Mit Bachelor in den Schuldienst Berlin streitet um "Lehrer light"

Der Berliner Senat will die Jobchancen für Lehramtstudenten mit Bachelor-Abschluss erhöhen. Sie sollen künftig gleich nach der Uni in den Schulen arbeiten dürfen - als sogenannter Lernassistent. Kritikern geht dieser "Lehrer light" entschieden zu weit.


Bachelor-Absolventen in Bremen: Echter Lehrer oder bloß Kalfaktor?
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Bachelor-Absolventen in Bremen: Echter Lehrer oder bloß Kalfaktor?

Klaus Böger (SPD) hat sich einen neuen Beruf ausgedacht. Nach den Plänen des Berliner Bildungssenators darf man künftig mit einem Lehramt-Bachelor in Ganztagsschulen arbeiten: als Schul-, Lehr- oder Lernassistent. "Dieser pädagogische Lernassistent kann keinen eigenverantwortlichen, selbstständigen Unterricht machen", erklärt er. "Er wird immer eine zusätzliche, assistierende Arbeit übernehmen und dabei unter Aufsicht stehen. Das heißt, er wird lernschwache und besonders befähigte Schüler stimulieren, fördern und fordern."

Anlass für das Projekt ist ein Beschluss der Kultusministerkonferenz (KMK). Laut KMK muss jede Bachelor-Ausbildung "berufsqualifizierend" sein. Der Berliner Senat glaubt, dass man deshalb für einen neuen Lehramts-B.A. auch ein neues Tätigkeitsfeld entwickeln müsse: den Lernassistenten. Doch diese Interpretation wird angezweifelt - vor allem von der Humboldt-Universität. Dort ist man überzeugt, dass Bachelor-Absolventen keinen fest umrissenen Beruf brauchen.

"Berufsbefähigung meint für uns, dass wir jemanden soweit qualifizieren, dass er die Kompetenz besitzt, sich in bestimmten Tätigkeitsfeldern selbst eine Tätigkeit zu erschließen", sagt etwa Heinz-Elmar Tenorth, Vizepräsident der Humboldt-Uni. "Und das ist genauso, wie es bisher bei den Magister-Studiengängen war - die suchen sich auch selbst ein Arbeitsfeld."

Neuer Abschluss: "Bachelor of Education"

Zweifel gibt es auch an der Qualifikation des Lernassistenten: Laut Tenorth werden Studenten in einer normalen Bachelor-Ausbildung nicht darauf vorbereitet, später schwierigen Schülern Förderunterricht zu geben. "Unser Gegenvorschlag heißt, einen richtigen, eigenständigen Ausbildungsgang einzuführen und Förderlehrer zu entwickeln, damit die etwas Sinnvolles in den Schulen tun können und in das Gefüge der Lehrtätigkeiten reinpassen."

Der Hintergrund: Für den Lernassistenten reicht ein lehramtsbezogener "Bachelor of Science" oder "Bachelor of Arts" aus - ein Abschluss, der in der Regel wenig Unterrichtskompetenz voraussetzt. Der Gegenvorschlag der Humboldt-Uni sieht deshalb eine schulbezogene Spezial-Ausbildung vor, mit dem neuen Abschluss "Bachelor of Education".

Dabei gibt es jedoch ein Problem: Mit dem Bachelor of Education wäre der Absolvent ein echter Lehrer. Doch das lehnen Senat, Lehrerverband sowie die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ab.

Matthias Jähne von der GEW Berlin glaubt, dass man in der Bachelor-Regelstudienzeit generell keine Lehrer ausbilden kann: "Ich halte eine Studiendauer von drei Jahren für viel zu wenig, um diese pädagogischen, didaktischen und erziehungswissenschaftlichen Fähigkeiten ausreichend zu erlernen. Deshalb sind wir dafür, dass Lehrerinnen und Lehrer einen Master-Abschluss haben müssen, um das Referendariat machen zu dürfen und danach in die Schule zu gehen."

Lernassistent als umstrittener Kompromiss

Die Humboldt-Uni rechnet dagegen anders: Drei bis vier Jahre Bachelor-Studium plus Referendariat macht vier bis fünf Jahre Ausbildung. Das sei völlig ausreichend. "In den USA oder in England werden Lehrer mit Bachelor-Abschlüssen eingestellt, in der Schweiz wird das ähnlich kommen", sagt Tenorth. "Eine Gesamtausbildungszeit der Erstausbildung von fünf Jahren, die wir angesetzt haben, reicht weltweit aus. Das ist sogar ein Jahr mehr, als die meisten anderen haben."

Das Projekt Lernassistent offenbart somit ein Dilemma: Zum einen soll der Bachelor berufsqualifizierend sein, zum anderen wird von einem echten Lehrer aber ein Masterabschluss verlangt. Der umstrittene Kompromiss ist der Lernassistent, der "Lehrer light". An der Humboldt-Universität erwartet man nun ähnliche Probleme bei der Reform weiterer Studiengänge.

Vizepräsident Tenorth befürchtet, dass man etwa mit einem Jura-Bachelor künftig ebenfalls nirgendwo richtig arbeiten kann, weil Staat und Berufsvertretungen ausschließlich Masterabschlüsse akzeptierten. "Man macht die Studienreform mit der Intention, kurze, berufsbefähigende Studiengänge zu erfinden, dadurch zunichte, dass gleichzeitig gesagt wird: Ihr müsst das zwar machen, aber als Qualifikation erkennen wir das nicht an - bei uns muss jeder Master sein", so Tenorth.

Von Jens Rosbach, "Campus und Karriere" / Deutschlandfunk

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