zunächst für zwei Jahre als Soldat.

Seine damalige Freundin, die in Kiel wohnte, sah er nur noch selten. Also meldete er sich zum Medizinertest an, der dort stattfand. "Das war ein großes Glück." Denn einmal bestanden, überlegte Tsokos, dass er das Fach nun auch studieren könne. Er immatrikulierte sich in Kiel - und plötzlich nahm sein Leben eine Wendung. Tsokos fand von da an "alles klasse".

Sein erster Fall war eine 19-jährige Selbstmörderin

Besonders die Rechtsmedizin packte ihn. Er begeisterte sich für die Detektivarbeit, für "die verschiedenen Facetten des Todes", und blickte gebannt in die menschlichen Abgründe, die sich vor ihm auftaten.

Tsokos ging Ende der neunziger Jahre zweimal ins vom Bürgerkrieg gepeinigte ehemalige Jugoslawien, um mit einem Team von Rechtsmedizinern die Leichen aus den Massengräbern zu untersuchen. Das Uno-Kriegsverbrechertribunal wollte wissen, ob die Menschen nachweislich hingerichtet worden waren. Er werde nie vergessen, erzählt Tsokos, wie eines Tages ein Mann mit einem Trecker vorfuhr. Er musste ihn begrüßen und zu seinen ermordeten Schwestern führen. Als der Mann das Camp wieder verließ, lagen sieben Särge auf seinem Anhänger.

Obwohl er viele schreckliche Dinge gesehen habe, schlafe er exzellent, habe keine Alpträume und auch ansonsten gehe es ihm gut, sagt Tsokos. "Aber sicherlich sind meine vielen Bücher eine Art der Verarbeitung."

Sein erster Fall war der eines 19-jährigen Mädchen, einer Selbstmörderin. Sie hatte erst ein blutverdünnendes Mittel genommen und sich dann die Pulsadern aufgeschnitten. Als das nicht reichte, um endlich zu sterben, sprang sie aus dem zehnten Stock eines Hochhauses. "Ich habe noch viele Jahre später manchmal an sie denken müssen", sagt Tsokos. "Was hätte diese junge Frau bloß alles im Leben erreichen können - mit so einem Durchsetzungsvermögen?"

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